Full text: Hessenland (16.1902)

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die Magd eine Öllampe brachte und ihre Herrin 
aus tiefen Gedanken anfstörte. — — — 
Pfarrer Laukhardt holte sich des andern Tages 
bei der Witwe das Jawort und siedelte wenige 
Wochen nachher mit Frau und Kindern nach seiner 
neuen Pfurrstelle Hirzenhain über. 
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Hirzenhain war ein ziemlich bedeutender Ort, 
in früheren Zeiten Sitz eines Nonnenklosters; am 
meisten aber bekannt und besucht um der großen 
Eisengießerei willen, deren Hammerwerke von der im 
Winter und Sommer gleich wasserreichen Nidder- 
getrieben wurden. 
Nach dem Aussterben des Nonnenklosters hatte 
eine Schar Augustiner-mönche ein Kloster mit Latein 
schule in Hirzenhain gegründet, und sie errichteten 
die herrliche Kirche mit der nach der Nordseite an 
gebauten gotischen Kapelle. Als die Lehren der 
Reformation sich verbreiteten, starb auch dies Mönchs 
kloster ans, und die Lateinschule giug ein; aber 
Hirzenhain verlor dadurch nichts von seiner Be 
deutung, zumal das Ansehen der Klöster schon seit 
Jahrzehnten gesunken war. 
Nach manchem Wechsel, wie er in jenen Zeiten nicht 
selten vorkam, wurde das Städtchen Hirzenhain 
Eigentum der Grasen zu Stvlberg, die auch im 
benachbarten Ortenberg ein Schloß besaßen und 
daselbst die Gerichtsbarkeit — letztere in Gemein 
schaft mit dem Grafen von Hanau — ausübten. 
Dies also war der neue Wirkungskreis des Pfarrers 
Laukhardt. Er fand bei seiner neuen Gemeinde, die 
zur Hälfte aus Arbeitern im Hüttenwerk und zur 
Hälfte aus Bauern bestand, freundliche Aufnahme. 
Die Stelle war für die damaligen Berhältnisse 
eine der besseren, denn sie brachte ihrem Inhaber 
außer dem üblichen Flachs- und Fruchtzehnten noch 
ein: am Gründonnerstag aus jedem Haus die 
Lieferung von einem Albus Eier, in der Erntezeit 
eine Garbe Gerste, zu Advent eine Meste Korn 
und einen Hahn und dazu an Bargeld 27 Gulden. 
Die Amtsthätigkeit Laukhardts in Hirzenhain 
war eine sehr gesegnete. Er predigte kernig und 
kraftvoll und fand deshalb eine zahlreiche Zuhörer 
schaft; Arme und Kranke besuchte er fleißig und 
nahm sich des Jugendunterrichts mit großer Treue an. 
Seine Stiefkinder zog er aus in Zucht und Ber 
mahnung zum Herrn, zumal ein Söhnlein, das Gott 
im Jahre 1695 dem Ehepaare schenkte, und dessen 
Geburt mit Freude begrüßt wurde, nach kurzer 
Zeit wieder starb und die weitere Ehe Laukhardts 1 
kinderlos blieb. 
Die Gemeinde, die den eifrigen Pfarrer wirklich 
lieb gewonnen hatte, nahm herzlichen Anteil an 
Freude und Leid im Pfarrhaus. 
Zweites Kapitel: 
Der Ortenberger Kirchenstreit. 
Jahre vergingen; die zwei Worte schreiben sich 
so leicht hin und schließen doch so vieles in sich: 
Freude und Leid. 
In dem eine gute Stunde thalabwärts gelegenen 
Städtlein Ortenberg starb am 31. März 1711 der 
von der Grafschaft Stolberg eingesetzte lutherische 
Pfarrer Konrad Faust. Tie Einsetzung eines neuen 
lutherischen Pfarrers seitens des Stolberger Graseil 
verzögerte sich aus irgend welchem Grunde, und so 
dachte der Gras von Hanau, der resormierteu Be 
kenntnisses war, für seinen Anteil an Ortenberg 
einen reformierten Pfarrer einzusetzen. Er bestimmte 
hierzu, um dem Stolberger Graseu zuvorzukommen, 
den Pfarrer des auch zu Hanau gehörigen kaum eine 
halbe Stunde entfernten Selters, namens Johann 
Georg Blum. Dieser beeilte sich auch, bereits am 
nächsten Sonntag in Begleitung geistlicher und 
weltlicher Herren herüberzukommen, um von seiner 
neuen Stelle Besitz zu nehmen. Wie sehr war er 
aber erstaunt, das Gotteshaus bereits besetzt und 
auf der Kanzel den Pfarrer Laukhardt aus Hirzeil- 
, Hain zu finden! 
Mit lauter Stimme forderte Pfarrer Blllm den 
Pfarrer Laukhardt auf, diese ihm durch die Gnade 
des Grasen von Hanau verliehene Kanzel zu ver 
lassen. Laukhardt jedoch entgeguete ihm: „Dies 
Gotteshaus ist von meinem gnädigen Herrn zu 
Stolberg erbaut; es ist ein lutherisches Gotteshaus, 
die lutherische Lehre ist hier rein und unverfälscht 
gepredigt worden, und nie soll ein Reformierter an 
dieser heiligen Stätte stehen." 
Pfarrer Blum zog seine Bestellungsurkunde, die 
mit dem gräflich hanauischen Siegel versehen tvar, 
aus der Brusttasche, hielt sie hoch und rief: „Hier 
ist mein Dekretum, wodurch ich zum Pfarrer all- 
hier in Ortenberg bestellt worden bin." 
„Das gilt nicht für mich." antwortete Laukhardt. 
„und gilt nicht für die hiesige Gemeinde; Ihr 
seid ein Reformierter und nicht von meinem aller- 
gnädigsten Grasen eingesetzt; geht hin nach Stol 
berg und laßt Euch als lutherischen Pfarrer bestätigen, 
so will ich weichen, so wird auch die hiesige Ge 
meinde Euch aufnehmen; sonst aber, das glaubt 
mir, soll hier nie das Evangelium iu reformierter 
Weise gepredigt, und nie soll das Sakrament des 
heiligen Abendmahls nach Eurer Weise gespendet 
werden." 
„Nach unsrer Weise?" fuhr Blum aus, „haben 
wir denn den falschen Glauben? ich meine, Ihr 
Lutherischen v e r st e h t n i ch t e i n m a l d i e W o r t e, 
die unser Herr bei der Einsetzung des heiligen 
Abendmahls sprach."
	        

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