Full text: Hessenland (16.1902)

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zweiten Kindes, und Peter, der Jüngste, ward 
gräflich stolbergischer Reviersörster zu Gedern. 
Nun waren Pfarrer Laukhardt und seine Frau 
allein im Pfarrhaus zu Hirzenhain; mit den beiden 
jüngsten Kindern konnten sie Verkehr pflegen, denn 
sie waren in der Nähe, wahrend Bruchköbel schon 
zu weit entfernt war, um mit Elisabeth mehr als 
ein- bis zweimal im Jahre zusammen zu kommen. 
Seit 1719 kränkelte Frau Pfarrer Laukhardt 
zusehends; die Aufregungen des Ortenberger Kirchen 
streits berührten auch ihr Gemüt; dazu kam, als ein 
schwerer Schlag für das treue Mutterherz, der 
plötzliche Tod ihrer Tochter Anna im Jahre 1719, 
und so erlosch ihr eignes Leben unmerklich ohne 
eigentliche Krankheit im folgenden Jahre, nachdem 
sie noch mit ihrem Manne zusammen durch den 
Empfang des heiligen Abendmahles ihren Glauben 
gestärkt und ihre Seele getröstet hatte. 
Ihre letzten Worte waren Offenbarung Johannis 
Kapitel 22, Vers 20 gewesen: „Es spricht, der 
solches zeuget; Ja, ich komme bald; Amen, ja, komm 
Herr Jesu!" 
Pfarrer Laukhardt aber schrieb ins Kirchenbuch 
ein: „Anno 1720, den 5. Aprilis Frühmorgens 
gegen 9 Uhr Ist mein, Johann Philipp Laukhardts, 
anitzigen Pfarrers zu Hirzenhain, Gott und den 
Menschen liebreich gewesene hertzliche Ehefrau, Frau 
Eva Katharina, eine gebohrne Schellin, im Herrn 
sanfft und selig entschlossen, und den 9. dieses Christ 
ziemlich in hiesige Kirche neben das Freyherrliche 
Ried-Eselische Begräbnis in eine gewölbte Toden- 
kammer beigesetzt worden. Aber der Allmächtige und 
Gerechte Gott verleihe dem entseelten Körper eine 
sanffte Ruhe bis zur heiligen Vereinigung der all 
gemeinen Auferstehung der Toden mit der allbereit 
in der Hand Gottes seyenden seligen Seele; mir 
aber in aller Gnade umb Jesu willen eine selige 
Nachfahrt in Frieden. Amen. Der Leichentext war 
Apokal. 22. 20, nach welchem letzten Glaubens 
seufzer sie in Gnaden von diesem Leibe des Todes 
erlöset worden." 
Über der ausgewölbten Grabstelle seiner Frau 
ließ Pfarrer Laukhardt einen Grabstein errichten, 
aus dem außer den Namen und dem Leichentext 
oben rechts und links zwei hübsche Engelsgestalten 
ausgehauen waren; dazwischen ein Lamm mit der 
Fahne und im Dreieck das Auge Gottes. 
Pfarrer Laukhardt stand nun ganz allein, da er 
keine eignen Kinder hatte und seine beiden Stief 
kinder Elisabeth und Peter auswärts wohnten. 
Mit Hülfe der alten, treuen Magd, die mit seiner 
Frau aus Crainfeld übergesiedelt war, führte er 
seinen Haushalt weiter, und alle zwei bis drei 
Wochen kam einmal seine Schwester Anna Elisabeth, 
die im nahegelegenen Glashütten an den Gasthalter 
Johannes Siegfried Knärzer verheiratet war, um 
im Pfarrhaus nach dem Rechten zu sehen. 
Im Nachsommer des Jahres 1720 nahm Pfarrer 
Laukhardt einen mehrwöchentlichen Urlaub, um seinen 
Bruder zu besuchen, den fürstlich darmstädtischen 
Rentmeister Philipp Jakob Laukhardt, der das Amt 
Lichtenberg im Odenwald zu verwalten hatte; er 
verweilte dort von Mitte Juli bis Ende September, 
und in der fremden Umgebung, in der herrlichen 
Schönheit der Natur erholte sich seine Seele von 
dem schweren Schicksalsschlage, der ihn getroffen 
hatte, und mit neuem Mute und frischer Kraft kehrte 
er nach seinem geliebten Hirzenhain zurück. 
Er fand dort einen neu angestellten gräflich 
stolbergischen Beamten, den Koadjutor Gottlieb 
Radefeld, mit dem ihn bald das Band inniger 
Freundschaft vereinigte. Radefeld besuchte fleißig 
den Gottesdienst und war fast Tag für Tag ein 
Gast im Pfarrhaus; an ihm fand Pfarrer Lauk 
hardt einen aufmerksamen, teilnahmsvollen Zuhörer, 
wenn er von dem Leben seiner lieben Frau erzählte 
und ihren allzu frühen Tod beklagte. — — — 
Im folgenden Sommer geschah es, daß Laukhardt 
seine zweite Frau kennen lernte. In Wenings, wohin 
seine verstorbene Stieftochter Anna verheiratet war, 
stand als Befehlshaber der oberhessischen Kreistruppen 
der Leutnant Johann Vigelii, bei dem seine Mutter 
Anna Marie Vigelii geborene Schmitt und seine 
Schwester Marie Margarethe wohnten. 
Pfarrer Laukhardt kam häufig nach Wenings, 
das nur ein gute Stunde von Hirzenhain entfernt 
ist, zum dortigen Pfarrer, seinem Schwiegersohn, 
mit dem er durch Liebe und Freundschaft verbunden 
war; in dessen Haus lernte er Marie Margarethe 
Vigelii kennen. 
Radefeld war, wie schon öfters, mit Pfarrer 
Laukhardt in Wenings gewesen, als sie Marie 
Margarethe Vigelii sahen, und die schöne Schwester 
des Kreisleutnants machte aus die Herzen beider 
Männer einen tiefen Eindruck. Das zeigte sich 
schon äußerlich daran, daß beide aus dem Heimweg, 
statt wie gewöhnlich sich lebhaft zu unterhalten, 
stumm und gedankenvoll neben einander herschritten. 
Als der Herbst des Jahres 1721 kam, holte 
sich Pfarrer Laukhardt bei Marie Margarethe 
Vigelii das Jawort. Das Herz Radeselds ward 
erfüllt von Eifersucht und Neid, obschon er beides 
zu verbergen verstand und nach wie vor freund 
schaftlich mit Laukhardt verkehrte. Als jedoch im 
Frühjahr 1722 die Hochzeit des Pfarrers stattfand, 
lehnte Radeseld die Einladung zur Hochzeitsseier 
ab, mied auch einige Wochen lang das Pfarrhaus, 
dann aber nahm er zu Laukhardts Freude den 
gewöhnlichen Verkehr wieder aus. 
(Fortsetzung folgt.)
	        

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