Full text: Hessenland (16.1902)

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bei sich empfangen und mit ihm über sein ihm so liebes 
Kassel und die hessische Heimat plaudern zu können. 
Ein angesehener Kasseler Bürger, der lange 
Jahre in den städtischen Körperschaften eine einfluß 
reiche Stellung bekleidet hatte, und der, obwohl 
er sich in die neuen Verhältnisse völlig hinein 
gelebt, doch persönlich noch seinem angestammten 
Landesherrn Treue und Anhänglichkeit bewahrt 
hatte, war nach Prag gekommen und hatte eine 
längere Audienz bei Sr. Königlichen Hoheit in 
dem Palais der Waldsteingasse erhalten. Von 
dieser zurückgekehrt, hatte sich mein Gewährsmann 
sofort niedergesetzt und den Inhalt dieser Unter 
redung fast wörtlich niedergeschrieben. Diese Auf 
zeichnung war mir mit der Bestimmung von ihm 
übergeben worden, dieselbe später den Lesern des 
von ihm geschützten „Hessenlandes" mitzuteilen. 
Dem Wunsche unseres längst verstorbenen braven 
Mitbürgers sei hiermit entsprochen. 
Aus der Unterredung geht allerdings hervor, 
daß der letzte Kurfürst in betreff der preußischen 
Besitzergreifung und der von der Königlichen Re 
gierung getroffenen Maßregeln doch hier und da 
falsche und übertriebene Mitteilungen erhalten hatte, 
die Sr. Königlichen Hoheit gegenüber richtig zu 
stellen, unser Gewährsmann nicht versäumt hat. 
Auch die Redeweise des Kurfürsten, der die Ge 
wohnheit, in Infinitiven zu sprechen und durch Weg 
lassung der Pronomina und Relativa die Satze zu 
kürzen, angenommen hatte, wird uns eigenartig be 
rühren. Diese kurze und prägnante Ausdrucksweise 
ist aber als charakteristisch auch in dem vorliegenden 
Referate beibehalten worden. 
Nachdem der Hosmarschall und Flügeladjutant 
von B er sch u er unsern Kasselaner im Empsangs- 
salon zunächst freundlich begrüßt hatte, erhielt der 
Kammerdiener Befehl, den aus Kassel eingetroffenen 
Besuch Sr. Königlichen Hoheit zu melden. 
Bei seinem Eintritt fand der frühere Unterthan 
seinen alten Landesherr» mit der rechten Hand 
aufgestützt an einem Schreibtisch sitzend. Der 
Kurfürst trug einen dunkelblauen, hoch zugeknöpften 
Oberrock, aus der Brust den Stern des goldenen 
Löwenordens. Er trug ferner dunkle Beinkleider, 
und eine schwarze Atlasbinde mit sog. Vatermördern, 
die der Kurfürst mit Vorliebe anlegte, sobald er 
in Zivil ging, fehlte auch jetzt nicht. 
Nach einer Verbeugung führte sich unser Lands 
mann mit folgenden Worten ein: 
„Königliche Hoheit wollen einem geborenen Kur 
hessen gestatten, seinem angestammten Landesherrn 
die ergebenste Aufwartung zu machen —" woraus 
der Kurfürst erwiderte: „O, sehr angenehm" und 
den Besucher aus einem Sessel an dem Schreibtisch 
neben sich Platz nehmen ließ. 
In der Einleitung des nun folgenden Gesprächs, 
bei welcher der Kasselaner auf eine Begrüßung 
des Kurfürsten in seiner alten Residenz hindeutete, 
sagte dieser: „Ja, das wohl noch einige Zeit dauern 
wird! Wohl wissen, daß es ein kurhessisches Ver 
hängnis ist, sieben Jahre fortbleiben zu müssen. 
Wissen doch von meinem Großvater, der auch hier 
gewesen ist. Nun mir sagen wollen, wie es in 
meinem lieben Kassel aussieht?" 
Der Kasselaner: „Die großen Veränderungen in 
Europa sind auch in Kassel nicht spurlos vorüber 
gegangen. Manches hat sich wohl zum Guten 
gewendet. Ich kann Königlicher Hoheit aber die 
Versicherung geben, daß vieles früher angenehmer 
war." 
Der Kurfürst: „Mir in Kassel so etwas nie 
gesagt ist. Mir sagen wollen, wie es in der Aue 
jetzt aussieht? Man Alleen abmachen, alles um 
arbeiten, alles zu Geld machen will? Ob wahr ist?" 
Der Kasselaner: „Doch wohl nicht in der Aus 
dehnung, wie Königliche Hoheit anzunehmen scheinen. 
Man hat in der Aue im letzten Winter abgeholzt, 
nicht mehr und nicht weniger wie sonst." 
Der Kurfürst: „O, nein, besser weiß. Alleen 
abgeholzt haben, alles abreißen und verkaufen, 
alles zu Geld machen." 
Der Kasselaner: „Königliche Hoheit, es sind in 
der Bellevue nur die eisernen Staketen abgenommen, 
und man sagt, Herr Oberpräsident von Möller, 
der ein großer Naturfreund ist. habe dieses nur 
der Aussicht halber gethan." 
Der Kurfürst: „Ach was, Aussichten in Kassel 
immer genug gewesen sind." 
Der Kasselaner: „Dann hat man auch das 
Orangerieschloß fertig ausgebaut."' 
Der Kurfürst: „O, gut bauen haben!" 
Der Kasselaner: „Auch hat mau bei der Restau 
rierung unsern hessischen Gefühlen Rechnung getragen, 
da man an Stelle der römischen Kaiser die Medaillons 
unserer hessischen Landgrafen gesetzt hat." 
Der Kurfürst: „Ach was; Orangerieschloß ein 
ganz italienischer Bau ist. Die hessischen Land 
grafen da gar nicht zu Hause sind." 
Der Kasselaner: „Die Medaillons sind aber von 
knnstgeübterHandgemacht.vonProsessorHassenpflug." 
Der Kurfürst: „Hassenpflug tüchtiger Mann, aber 
manchmal närrischer Kauz gewesen. Ich wohl 
wissen, daß er in Fulda in der Michaelskirche den 
St. Georg mit dem Drachen gemacht hat. aber an 
nackte Füße ihm Sporen geschnallt hat." 
Während dieser Unterredung hielt der Kurfürst 
ein kleines Notizbuch in der Hand, in welches er 
von Zeit zu Zeit einen Blick warf. So brach er 
I nach einem solchen Blick das Thema vom Oraugerie- 
I schloß ab und fragte aus einmal ganz rasch:
	        

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