Full text: Hessenland (16.1902)

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„Wilhelmshöhe wohl auch ganz verändert? Wohl 
auch hier viel Aussicht gemacht haben? Alles ver 
ändern wollen und vergessen machen, wohl weiß 
das." 
Der Kasselaner: „Wilhelmshöhe,Königliche Hoheit, 
ist doch im ganzen im früheren Zustand geblieben. 
Hofbauinspektor Knyrim und Hofgärtner Vetter 
sorgen noch heute für ausgezeichnete Instandhaltung 
der Anlagen und Gebäude." 
Der Kurfürst: „Vetter ein sehr guter Hofgürtner 
ist und schon sorgen wird, daß mir alles in gutem 
Zustande erhalten wird. Schombardt jetzt gute 
Wirtschaft hat; bei Napoleon viel Geld verdient 
hat. Was wissen Sie von Napoleon?" 
Der Kasselaner: „Zu dienen. Königliche Hoheit. 
Ich war bei der Restauration des Schlosses nach 
dem Abzüge Napoleons gerade oben." 
Der Kurfürst: „Sehr interessant. Mir das alles 
erzählen wollen." 
Der Berichterstatter erzählte nun dem Kurfürsten 
sehr weitläufig, wo Napoleon gewohnt hatte. Ver 
schiedenes über die von ihm eingehaltene Haus 
ordnung. wobei ihn der Kurfürst öfters, augen 
scheinlich sehr interessiert, lebhaft unterbrach. Bei 
der Bemerkung, daß das Arbeitszimmer des Kur 
fürsten auch das des Kaisers geworden sei, wurde 
der Kurfürst sehr erregt und sagte: 
„Diesem Manne, diesem Erzspitzbuben, mein 
Zimmer eingeräumt haben —! Seinen Lohn be 
kommen hat, uns aber nichts hilft." 
Beide verweilten noch längere Zelt bei diesem 
Thema, bei der Erzählung jedoch, daß Napoleon 
sich eine preußische Batterie zur Besichtigung hatte 
vorführen lassen,, schüttelte der Kurfürst zweifelnd 
den Kops. Als der Besucher einen Wagen vor 
fahren hörte, wollte er ausstehen und sich entfernen. 
Der Kurfürst sagte aber: 
„Nur ruhig sitzen bleiben. Isabellen alle Tage 
kommen. Isabellen noch zwölf Stück habe. Müssen 
mal nach der Villa Kinsky gehen, meinen Marstall 
sehen. Schöne Besitzung, schöner Berggarten. 
Schöne, große Zimmer. Historische. Nachbarschaft, 
Schlösser Wallenstein und Fürstenberg, wo Herzog 
von Friedland gewohnt hat. Auch keine schönen 
Zeiten damals waren." 
Dann standen beide aus, und der Kurfürst sagte: 
„Nun einmal sehen, wie ich wohne." Er öffnete 
eiireu Salon, wo die Ölgemälde seiner sämtlichen 
Kinder hingen, und sagte: „Wohl kennen meine 
Kinder?" Aus die bejahende Antwort sagte der 
Kurfürst: „Nun meiner Frau auch noch einen 
Besuch machen." Er öffnete eine Saalthüre, und 
unser Kasselaner befand sich plötzlich der Fürstin 
von Hanau gegenüber. Der Kurfürst sagte: „Ich 
Dir einen Besuch aus Kassel bringe, der seine 
silberne Hochzeitsreise zu lins nach Prag gemacht 
hat" und fügte scherzend hinzu: „Ja, grüne 
Hochzeitsreise weit besser ist." Die Frau Fürstin 
von Hanau war ebenfalls sehr freundlich und er 
kundigte sich nach vielen Kasseler Persönlichkeiten, 
besonders nach einer Frau von Lepel, die lange 
im Hause unseres Gewährslnaunes gewohnt hatte, 
und die sie öfters daselbst besucht habe. 
Nach einer halbstündigen Unterhaltung begleitete 
Se. Königliche Hoheit den Besuch wieder bis in 
sein Zimmer zurück, schüttelte ihm die Hände, be 
dankte sich und sagte: „Sie haben mir eine große 
Freude gemacht." 
Damit war die Audienz des Kasseler Bürgers 
bei seinem alten Landesherrn beendet. 
Heffen-Oarinstaöts Abfall von Napoleon I 
Von Di-, ph.il. Bergör in Gießen. 
iFortsetzilng.) 
m 24. Oktober überbrachte der bairische Major- 
Prinz von Thurn und Taxis, Adjutant des 
Königs Mar Joseph, dem Großherzoge Ludwig 
von Hessen einen Briefs Wredes, der eine Auf 
forderung zum Beitritt zur Sache der Verbündeten 
enthielt. Es heißt darin unter anderem: „Da 
in wenig Tagen der Gang der Operationen starke 
Truppenabteilungen meiner unterhabenden Armee 
in Eurer Königlichen Hoheit Staaten führen wird, 
so liegt mir nichts mehr am Herzen, als der 
gesamten Armee sagen zu können, daß die groß- 
herzoglich hessischen Lande als föderative Staaten 
angesehen und behandelt werden sollen." Daher 
sei unbedingt nötig: die Entfernung des fran 
zösischen Gesandten Vandeuil vom Darmstädter 
Hose und der Anschluß der hessischen Truppen 
an die der Verbündeten. Der großherzogliche 
Hof glaubte, in Anbetracht der noch unsicheren 
Lage sich ablehnend verhalten zu müssen. Eine 
Wendung trat ein, als bald daraus der Haupt 
mann Fresenius von der Großen Armee in 
Darmstadt erschien und meldete, Prinz Emil von 
Hessen sei an der Spitze seiner Truppen bei Leipzig 
durch die Verbündeten gefangen genommen worden. 
Jetzt wagte man in Darmstadt einen Schritt 
vorwärts und ordnete am 26. Oktober den Baron 
') Veröffentlicht bei Arthur Kleinschmidt, S. 251.
	        

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