Full text: Hessenland (16.1902)

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Szene (Akt II, Szene 2), welche auf einem Felsenkeller 
spielt. An einem Tische sitzen drei Spießbürger: der 
Küfer Hahnemann, der Barbier Schnepper und der 
Bäcker Lippert, und jedem von ihnen werden einige 
Kasseler Redewendungen in den Mund gelegt, 
namentlich dem erstgenannten, welcher z. B. sein 
Bierglas prüfend aushebt und offenbar durch 
den Genuß des Trankes nicht befriedigt ausruft: 
„Se suffens doch!"; dann zum Freunde Lippert, 
der kaum ein Wort gesprochen hat und stottert: 
„Schwigg stille, Lippert, bist ein langweiliger Kerl!"; 
hieraus zu ankommenden Bekannten: „Aha, me 
huns, me kuns! Vetter Gutmann, wie sich die 
Frau Widder uffgedonnert hat", und später Lippert 
zu Gutmann: „Diesen Morgen war's trübe. He - 
Herr Entmann, aber es hat sich dicke uffgeklärt." 
Eine Frau bestellt beim Kellner: „Eine Portion 
Kaffee mit 7 Tassen." Endlich fehlt auch nicht 
einer der damals schon viele Orte unsicher machenden 
Engländer, der auf zwei Stühlen sitzend und im 
Anschauen und stillen Bewundern der Gegend ver 
sunken wiederholt ausruft: „Wonderful!“ 
So verflossen für unsere Vaterstadt schöne 
Zeiten und viele fröhliche Menschen saßen und 
Aus Ismael 
Fu steiniger Müste, auf dürrem Feld, 
Hinter spitzigen Klippen und felsigem Mall, 
Unterm grauen, grämlichen Himmelszelt 
Ist die rauhe Ruhstatt, die uns gefällt. 
Die nervige Rechte um's Life« geklammt, 
Die Brust von trotzigem !Nut entflammt — 
Nun kommt nur näher und greift uns an. 
In den lustigen Kampf — und Mann für Mann! 
Mir kämpfen für unser Leben! 
Mie es schwillt, das gierige Natterngezücht, 
von allen Seiten bricht es herein, 
Mie es sich duckt und tückisch sicht — 
Da — den Schlag Dir in's Gesicht! 
Mag's Dir eine Marnung fein. 
Haft die Melt Dir unterjocht 
Und Dich König stolz genannt — 
Millft Du noch dies letzte Land, 
Diese öde Felsenwüste? . . . 
So komm' nur heran und nimm sie Dir! 
Gin trotziges Häuflein wartet hier, 
Mir sind aus Jsmaels Geschlecht, 
Und die Gemalt ist unser Recht! 
Und willst Du die Freiheit uns entwinden, 
Die Freiheit, unser schönstes Gut, 
Rassel. 
kneipten aus den Felsenkellern vor dem Frankfurter 
Thore. 
„Da starb von den Dreien der eine. der andere folgte ihm nach, 
Und es blieb der dritte alleine " 
Jrn Dezember 1867 bezw. Januar 1868 ging 
der oberste und feinste Keller, der Schwanersche, erst 
an Buchhalter Zwenger, dann an den Maschinen 
fabrikanten Henschel über, beide Male zum Kauf 
preise von 17 000 Thalern und hörte aus ein 
öffentlicher Garten zu sein; 1887 geschah dasselbe 
in gleicher Weise mit dem Peilertschen, zum Kauf 
preise von 20 000 Thalern — 60 000 Mark. 
1898 ist schließlich auch der dritte und letzte, der 
Eisseugarthensche Felsenkeller, der jedoch bis zum 
Jahr 1901 für das Publikum noch geöffnet blieb, 
nachgefolgt. (Kaufpreis 800 000 Mark.) 
Solcher Gestalt haben die Kasselaner die in den 
zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts nach 
langen Verhandlungen mit verschiedenen Behörden 
gemachten Anlagen — die sog. Felsenkeller vor 
dem Kölnischen Thore haben bei weitem nicht den 
Reiz der verlorenen vor dem Frankfurter Thore — 
noch vor Schluß desselben Jahrhunderts vom Erd 
boden verschwinden sehen. 
— 
GcscblecDt. 
I. Mos. 16, |2. „(Er wird ein wilder Mensch sein; seine 
Hand wider jedermann; jedermanns Hand wider ihn!" 
Und uns mit Deinen Gesetzen schinden, 
Mit Deinen gestohlenen Gesetzen — 
So mußt Du uns erst zu Tode hetzen. 
Die Freiheit — oder unser Blut! 
Doch zittrc vor uns! Du kennst unsre Schar, 
Diese glutenden Augen, dieses wilde Haar, 
Diese zuckenden Fäuste, die wogende Brust, 
In unsrem Blicke die mörderische Lust! 
Du kennst unsren Schlachtruf, den gellenden Schrei, 
Gr lähmt D i r die Kraft, er macht u n s frei: 
Mir sind aus Jsmaels Geschlecht, 
Und die Gewalt ist unser Recht! 
Und willst uns schmeicheln und Bruder uns nennen — 
Soll Dir das Mort auf der Zunge brennen, 
Das tückische Mort, das uns knechten soll! 
Mir tragen in unsrer Brust den Herren — 
Und ließen uns in die Knechtschaft zerren? 
Fürwahr, das hieße vernarrt und toll! 
In der weiten Müstc ist unser Reich, 
Ist jeder von uns dem andren gleich, 
Ist jeder König und Unterthan, 
Geht jeder feine ureigne Bahn. 
Mir sind ans Jsmaels Geschlecht, 
Und die Gewalt ist unser Recht! 
'Julius ßerstl. 
Gß
	        

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