Full text: Hessenland (16.1902)

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Für Laukhardt war diese Einladung eine große 
Freude. 
Am kommenden Sonntagnachmitkag sattelte er 
seinen Braunen,- nahm Abschied von Frau und 
Kindern und ritt wohlgemut nach Selters zu, ohne 
zu ahnen, daß er seine liebe Frau auf Erden nie 
mals mehr Wiedersehn sollte. 
Er ritt über Lißberg und Ortenberg nach Selters, 
fragte nach dem Haus des Amtmanns Radeseld 
und ward von diesem auf das freundlichste bewill- 
kommt. 
Radefeld ließ einen kleinen Imbiß kommen, und 
bald saßen die beiden alten Freunde in traulichem 
Gespräch beim Mahle, wenn es auch Pfarrer Lauk 
hardt auffiel, daß sein Freund so unruhig und 
zerstreut war und alle Augenblicke aus dem Fenster 
schaute, gleich als wenn er jemand erwartete. 
Laukhardt, der seinen Blicken folgte, sah, wie 
zwei Landjäger in der gräflich hanauischen Uniform, 
in voller Rüstung mit Flinte und Säbel aus das 
Haus zukamen. 
„Nun, lieber Freund, habt Ihr denn auch am 
Sonntag keine Ruhe vor Amtsgeschäften?" fragte 
er den Amtmann. 
„Es scheint so", entgegnete Radeseld kurz, seinen 
Gast mit scheuem Blick streifend. 
Unterdessen traten auch schon die Landjäger ins 
Zimmer und Radefeld befahl ihnen in herrischem 
Ton: „Bindet den Mann hier und liefert ihn 
sicher nach Hanau ins Gefängnis!" 
Pfarrer Laukhardt schaute seinen Freund mit 
irrem Blick an, ungewiß, ob es Ernst oder Scherz 
sei, — aber es war bitterer Ernst, denn schon 
waren die Landjäger herzugetreten und hatten dem 
bestürzten Pfarrer, der gar nicht daran dachte, sich 
zu wehren, die Hände gefesselt. Da begriff Pfarrer 
Laukhardt, daß er einem tückischen Judasstreich zum 
Opfer gefallen war; Thränen stürzten ihm aus den 
Augen, fassungslos sank er auf seinen Sessel nieder. 
Tie beiden Landjäger wußten nicht, was sie aus 
der Sache zu machen hatten, und erwarteten weitere 
Befehle des Amtmannes; dieser kehrte ihnen in 
dessen den Rücken zu und trommelte ungeduldig an 
den Fensterscheiben. 
Rach einigen Minuten hatte sich Pfarrer Lauk 
hardt wieder soweit gefaßt, daß er reden konnte. 
„Radefeld, lieber, lieber Freund," flehte er, „ist 
das Euer Ernst, daß Ihr mich armen Mann ins 
Unglück stürzen wollt? denkt Ihr denn nicht an 
unsre alte, langjährige Freundschaft? Hab' ich Euch 
je etwas zu Leids gethan? Wie wollt Ihr den 
Kummer verantworten, den Ihr über meine liebe 
Frau und meine lieben Kinderlein bringt? O, Ihr 
kennt ja meine Kinder, erbarmt Euch meiner doch 
um ihretwillen! Ach, lieber Freund, so redet doch 
und erbarmt Euch meiner!" 
Der Amtmann aber antwortete seinem Freunde 
ltnb Gast kein Wort, sondern befahl nochmals mit 
rauher Stimme: „Thut, was ich Euch befohlen 
habe!" und verließ das Zimmer, um in sein neben 
liegendes Schlasgemach zu treten. 
Nun sah Laukhardt, daß alle Hoffnung verloren 
sei, daß alles Bitten und Flehen vergeblich sein 
würde; denn die beiden Landjäger rissen ihn empor 
und führten ihn aus dem Hause, und trotzdem die 
Nacht hereingebrochen war, geradewegs auf die Land 
straße nach Hanau zu. 
Die ganze Nacht hindurch dauerte der Marsch, 
während dessen Pfarrer Laukhardt manch heißes 
Gebet zu Gott emporsandte und viele bittere 
Thränen vergoß. 
In der Frühe des nächsten Morgens begegnete 
ihnen eine Schar Landleute, die von Frankfurt 
zurückkehrten, und dabei erkannte Laukhardt einen 
Hirzenhainer, der ganz erschrocken stehen blieb, als 
er seinen lieben Pfarrer, von zwei Landjägern 
transportiert, des Weges kommen sah. 
Pfarrer Laukhardt rief ihm schluchzend zu: „Ach. 
Straub, sagt doch meiner Frau, daß der Amtmann 
Radefeld an mir gehandelt hat wie ein rechter 
Judas und mich gefangen nach Hanau einliefern 
läßt." — 
(Fortsetzung folgt.) 
Aus alter urtò neuer Zeit. 
Authentisches über die Vergiftung des 
Hoslakaien Bechstädt. Über den Fall Bech- 
städt sind in letzter Zeit wieder verschiedene 
Meinungen laut geworden. Da es nun wohl von 
allgemeinem Interesse sein dürfte, etwa bestehende 
Zweifel aufzuklären, so möchte ich eine kurze Ab 
fassung aus dein Tagebuch meines Großvaters, des 
Leibarztes Sr. Königlichen Hoheit des Kurprinzen 
und Mitregenten, Geheimen Hosrats und General 
stabsarztes Dr. Bäu ml er, in wörtlicher Abschrift 
zur Verfügung stellen. 
„Mit dem neuangehenden Jahre 1822 trat 
auch bald neuer Verdruß ein, besonders aber er 
eignete sich ein Unglück an unserem Hose, das mir 
trotz der größten Mühe und pflichtmäßigster Dienst- 
erfüllung recht viel Verdruß machte. Es ging 
nämlich Se. Hoheit der Kurprinz im Monat Januar 
zwei verschiedenmal aus die Maskerade, in der
	        

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