Full text: Hessenland (16.1902)

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Unterm Hollunöerbaum. 
Historische Erzählung aus Oberhesseu von O. Gros. 
(Fortsetzung.) 
uu gab es einen zehnjährigen Streit, während 
dessen durch den stolbergischen Amtmann mit 
Genehmigung seiner Herrschaft die Kirche verschlossen 
blieb, um sie gleichzeitig auch etwaigen reformierten 
Eindringlingen verwehren zu können. Dagegen 
wurde lutherischer Gottesdienst im Schloß abgehalten, 
während des Sommers im Hof unter den gewaltigen 
Lindenbäumen, im Winter in einem der geräumigen 
Säle. 
Ta während dieser zehn Jahre, von 1711 bis 
1721 kein lutherischer Pfarrer von der stolbergischen 
Herrschaft eingesetzt war, denn die Hanauer Grasen 
bestritten den Stolbergern das Recht, dies einseitig 
von sich aus zu thun, so hatten die benachbarten 
lutherischen Pfarrer diesen Dienst aushilfsweise zu 
versehen. Außer den stolbergischen Pfarrern zu 
Gedern und Wenings fiel diese Ausgabe hauptsächlich 
unserm Pfarrer Laukhardt zu. 
Jedoch die Hanauer blieben auch nicht unthätig; 
der Graf von Hanau hatte an den drei Thoren 
der Stadt das Schlagbaumrecht, d. h. jeder der 
Ein- und Ausgehenden mußte einen bestimmten Zoll 
bezahlen; und nun rächten sich die Hanauer in der 
Art, daß sie Sonntags die Stadtthore bis zum 
Nachmittag geschlossen hielten und so den auswärtigen 
lutherischen Pfarrern die Möglichkeit nahmen, in 
Ortenberg zu predigen. 
So kam es, daß auch Pfarrer Laukhardt eines 
Sonntags ausgeschlossen wurde und trotz heftiger 
Widerrede unverrichteter Tinge wieder abziehen 
mußte. Doch Laukhardt war klug wie die Schlangen. 
Als ihn die Reihe des Predigens wieder traf, 
kam er nicht zu Pferde, wie gewöhnlich, und die 
Hanauer Thorwüchter hielten vergeblich nach ihm 
Ausschau; deshalb waren sie auss höchste erstaunt, 
als sie, wie sonst üblich, die Männer mit den großen 
Holzklappern — denn die Glocken der Kirche waren 
ja gesperrt und wurden bloß bei Beerdigungen 
und zum Feuergeläute freigegeben — das Städt- 
lein durchziehen und zum Gottesdienst einladen 
sahen. Sie dachten nicht daran, daß der Bauers 
mann, der am Morgen die zwei fetten Gänse in 
der Kiepe auf dem Rücken getragen und in seiner 
Vogelsberger Tracht unangefochten das Thor passiert 
hatte, ihr Feind Laukhardt von Hirzenhain war, 
der, im Schloßhof angekommen, aus der Tiefe der 
Kiepe die Amtstracht hervorgeholt und zum Gottes 
dienst eingeladen hatte. 
Nachdem Pfarrer Laukhardt aus ähnliche Weise 
noch mehrere Male die Wachsamkeit der hanauischen 
Wächter getäuscht und diese trotz aller ihrer Gegen- 
bemühungen überlistet hatte, gaben diese endlich den 
Kampf auf. verfehlten aber nicht, nach Hanau zu 
berichten. Pfarrer Laukhardt sei nicht nur die 
Haupttriebfeder des ganzen Streites und dessen 
Anfänger, sondern habe auch, indem er trotz ihrer 
Wachsamkeit oftmals in die Stadt eingedrungen sei, 
sie selbst zum Gegenstand des Spottes und Hohnes 
in der ganzen Bürgerschaft gemacht. 
Der Streit wurde endlich — nach langen Ver 
handlungen zwischen Hanau und Stolberg — da 
hin beigelegt, daß im Jahre 1721 Stolberg einen 
eignen lutherischen Pfarrer einsetzte, nämlich den 
Pfarrer Johann Heinrich Leidenfrost, während Hanau 
seinerseits eine eigne reformierte Pfarrstelle in 
Ortenberg gründete, die indessen nur zwei Inhaber 
hatte, Pfarrer Kaup und Pfarrer Fritz, und 1785 
wieder aufgehoben wurde. Von da an versah der 
Pfarrer von Bleichenbach die Amtsgeschäste der 
reformierten Pfarrei zu Ortenberg. 
Drittes Kapitel: 
Familienfrellde und leid. 
Im Familienkreis des Pfarrers Laukhardt hatte 
es inzwischen auch Veränderungeu gegeben; seine 
älteste Stieftochter Elisabeth hatte sich 1709 im 
Alter von 23 Jahren mit dem gräflich hanauischen 
Amts- und Hofkellerer Wilhelm Küfner zu Bruch 
köbel verheiratet. 
Es war gut, daß damals der Ortenberger Kirchen 
streit noch nicht ausgebrochen war, denn sonst hätte 
Küfner wohl kaum vom Grasen von Hanau die 
Erlaubnis erhalten, die Tochter des Pfarrers 
Laukhardt zu Hirzenhain heimzuführen. Küfner 
war ein gutmütiger, um nicht zu sagen etwas ein 
fältiger Mensch, der die Stelle eines Amts- und 
Hofkellerers durch die Fürsprache eines einfluß 
reichen Verwandten erhalten hatte. Von Geldsachen 
verstand er leider garnichts; das Geld zerrann ihm 
zwischen den Händen, und doch hatte er jetzt einen 
großen Teil des gräflich hanauischen Vermögens zu 
verwalten, denn alle Zölle, Steuern, Pacht-, Wein-, 
Woll-, Wachs- und Flachsgelder, sowie die militü- 
rischen Abgaben des gräflichen Kontingents im nörd 
lichen Teil des hanauischen Gebietes gingen durch 
seine Hände. 
Er führte am 7. September 1709 Elisabeth 
Ellenberger, die Stieftochter Laukhardts, heim als 
sein christliches Eheweib. Anna, die zweite Stief 
tochter heiratete 1715 den lutherischen Pfarrer zu 
Wenings, starb indessen 1719 bei der Geburt ihres
	        

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