Full text: Hessenland (16.1902)

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des Landgrafen, mit einem anderen deutschen 
Fürsten verbinden und diesem die Borteile zu 
wenden, die jenem zugedacht gewesen.... Die 
schriftliche Antwort des Kaisers auf das von 
pp. Morenville überbrachte Schreiben Serenissimi 
bestätigt den Inhalt der obigen Unterredung. 
Unmittelbar nachdem wurde auch' von Herrn von 
Talleyrand eine ausdrückliche Depesche an Herrn 
Helfinger erlassen, welche letzterer persönlich hier 
nach Gießen überbrachte, und das darin erneuerte 
Verlangen durch mündliche Vorstellung auszu 
wirken bemüht war. So sehr indessen Se. Land- 
gräfl. Durchlaucht durch die französischen Anträge 
Sich geschmeichelt fühlen, und so sehr Sie, nach 
Ihren dem Kaiser Napoleon gewidmeten Ge 
sinnungen von Verehrung und Anhängigkeit 
wünschten, Sich für diese Partie erklären zu 
können, so wären Sie doch durch das gegen den 
Berliner Hof übernommene Engagement zu sehr 
gebunden, als daß Sie Sich nicht für verpflichtet 
hätten halten sollen, bei diesen neueren Umständen 
und wiederholten! französischen Ansinnen, ehe Sie 
darauf eine definitive Antwort erteilten, Sich 
abermals den bestimmten Rat des Königs von 
Preußen zu erbitten. Serenissimus haben demnach 
beschlossen. HöchstJhren General-Adjutanten von 
Oyen, mit einem Höchsten Handschreiben an 
Se. Majestät abzuordnen " 
Nach der Schlacht bei Austerlitz und dem Preß- 
bnrger Frieden war der Fortbestand des deutschen 
Reiches nur noch eine Frage der Zeit. Mit der ge 
planten Errichtung eines Königreichs Westfalen zum 
Schutze Hollands und der Abrundung dieses neuen 
Staates nach Süden war der Fortbestand der Land 
grafschaft Hessen-Darmstadt bedroht. Um seinen 
Staat zu retten, zeigte sich Landgraf Ludwig X. 
nach den in Gießen begonnenen und in Darmstadt 
svrtgesetzten Verhandlungen im Januar 1806 einem 
Bündnisse mit Frankreich geneigt. Es geschah 
dies wohl auch unter dem Eindrücke der Nachricht, 
daß bei dem Gouverneur zu Darmstadt, dem 
General de Werneo, ein Schreiben des Ober- 
kommandanten der französischen Armee, des Mar 
schalls Augereau, unter dem 5. Januar 1806 
aus dein Hauptquartier zu Heidelberg eingelaufen 
sei, aus dem hervorging, daß das französische 
Korps Augereaus sich gegen die hessischen Staaten 
wenden würde, die Einwohner möchten sich ein 
richten, die französischen Truppen zu empfangen; 
man zweifle nicht an einer freundschaftlichen Auf 
nahme. 2 ) Einige Tage nachher schlug Augereau 
sein Hauptquartier in Darmstadt auf. Die Ver- 
*) Darmstädter Archiv: Ministerial-Akten. Neutralität 
1805 rc. Rheinbund A. D. Convolut I. 
[ Handlungen über den Anschluß Hessen-Darmstadts 
j an Frankreich zogen sich noch einige Monate 
hin, bis der Landgraf schließlich durch ein vom 
16. Juni 1806 aus Gießen datiertes eigenhändiges 
Schreibens seinen Generaladjutanten Morenville 
autorisierte, den Beitritt zu Frankreichs Sache 
bestimmt zu erklären: „Da die gegenwärtigen 
Umstände Uns bestimmt haben, Herrn von Moran- 
ville 3 4 * ), unsern Generaladjutanten, an den kaiserlich 
französischen Hof zu schicken, so ermächtigen Wir 
ihn durch dieses Schreiben, jedem Bundesvertrage 
mit dem Kaiser der Franzosen beizutreten, alle 
unsere Truppen gegen Frankreichs Feinde anzu 
bieten und allen Einrichtungen zuzustimmen, welche 
Seiner kaiserlichen Majestät angenehm sind." 
Zwischen den Vertretern der Regenten von 
Baiern, Württemberg, Baden, Berg und Cleve, 
Hessen-Darmstadt, Nassau-Usingen, Nassau-Weil- 
burg, Hohenzollern-Hechingen, Hohenzollern-Sig- 
maringen, Salm-Salm, Salm-Kyrburg, Psenburg- 
Birstein, Aremberg, Lichtenstein, Leyen wurde 
unter dem Vorsitze des französischen Ministers 
Talleyrand in vierzig Artikeln die Rheinische 
Bundesakte beraten. Der Landgraf von Hessen- 
Darmstadt hatte als Vertreter den Baron von 
Pappenheim entsendet. Die vorerwähnten 
Staaten schließen nach Artikel 1 einen Bund unter 
dem Namen: Ltats confederes du Rhin. 6 ) $ebcr 
Fürst verzichtet auf die Titel, welche auf das 
deutsche Kaiserreich Bezug nehmen, und wird am 
1. August die Trennung vom Reich dem nächsten 
Reichstag anzeigen (3). Napoleon erklärte sich 
zum Protektor des Bundes (12) und verlieh fernen 
Bundesgenossen Rangerhöhungen und Gebiets 
erweiterungen. Nach der Unterzeichnung dieser 
Akte vom 12. Juli 1806 nahm Landgraf Ludwig X. 
den Titel eines Großherzogs an. Während seiner 
! Zugehörigkeit zum Rheinbünde nahm Hesseu- 
Darmstadt an den Feldzügen 1806 und 1807 
gegen Preußen, Rußland und Schweden, 1809 
gegen Österreich, 1808—1812 gegen Spanien und 
England, 1811, 1812 und 1813 gegen Rußland 
und Preußen teil. 
Lossagung von Napoleon. 
Nach den für Napoleon unglücklich verlaufenen 
Schlachten von Großbeeren, an der Katzbach, bei 
Kulm und Dennewitz war der Glaube an seine 
3 ) Ebenda. Wir geben hier eine Übersetzung des fran 
zösischen Briefes. 
*) Es findet sich die Schreibweise Morenville und 
Moranville. 
") Spätere Schreibweise: Tayllerand. 
0) Darmstüdter Akten: Ministerial-Akten rc. Rheinbund 
A. D. Convolut I.
	        

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