Full text: Hessenland (16.1902)

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Darauf urtheilen die Schöpfeu uff Anstellung 
des Richters mit vorbehabten Bedacht: 
Also haben meine Brüder gelehrt und straf es 
auch selbst mit ihnen zu recht, der Landknecht soll 
den arm Beklagten den Weeg weisen so lang 
und breit es der Züchtiger bedarf bis an die Statt, 
da der Arm sein Todt leyden soll. 
Darauf fragt des Klägers Wortredner und 
stellt zu recht an, wie man ferner mit den armen 
<*3>. 
Der imtei 
Novellette von 
Beklagten geparen soll, daß man recht thue ititb 
unrecht lasse. 
Daraus erfolgt das Endurtheil." 
Die Flurbezeichnungen „am Galgenberg", der 
„Galgenrasen" und „an der Centh", sowie der 
im Amtsbezirk Hilders noch mehrfach vorkommende 
Familienname „Zentgraf" sind noch Erinnerungen 
an das ehemalige „hoch noth peinlich Acht- und 
Halsgericht" Auersberg. 
re Appell. 
E. Mentzel. 
I. 
Hochverehrte Frau! 
Sie wünschen einen Beitrag von mir zu dem 
Sammelwerke „Wichtige Abschnitte aus dem Leben 
bedeutender Sängerinnen", das Sie in Bälde zum 
Besten eines Unterstützungs-Fonds für mittellose 
weibliche Gesangstalente herauszugeben gedenken. 
Diese Sache hat meinen vollen Beifall und 
spornt mich an, — freilich nicht ohne Zagen — 
das bisher streng von mir gemiedene Gebiet der 
Schriftstellerei zu betreten. 
Sie meinen, verehrte gnädige Frau, wer so singen 
könnte wie ich, wäre auch imstande. Wichtiges 
über sich selbst in einer Weise auszusprechen, die 
Andere zur Nacheiferung anspornen könnte. Ich 
fürchte jedoch, in dieser Hinsicht haben Sie mir 
wohl zu viel zugetraut. Da Sie es mir aber frei 
stellen, die Ansänge meiner Entwickelung zu er 
zählen oder mich zur Heldin einer kleinen Skizze 
zu erheben, so erleichtern Sie mir die Aufgabe um 
ein Beträchtliches. Ich wähle die letztere Form; 
denn sie gestattet mir. Manches freier und un 
gebundener auszusprechen, was ich bei einfacher 
Wiedergabe der Thatsachen teils aus Bescheidenheit, 
teils aus Rücksicht für Andere verschweigen müßte. 
Die Heldin der Ihnen in den nächsten Tagen 
zugehenden Novellette bin ich also selbst. Genau 
stimmen die geschilderten Verhältnisse mit dem 
Milieu meiner Kindheit und ersten Jugend überein. 
Ihren Vorschlag annehmend, bitte ich Sie, dies den 
Lesern des Werkes entweder in einer Einleitung 
zu meinem Beitrag oder in einer Schlußbemerkung 
kurz mitzuteilen. Vielleicht melden sie dann auch 
noch ein für mich höchst wichtiges Ereignis, dessen 
Veröffentlichung in Kürze bevorsteht und das meinem 
Leben und Streben eine ganz andere Richtung 
geben wird. 
Sie vermuten nicht mit Unrecht, gnädige Frau, 
daß ich schwer und lange kämpfen mußte, ehe es 
mir gelang, eine erste Stelle an der hiesigen Oper 
zu erringen. Doch glauben Sie mir, nie, selbst 
in der schlimmsten Zeit nicht, habe ich bereut, 
dem „inneren Appell," wie Sie in einer Ihrer 
Novellen den unüberwindlichen Drang in der eignen 
Brust so hübsch bezeichnen, unentwegt gefolgt zu sein. 
Und wenn es mir gelingen sollte. Andere, die 
sich vielleicht in ähnlicher Lage befinden, gleichfalls 
zu dieser Treue gegen sich selbst anzuregen oder sie 
darin zu befestigen, so würde mir das große Be 
friedigung gewähren. Ein nach künstlerischen Zielen 
strebendes Weib braucht ja deshalb nicht, wie man 
so oft meint, persönlichem Glück zu entsagen, so 
bald ihm dies aus seinem Lebensgange in wahrer 
Gestalt entgegen tritt. Auch hierfür hoffe ich im 
Spätsommer meiner dreiunddreißig Jahre den 
schlagenden Beweis zu liefern. Bin ich doch augen 
blicklich nicht allein, wie Sie, verehrte Frau, sich 
ausdrücken, „eine große allgemein beliebte und ge 
feierte Künstlerin ', sondern ein einfaches Mädchen, 
das heimlich beglückt der nächsten Zukunft entgegen 
sieht. 
Die gewünschte Photographie werde ich der Skizze 
beilegen. Empfangen Sie, verehrte gnädige Frau, 
jetzt noch den herzlichsten Tank für Ihre warmen 
und verständnisvollen Worte über meinen Bortrag 
der Schubertlieder. Wer sollte die Kompositiouen 
dieses Meisters nicht schön singen und nun gar an 
einem seinem Andenken gewidmeten Abend! Über 
traf ich mich aber an demselben, wie Sie meinten, 
wirklich selbst, so hat das einen guten Grund. Sie 
werden ihn bald erfahren. 
Mit besten Grüßen und in herzlichster Verehrung 
Ihre ergebene 
K o n st a n z e Eberhard. 
Einige Tage später erhielt die berühmte und 
namentlich um ihrer menschenfreundlichen Be 
strebungen willen hochangesehene Schriftstellerin,
	        

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