Full text: Hessenland (16.1902)

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seine Spielsucht, eine Leidenschaft, der er im Ge 
heimen sröhnte, ties in Schulden geraten sei und 
zwar mit herrschaftlichen Geldern. Mit Thränen 
und Schluchzen berichtete sie, daß die Hanauer 
Herrschaft über sechstausend Gulden non ihm zu 
verlangen habe. 
Der Gras sei gestern bei ihnen in Bruchköbel 
gewesen und habe gedroht, wenn nicht Küfner binnen 
acht Tagen die Summe bezahle oder doch einen 
annehmbaren Bürgen stelle, so werde er seines 
Amtes entsetzt und als „gottloser Schuldenmacher" 
ins Gefängnis geworfen. Nur die Rücksicht auf 
Küfners einflußreiche Verwandschaft habe den Grafen 
abgehalten, schärfere Maßregeln zu ergreifen. 
Aus der Herreise habe sie bereits beim Amtmann 
Radefeld in Selters vorgesprochen und ihn gebeten, 
ihrem Manne durch Übernahme der Bürgschaft zu 
helfen, da derselbe ihm ja auch geholfen habe, die 
Stelle in Selters -zu erlangen. Der Amtmann 
Radeseld aber habe die Achseln gezuckt und erklärt: 
„er bedaure sehr, aber bei den jetzigen Zeitläuften 
sei das Geld so rar, und er wisse wirklich keinen 
Ausweg, wie dem Herrn Amt- und Hoskellerer, den 
er im übrigen sehr hoch schütze, zu helfen sei". 
„Ich weiß keinen anderen Rat," schloß Elisabeth : 
ihre Klage, „als daß Ihr mir helft, lieber Vater; 
ja um Gottes Barmherzigkeit willen helft doch, und 
laßt uns nicht im Stich; was soll denn sonst aus 
mir werden und meinen fünf Kindern?" und dabei 
warf sie sich ihrem Vater-zu Füßen und umfaßte 
schluchzend seine Kniee. 
Laukhardt war ein bibelfester Mann, aber bei 
dem Jammer seiner Tochter dachte er nicht an die 
alttestamentlicheu Worte aus den Sprüchen Salomos: 
„Wer für einen andern Bürge wird, wird gewiß 
Schaden haben," und: „Es ist ein Narr, wer 
in die Hand gelobt und Bürge wird für seinen 
Nächsten," oder was Sirach sagt: „Bürge werden 
hat schon viele reiche Leute verderbet", sondern er 
wandte seinen Blick hinüber nach seiner Frau, die 
still weinend dabeisaß, und als sie ihm ermunternd 
zunickte, da zog er die vor ihm Knieende herauf 
an seine Brust und sagte: „Sei getrost, Elisabeth, 
um Deiner verstorbenen Mutter willen sollst Du 
nicht im Stich gelassen werden. Wenn ich auch 
selbst nicht weiß, wie ich eine solche Summe aus 
bringen sollte, so will ich doch die Bürgschaft über 
nehmen; aber Du und Dein Mann müßt sehen, 
wie Ihr alsbald die ungeheuere Summe könnt an 
fangen zu tilgen, daß ich nicht selbst noch zu 
Schaden komme." 
Mit den herzlichsten Dankesworten versicherte 
Elisabeth, alles thun zu wollen, was nur möglich 
sei, um ihrem lieben Vater jede Unannehmlichkeit 
zu ersparen; sie selbst wolle sich mit ihres Mannes 
Rechnungsbüchern vertrant machen, und so hoffe sie, 
im Laus der Jahre die Schuld abtragen zu können. 
Tags darauf reiste Elisabeth in aller Frühe zurück, 
den wohlverbriesten und versiegelten Schuldschein 
in der Tasche, um ihrem Manne die frohe Botschaft 
zu bringen, und im Pfarrhaus zu Hirzenhain ging 
alles wieder seinen gewohnten Gang. 
Im November 1726 wurde im Pfarrhaus ein 
zweites Töchterlein geboren, das die Namen Sabine 
Christiane erhielt nach seiner Taufpatin, der Tochter 
des Kreisleutnants Vigelii zu Wenings. 
Ein weiteres Jahr verfloß, welches die Psarr- 
samilie mit Gottes Hülse glücklich und gesund ver 
lebte ; Pfarrer Laukhardt stand in freundschaftlichem 
Verkehr mit seinem Schwiegersohn, dem Pfarrer 
zu Wenings, sowie mit seinem Schwager, dem 
dortigen Kreisleutnant, besonders aber auch mit 
dem schon vorhin genannten lutherischen Pfarrer 
Leidenfrost zu Ortenberg. 
Da endlich kam die Stunde für den Grafen von 
Hanau, Rache zu nehmen an dem tapferen Pfarrer, 
der vor 17 Jahren im Ortenberger Kirchenstreit 
so tapfer „für das Vaterland" gefochten hatte. 
Viertes Kapitel: 
Der falsche Freund. 
Mit Radeseld war der Verkehr fast gänzlich ein 
geschlafen. Der weite Weg von Hirzenhain nach 
Selters, sowie die vielfachen Amtsgeschäfte ver 
hinderten den Pfarrer Laukhardt „seinen alten Be 
kannten und Freund" — wie Radeseld immer in 
der Chronik genannt wird — aufzusuchen, zumal 
ihn sein Familienglück auch vielfach ans Haus fesselte. 
Radeseld dagegen hatte in den letzten drei Jahren 
noch mehrfach die Gastfreundschaft des Hirzenhainer 
Pfarrhauses in Anspruch genommen, was übrigens 
der Psarrsrau niemals sehr angenehm war, denn 
sie mochte den Amtmann nicht leiden; allerdings 
verlieh sie ihren Gefühlen keine Worte, nicht ein 
mal gegen ihren Mann, weil sie sah, wie sehr der 
selbe sich freute, so oft „sein alter Bekannter und 
Freund" ihn besuchte. 
Deshalb sagte sie auch nichts dawider, als am 
2. November einige Hirzenhainer Ortsbürger, die 
vom Ortenberger „Kalten Markt" heimkehrten, ein 
Brieflein des Amtmanns Radefeld überbrachten, 
in dem dieser seinen lieben Freund Laukhardt ein 
lud, ihn doch endlich einmal in Selters zu besuchen 
und so die alte Freundschaft zu erneuern. „Ich 
würde mich sehr freuen," lauteten die Schlußworte 
des Briefes, „wenn Ihr, mein lieber Freund, am 
nächsten Sonntag Nachmittag zu mir kommen und 
von der Gastfreundschaft eines hanauischen Amt 
manns Gebrauch machen wolltet."
	        

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