Full text: Hessenland (16.1902)

122 
wieder einmal einen langen und rauhen Winter, 
wie es sich für den Vogelsberg gehört, es fegt draußen 
ganz fürchterlich", während die Witwe geschäftig 
war, den Gast feines Mantels und seiner Kapuze 
zu entkleiden und diese in der Nähe des Kamins 
zum Trocknen aufzuhängen. 
Die beiden Mägdlein kamen schüchtern heran, 
machten ihren zierlichen Knir und küßten dem Be 
sucher die Hand, während der kleine Peter sich scheu 
in die Ecke am Schranke verkroch. 
„Komm, Peterle, küß dem Herrn Adjunkt die 
Hand", befahl Frau Ellenberger. Aber nur zögernd 
kam der Kleine, den Daumen vor Verlegenheit im 
Mündchen; jedoch der Herr Adjunkt nahm den 
Blondkopf auf die Arme und küßte ihn herzlich 
auf die Stirne. 
Nachdem er daraus Platz genommen hatte, begann 
er ohne Umschweife sein Anliegen vorzubringen. 
„Frau Amtsschultheißin," sagte er, „es ist ein 
Zweifaches, was mich herführt; das Eine ist eine 
frohe Nachricht, die mich anlangt, das Andere eine 
große Bitte, die ich an Sie habe." 
Frau Ellenberger antwortete nicht, sondern sah 
ihn erwartungsvoll an. 
„Zunächst die Nachricht," fuhr Laukhardt fort, 
„daß ich eine eigene Pfarrstelle erhalten habe. Sie 
wissen ja, daß ich bloß der Adjunktus des alten 
Herrn gewesen bin; und da ich erfuhr, daß die 
lutherische Pfarrei zu Hirzenhain in der Wetterau 
erledigt mar, so habe ich mich bei dem Patronats 
herrn, dem Herrn Grasen zu Stolberg, geziemend 
um diese Stelle gemeldet. Dieweil ich nun gute 
Zeugnisse habe, hat sich mir der gnädige Herr ge 
wogen gezeigt, und mein Bestellungsdekretnm habe 
ich vorgestern erhalten." 
„Da muß ich dem Herrn Adjunkt zur Psarrstelle 
von Herzen Glück wünschen", unterbrach ihn die 
Frau Amtsschultheißin; „gebe der liebe Gott, daß 
es dem Herrn Adjunkt wohlergehe und seine Arbeit 
in der neuen Gemeinde großen Segen bringe." 
„Vielen Dank, liebe Frau Amtsschultheißin," 
sagte Laukhardt, „doch ich will weiter erzählen. 
Gestern mit dem frühesten bin ich selbst zu Pferd 
nach Hirzenhain gereist, um mir die neue Stelle, 
dazu Kirche und Pfarrhaus anzusehen; und es hat 
mir alles recht wohl gefallen. Ich bin der dritte 
lutherische Pfarrer, der hinkommt. Mein gnädiger 
Herr, der Gras zu Stolberg, hat die Herrschaft 
erst vor vier Jahren gekauft. Die Kirche ist 
geräumig und schön; sie war früher die Klosterkirche 
der Augustinermönche, deren Orden jedoch schon seit 
Jahrzehnten ansgestorben ist. Das Pfarrhaus liegt 
unweit von der Kirche und ist, in zwei Stockwerken 
errichtet, für eine Familie hinreichend; vordem war 
es eine Försterwohnung. Alles in allem genommen 
kann ich Gott danken, denn mir ist mein Los ge 
fallen aus das Liebliche." 
„Ist der Ort denn klein oder groß," ftel Frau 
Ellenberger ein, „ist er auch schön?" 
„Er ist auch schön," bestätigte Pfarrer Laukhardt, 
„denn den ganzen Thalgrund erfüllt das Rauschen 
eines wilden Bergbaches, der Nidder, dessen eilend 
dahin fließendes Wasser ein gräfliches Eisenhammer 
werk treibt, und der Ort ist auch ziemlich bedeutend, 
weil dieses Hammerwerk einen lebhaften Verkehr 
hervorruft." 
„Ta wünsche ich dem Herrn Pfarrer nochmals 
von Herzen Glück, wenn ich auch sagen muß, daß 
es mir und der ganzen Gemeinde von Herzen leid 
thut, daß der Herr Pfarrer von uns gehen will." 
„Nun, wenn Ihnen der Abschied von mir wirklich 
leid ist," versetzte der Pfarrer mit feinem Lächeln, 
„so gibt mir das doppelten Mut, mit meiner Bitte 
hervorzutreten. — Frau Amtsschultheißin, Sie 
kennen mich, intb ich kenne Sie; ich bin gekommen, 
um Sie zn fragen, ob Sie gewillt sind, mit mir 
als meine christliche Ehefrau nach Hirzenhain zu 
ziehen; ich weiß," fuhr er fort, als er sah, daß 
die Witwe ganz bestürzt dasaß, „daß Sie allerhand 
Einwände sürbringen werden, aber ich habe sie 
schon alle in meinem Herzen widerlegt. Sie werden 
vielleicht sagen, daß Sie einige Jahre älter seien, 
als ich, aber das ist kein Fehler, Sie sehen doch 
kaum so alt aus wie ich mit meinem schwarzen 
Barte, und wenn das Herz jung bleibt, darf der 
Leib auch altern. Zum andern werden Sie für 
bringen, daß Sie drei Kinder haben, die Sie er 
ziehen müssen, da verspreche ich Ihnen vor Gottes 
Angesicht, daß ich sie christlich und gottselig auf 
ziehen will, als wären es meine eignen Kinder. 
Oder meinen Sie, daß ich mir soll ein ander 
und sürnehmer Ehegemahl suchen? Liebe Frau Amts 
schultheißin. Frömmigkeit und Herzensgute ist mehr 
als vornehmes Gethne, und Sie waren dem seligen 
Herrn Amtsschultheiß Ellenberger ein treues Ehe 
gemahl, Sie haben ein ehrbar Witwenleben geführt, 
so hoffe ich, Sie werden auch in meinem Pfarrhaus 
den Platz ausfüllen." — 
Frau Ellenberger wollte reden, doch der Pfarrer 
schnitt ihr das Wort ab und sagte: „Ich verlange 
heute keine Antwort, mein Antrag hat die Frau 
Amtsschultheißin überrascht, und ich komme morgen 
wieder und hole mir Bescheid." 
Damit stand Pfarrer Laukhardt auf, warf seinen 
Mantel um, stülpte die Kapuze aufs Haupt mtb 
ging, nachdem er den Kindern freunblid) zugewinkt 
hatte, mit stummem Händedruck hinaus. 
Frau Ellenberger saß noch lange sinnend da, 
während die Kinder still mit einander spielten, bis
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.