Full text: Hessenland (16.1902)

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der Landesbibliothek zu Kassel. Während seiner- 
langen amtlichen Thätigkeit erwies er sich als 
ein sehr gewissenhafter Beamter und zeigte im 
Verkehr mit dem Publikum das größte Entgegen 
kommen. — Ebenfalls am 13. April starb zu 
Berlin der vortragende Rat im Reichseisenbahn 
amt, Wirkliche Geheime Ober-Baurat Wilhelm 
Streckert. Am 22. November 1830 in Kassel 
geboren trat er 1848 als Baueleve in das techni 
sche Bureau der Oberbankommission der kurfürst 
lichen Residenzstadt ein, linb im Jahre 1866 finden 
wir ihn immer noch in derselben Stellung, zu 
gleich aber auch als Ingenieur auf dem technischen 
Zentralbnreau der Direktion für den Bau der 
Bebra-Hanauer Eisenbahn. Er hatte während dieser 
18 Jahre die Polytechnische Schule und die Uni 
versität München besucht und. war beim Bau der 
Eisenbahnen in Knrhessen, Preußen, Rußland und 
Baiern thätig gewesen, da den Baueleven die 
Unterbrechung des Vorbereitungsdienstes behufs 
Beschäftigung für Eisenbahnbauten rc. auf unbe 
stimmte Zeit gestattet war. 1869 wurde er, nach 
dem er in den preußischen Staatsdienst übergetreten, 
Eisenbahn-Bauinspektor und 1873 Kaiserlicher 
Regierungsrat und ständiger Hilfsarbeiter beim 
Reichseisenbahnamt. Seine außerordentlichen Fähig 
keiten ließen ihn immer weiter steigen, bis er 1895 
zum Wirklichen Geheimen Ober-Baurat mit dem 
Range eines Rates I. Klasse befördert wurde. 
Seit 1880 gehörte er der Akademie des Bau 
wesens als ordentliches Mitglied an, auch war er 
seit einer langen Reihe von Jahren erster Vor- 
| sitzender des Vereins für Eisenbahnkunde. — Einem 
Schlagansall erlag am 15. April in Kassel Pro 
fessor Dr. Oskar Kius, seit 1872 Lehrer am 
hiesigen Friedrichs-Gymnasium. Zu seinen Schülern 
zählte als Prinz auch Seine Majestät Kaiser- 
Wilhelm II. Professor Dr. Kins war 1848 zu 
Weimar geboren. — Nach kurzer Krankheit ver 
schied am 19. April in Kassel der Kunstmaler 
Siegmund Gerechter. Derselbe, 1850 in 
Berlin geboren, wo er sich ans der Königlichen 
Akademie ausgebildet hatte, kam auf Anregung des 
Hoftheaterintendanten Freiherrn von Gilsa gegen 
Ende der siebziger Jahre nach Kassel und zählte 
daselbst zu den gesuchtesten Portraitisten. — Am 
24. April verschied zu Fulda der Geheime Jnstiz- 
rat Edmund Mackeldey im 80. Lebensjahre. 
Er war der Sohn des Oberappellationsgerichts 
rats Friedrich Mackeldey, welcher von 1837 bis 
1846 kurhessischer Justizminister war. Edmund 
Mackeldey wurde, nach beendigtem Studium, 1846 
Obergerichtsreferendar in Kassel und bei der Staats- 
prokuratur beschäftigt. 1855 trat er als Amts 
assessor bei dem Justizamt II in Marburg ein und 
verblieb daselbst bis 1858, wo er Stadtgerichts- 
assessor beim Stadtgericht in Kassel und sodann 
1861 Unterstaatsprokurator bei dem Obergericht 
daselbst wurde. 1863 erfolgte seine Versetzung als 
Staatsproknrator an das Obergericht nach Fulda. 
1867 zum Staatsanwalt beim Kreisgericht daselbst 
ernannt, wurde er 1879 Amtsgerichtsrat, in welcher 
Stellung er bis 511 seiner Pensionierung im Jahre 
1899 verblieb. 
Hessische Bücherschau 
Strom berge r, Christian Wilhelm. Biographische 
Charakterbilder. Frankfurt a. M. (Heider 
& Zimmer) 1901. 
Diese Sammlung kleinerer Schriften ergänzt in mancher 
Hinsicht das Bnch desselben Verfassers über die „Geistliche 
Dichtung in Hessen". Für die Beurteilung der „Bio 
graphischen Charakterbilder" im „Hessenland" können in 
der Hauptsache natürlich nur die Aufsätze in Betracht 
kommen. die in irgend einer Hinsicht ans Hessen Bezug 
haben. Da ist nun die Ausbeute gering. Viel Neues 
bringt keines der Bilder, wenn auch diejenigen über 
Erasmus Alberus und O. Glaubrecht in den Kreisen 
hessischer Litteraturfreunde Interesse erregen mögen. Nament 
lich der letztere Aussatz über den bekannten oberhessischen 
Volksschriftsteller R. Oeser (0. Glaubrecht) dürfte, da aus 
eigenen Erinnerungen geschrieben, besonders hervorgehoben 
werden. Eine Biographie und Würdigung der Werke 
Glanbrechts soll und will der Artikel nicht sein. So 
bringt er namentlich an biographischem Material schon 
längst bekanntes. Immerhin sind einige Anssprüche Glaub 
rechts. die mit hinein verwoben wurden, von Interesse. 
Stromberger schrieb seine Charakterbilder vom Stand 
punkt des streng religiös-kirchlich gesinnten Mannes, und 
wir können uns aus rein ästhetischen Erwägungen mit 
manchen seiner Urteile über dichterische Werke nicht ein 
verstanden erklären. Strombergers Bedeutung für die 
Litteraturgeschichte unseres hessischen Vaterlandes, besonders 
auf dem Gebiete der geistlichen Dichtung, ist bekannt. Er 
fügt seinem Bauwerke, das er in vielen Jahren aufgebaut, 
einen neuen Stein hinzu. Seine Bedeutung wird aber 
kaum in diesem Buche beruhen; seine „Geistliche Dichtung", 
seine Neuausgabe älterer, namentlich geistlicher Dichtungen, 
so der Landgräfin Anna Sophia von Hessen-Darmstadt, 
über die der fünfte Aufsatz im vorliegenden Buche handelt, 
sichern ihm die Beachtung aller derer, die sich eingehender 
mit der hessischen Litteraturgeschichte befassen. 
Alexander Würger. 
Gedichte von Gustav Adolf Müller. Kassel 
(Karl Vietor, Hofbuchhandlung). M. 1.— 
Die Sprache ist klangvoll, die Form rein und untadelig, 
der Reim meist klar und ungesucht, der Gedanke deutlich, 
und der Gebrauch von Bild und Vergleich bekundet das 
sinnige Talent. Die Lieder strömen aus einem reichen 
Schatz seelischer Erfahrungen und Erlebnisse, zeugen zwar 
nicht von himmelstürmender Glut, sind aber doch voller 
Farbe und Frische, Blut und Wärme. Hoffentlich findet
	        

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