Full text: Hessenland (16.1902)

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Frau Erna Tücher, einen großen Brief. Der In 
halt desselben bestand aus einer Anzahl loser Blätter 
und der Photographie einer Dame. 
Eine Zeit lang betrachtete Frau Tücher das 
schöne Gesicht mit den lebhaften Angen, den kühn 
geschweiften Brauen und dem entschiedenen Zug um 
den sonst weich und anmutig geformten Mund. Dann 
stellte sie das Bild vor sich auf den Schreibtisch 
und begann die von einer schwungvollen Handschrift 
ausgefüllten Blätter zu lesen. Sie trugen den 
Titel: „Der innere Appell. Eine wahre Geschichte 
von Konstanze Eberhard." 
II. 
Die zweite Klasse der Mädchen-Bürgerschule wird 
mit kurzem Gebete geschlossen. Kaum ist das letzte 
Wort verhallt, da eilen die zwölfjährigen Töchter 
der kleinen ehemals knrhessischen Landstadt aus dem 
alten niedrigen Raum tiefausatmend ins Freie. 
Nur eine Schülerin. Stanzchen Müller, darf nicht 
mit und muß einmal wieder eine Stunde sitzen 
bleiben. Sie konnte in der Religionslehre die biblische 
Geschichte nicht erzählen, setzte den Anfang an den 
Schluß und den Schluß an den Anfang und wußte 
nicht einmal, ob Laban den Jakob oder ob gar der 
fromme Erzvater selbst den schlauen Gesellen beim 
Lämmeraustansche betrog. Der Herr Kantor war 
sehr entrüstet über die sinnentstellenden Ver 
wechslungen und wehrte heftig mit der Hand ab, 
als er von ein paar Mädchen gebeten wurde, 
Stanzchen doch noch einmal die Strafe zu er 
lassen. 
Während die Andern hinausgingen, saß diese 
mit traurigem Gesicht ans der letzten Bank. Allein 
wie schon manchmal in ihrem jungen Leben erwuchs 
der Bestraften auch heute wieder aus peinlicher Lage 
unerwartete Freude. 
Kanin waren alle Schülerinnen fort, als der 
junge Herr Lehrer, der von dem Vorgesetzten den 
Auftrag erhalten hatte, die Dagebliebene zu be 
schäftigen, mit ernster Miene ins Zimmer trat und 
vor dem Klavier Platz nahm. 
„Du sollst nicht müßig da sitzen, Stanzchen, hat 
der Herr Kantor gesagt", begann der junge Mann 
strengen Tones, doch ein Schelm hockte dabei in 
seinen lustigen Angen und milderte den Ernst. 
„Komm her, übe Deinen Examen-Gesang, damit Du 
recht sicher bist. Ich will Dir die Melodie erst 
noch einmal vorspielen." 
Während der Lehrer die ersten Akkorde von Webers 
„Die Sonn' erwacht in ihrer Pracht" anschlug, wäre 
ihm Stanzchen am liebsten vor lauter Glückseligkeit 
um den Hals gefallen. Allein so etwas schickte sich 
leider nicht für eine Schülerin dem Lehrer gegenüber, 
der außer Können und Wissen zur weiteren Erhöhung 
seiner Würde mindestens zehn Jahre mehr zählte 
als das Mädchen selbst. 
Nach dem Vorspiel der Melodie fiel Stanzchen 
sicher und mit kräftiger melodischer Stimme ein. 
Es war, als jubele das Lied ans einem übervollen 
Herzen, als würde jeder Laut wie auf Schwingen 
aus der frischen Kehle hinausgetragen. Mehrmals 
streifte der Lehrer staunend ihr Gesicht, was Stanzchen 
nicht weiter beachtete. Als diese jedoch geendet und 
dem letzten Ton wie selbstvergessen noch einen leisen 
Seufzer nachgeschickt hatte, meinte der junge Mann: 
„Ich wiederhole heute, was ich Dir schon neulich 
sagte, Kind, Du mußt Sängerin werden." 
„Ich?" entgegnete das Mädchen bedrückt, indem 
ein beklemmendes Gefühl ihr die Brust hastig ans 
und nieder hob. Dann sah sie so sehnsüchtig durch 
die Fenster nach der schimmernden Ferne, als suchten 
ihre Blicke dort über den Bergen etwas Hohes und 
Unerreichbares. Erst nach einigen Sekunden ver 
setzte sie ernst: „Ach, wie gerne würde ich Sängerin! 
Aber Sie wissen doch, Herr Lehrer, daß mein Vater 
das nie erlauben wird." 
„Wirklich nicht?" 
„Nein. Ganz anders wäre es, wenn die Mutter 
oder die Großmutter noch lebten! Die Anderen sind 
ja all so dumm, so entsetzlich dumm und hetzen 
den Vater noch gegen mich auf." 
„Laß sie nur," meinte der Lehrer immer zu 
traulicher, „ sie werden sich noch alle ducken müssen! 
Eine solche Stimme gab Dir Gott nicht umsonst, 
Stanzchen! Nur noch ein paar Jahre Ruhe, dann 
mußt Du sie ausbilden." 
„Ausbilden", wiederholte das Mädchen wehmütig, 
„wie soll ich das anfangen?" 
„Kommt Zeit, kommt Rat! Der innere Drang 
ist ein findiger Lehrmeister! An Mut fehlt es 
Dir doch nicht?" 
„Keineswegs!" erklärte das Mädchen strahlenden 
Auges. „Es handelt sich ja doch um die Erfüllung 
meines höchsten Wunsches.— Und, Herr Lehrer, 
Sie werd' ich doch wohl später immer um Rat 
fragen dürfen?" 
„Zuerst frage stets die Stimme in Deiner Brust 
und höre nur ans sie selbst, wenn sie auch einmal 
leise oder ängstlich klingen sollte. Siehst Du, 
Stanzchen, ich kann doch nicht immer hier bleiben —, 
es war sogar meine Absicht — recht bald von hier 
fort zu gehen." Die Worte kamen zögernd hervor; 
denn der traurige Ausdruck in des Mädchens Zügen 
erschwerte dem jungen Manne sichtlich die Mit 
teilung. 
„Wirklich?" fragte sie betroffen. „Das thut mir 
aber leid — sehr leid." 
Stanzchens Rechte ergreifend, sah ihr der Lehrer 
bewegt in die etwas feucht schimmernden Augen:
	        

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