Full text: Hessenland (16.1902)

Die Schönheit. 
Einst neigte mir die Schönheit sich: 
„M komm —ich will dich lächeln lehren! 
Ich thn dir auf mein Götterreich — 
Pit mußtest allzuviel entbehren I" 
Sie kam als eine schlanke Frau 
Mit weißen Iris in den Maaren, 
Sie kam im Abendsonnenlicht 
Auf roten Wolken angefahren 
Und streute Purpur in den Fluß 
Und dunkle Gluten auf die Wälder, 
Oie peide ließ sie schimmernd wehn 
Und wie ein gold'nes Meer die Felder. 
Sie sprach: „M wisse, daß mein Reich 
So weit ist wie der Menschen Perzen. 
Mir dient der Freude Iubelchor — 
Mir dienen große, tiefe Schmerzen. 
Mir dient der Traum iu Menschenbrust, 
Per sich nach meinem Antlitz sehnet 
Und, rastlos schaffend Werk auf Werk, 
Sich nahe der Vollendung wähnet. 
Mir dient das heiße wilde Wort, 
Pas nie genügt, um auszusagen, 
Welch' ein Geheimnis wunderbar 
Pie ftaubgebund'nen Seelen tragen. 
Mir dient die Form des Menschenleibs, 
Prin alle Leidenschaften schlafen — 
Mir dient des Auges Wunderstrahl, 
Parin sich Lebensgeister trafen. 
Pas Schicksal dient mir, selbst die Schuld. 
Mir dienen Sturm und Meer und Wellen. 
Mir dient der Krieg, mir dient die Pest 
Und Schiffe, die am Fels zerschellen. 
Mir dienen Liebe und der Tod, 
Pas dunkle Grab, das bittre Scheiden, 
Pes Glaubens stolze Ritterschaft, 
Pes Pimmels ferne Seligkeiten. 
Ich thu dir auf mein Götterreich! 
Ich will dich meine Sprache lehren. 
Im Schauen sollst du glücklich sein, 
Pu mußtest allzuviel entbehren." 
Sotnmerstünne. 
Mitten in die Sommernacht 
Rief des perbstes Sturm: Ich komme! 
püte dich, du Rosenpracht! 
püte, Lilie, dich, du Fromme. 
püte sich, was lose hängt! 
püte sich, was hart am Pfade 
Staub'ger Mittagshauch versengt, 
Penn ich kenne keine Gnade! 
Was zu heiß das Licht geküßt, 
Was zu voll sich wiegt in Blüte, 
Was zu schmuck und lebend ist, 
Paß es berge sich und hüte! 
peisah höh! Ich spiel' zum Tanz! 
Lockend Lied weiß meine Geigen! 
Fort zum Wirbel aus dem Kranz, 
Junges Leben an den Zweigen! 
In die Wolken trag' ich dich, 
Laß dich bis zum Pimmel fliegen! 
Wo du bleibst? Was kümmert's mich? 
Ich will nichts als wehn und siegen! 
Kehrt der Morgensonnenschein — 
pei — dann wird auf Waldeshöhen, 
pei — dann wird an Feld und Rain 
Mancher kahle Stengel stehen! 
Mitten in des Jahres Buch 
Will ich meinen Rainen schreiben — 
Und ein scharfer, müder Zug 
Wird in Sommers Antlitz bleiben. 
Regensburg. ibmse Keiter=Kellner (ITC. Berbert).
	        

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