Full text: Hessenland (16.1902)

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„So nahe' geht Dir mein Fortgehen von hier, 
liebes Kind?" 
„Ach, ja, ich darf garnicht daran denken!" 
„Auch mir wird es um Deinetwillen nicht leicht, 
hier fort zu müssen. Du bist mir ja lieb geworden 
wie eine jüngere Schwester, Stanzchen. Das hat 
alles die Musik fertig gebracht, nicht wahr?" 
„Nur die liebe Musik", bestätigte das Mädchen 
freudig. Gleich daraus glitt ein Schatten über ihr 
Gesicht, und sie meinte fast traurig: „Wenn Sie 
erst fort sind, Herr Lehrer, ist niemand mehr hier, 
der meine Freude an der Musik begreift." 
Der junge Mann war gleichfalls sehr ernst ge 
worden. Augenscheinlich eine tröstliche Antwort 
suchend, dachte er kurze Weile nach und versetzte: 
„Stell Dir nur immer vor, Stanzchen, daß ich 
oft in Gedanken bei Dir bin und alles gern mit 
Dir teilen würde, wenn sich's nur möglich machen 
ließe." Er nahm die kleine Freundin bei der Hand, 
führte sie zu einer Bank und fuhr neben ihr Platz 
nehmend fort: „Jetzt sollst Du auch erfahren, wes 
halb ich so bald als möglich von hier fort muß. 
Durch Vermittelung des Herrn Sanitätsrat hat 
mir nämlich ein sehr reicher Mann in Frankfurt 
die Mittel gewährt, mich ans der Violine weiter 
auszubilden." 
„Ach nicht möglich!" rief Stanzchen überrascht. 
„Natürlich, dann müssen Sie fort, recht bald fort) 
Herr Lehrer. Ich bin ganz glücklich für Sie, ich 
kann garnicht sagen, wie sehr!" 
Über die hübschen männlichen Züge des Lehrers 
glitt tiefe Bewegung. Ein heißer Wunsch wurde 
Meister über ihn, er ergriff des Mädchens Hand 
und drückte diese so heftig, daß die großen braunen 
Augen ganz verwundert zu ihm ausblickten. „Ich 
danke Dir für Deine Teilnahme an meinem Glück, 
Stanzchen," sagte er mit verhaltener Wärme. „Sie 
thut mir wohl. Du ahnst gar nicht, wie wohl! — 
Könntest Du doch mit mir gehen!" 
„So etwas darf man sich garnicht vorstellen," 
meinte sie traurig. „Denn dann wür's hier über 
haupt nicht zum Aushalten!" 
„Hab' nur Geduld", tröstete der junge Mann. 
„Ich bin fest überzeugt, Kind, auch Du wirst zur 
rechten Zeit eine hülsreiche Hand finden, vielleicht 
kann ich sie Dir selbst bieten! Und dann — wenn 
viele Jahre vorüber sind — dann treten wir, will's 
Gott, einmal zusammen in einem Konzerte auf." 
Der heitere Ausblick in die Zukunft stimmte auch 
das Mädchen wieder froh. „Wir beide!" rief 
sie kindlich beglückt, „das wäre ja zu schön, das 
wäre herrlich!" 
Er stimmte, keinen Blick von ihrem erregten Ge 
sichte wendend, freudig zu und meinte noch lächelnd: 
„Hoffentlich hast Du aber daun den abscheulichen 
Namen abgelegt! Er dringt mir immer wie ein 
greller Mißton in die Ohren. — Stanzchen Müller! 
Wie kann nur ein Kind mit einer so schönen Stimme 
Stanzchen Müller heißen!" 
Beide lachten wie Kinder und plauderten noch 
ein wenig zusammen. Dann setzte sich Lehrer 
Mellinor wieder ans Klavier, und Stanzchen sang 
zu seiner Begleitung verschiedene Volkslieder. Als 
der junge Mann endlich von einem Freunde ab 
geholt wurde, war die Strafzeit längst um ein 
Beträchtliches überschritten. 
Das Mädchen verabschiedete sich schnell und eilte, 
noch glühend vor Erregung, nach Hause. Ach, dachte 
sie indessen voll stillen Glückes, wenn ich nur jeden 
Tag eine solche Stunde sitzen bleiben dürste! 
Ehe der junge Lehrer das Städtchen verließ, 
schenkte er der kleinen Freundin ein Album zum 
Andenken. Ans die erste Seite desselben hatte er 
den Nückertschen Vers geschrieben: 
/,Vor Jedem steht ein Bild deß, das er werden soll. 
Solang er das nicht ist, ist nicht sein Friede voll." 
Als Schlossermeister Müller einige Tage später 
das Album betrachtete und den Vers las, fragte er 
einen für ganz besonders unterrichtet gehaltenen 
Bekannten: „Sah emol, Schorsch, was meint daun 
der Schoulmäster nur mit dem Bersch?" 
„No," sagte der Andere nachdenklich, „der meint, 
Tei Stanzche sott nil unue stich bleiwe und sich 
recht hoch nuff mache." 
„So, na, Grase und Ferschte könne doch nit 
alle Leut wern. Der Mensch soll merr doas Mädche 
nit verrückt mache." 
„Woas leiht an so ein Bersch! Ist der Manu 
selbst fort, ist bei deue Weibsleut alles fort." 
„Doas stimmt," bestätigte der Meister. „E woahr 
Glück, daß der Schoulmäster sein' Sparrn jetzt 
aunerschwo unner Dach gebroacht Hot." 
(Fortsetzung folgt.) 
Aus alter und neuer Zeit. 
Aus alten Studentengesetzen der Uni- ! die im Gegensatz zu unseren heutigen Verhältnissen 
versität Marburg. Vor mir liegen drei Hefte | ein merkwürdiges Spiegelbild der guten alten Zeit 
von Vorschriften für die Studirenden der Universität ! liefern und mit denen sich unsere heutige Studenten- 
Marburg aus den Jahren 1796, 1819 und 1826, ; jugend wohl schwerlich einverstanden erklären würde.
	        

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