Full text: Hessenland (16.1902)

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Anzahl Gartenanlagen, welche mit der damals 
beliebten Ostheimer Kirsche (benannt nach der Stadt 
Ostheim vor der Rhön) bepflanzt wurden, die ans 
dem Kalkboden gedieh, und nach wenigen Jahren 
zur Blütezeit einen herrlichen Anblick der ganzen 
Gegend gewährte, welcher sich bis heute zur Frühlings 
zeit erhalten hat. 
Was nun die Anlage der Bierkeller vor dem 
Frankfurter Thore betrifft, so ist nach dem mir 
freundlichst zur Einsicht übergebenen Fascikel der 
vorhinnigen Kurfürstlichen Residenz-Polizeidirektion: 
„Acta die Aufbewahrung des Bieres in 
Felsen kellern betreffend Tom. I. B. 11" 
der brave Mann, welcher dieselbe ins Leben gerufen 
hat, der Hof-Küsermeister M a r t i n Reh m ü l l e r 
(oder Reimüller) zu Kassel. Seinen Namen meldet 
kein Lied, kein Heldenbuch, wohl aber das die 
Polizei-Akten eröffnende Gesuch an Seine Königliche 
Hoheit den Kurfürsten Wilhelm II. vom 4. De 
zember 1822. Dasselbe beginnt: 
Allerdurchlauchtigster, allergnädigster Kurfürst 
und Herr! 
Wenn ich es wage, mich Ew. Königl. Hoheit 
nochmals*) mit einem allerunterthänigsten Gesuche 
zu nahen, so geschieht es einzig und allein in 
der reinen Absicht, meinem allerguädigsten Fürsten 
und Herrn, sowie meinen Mitbürgern zu dienen 
und zu nützen. 
Tie Klagen über schlechtes Bier in hiesiger 
Residenz, besonders im Sommer, sind ebenso 
häufig als gegründet, vielleicht auch Ew. Königl. 
Hoheit nicht mehr fremd. 
Wie sehr nachteilig dies aber hauptsächlich 
auf die geringere Klasse der Menschheit einwirkt, 
und ein Hauptgrund zur physischen und mora 
lischen Verderbtheit so mancher Familie geworden 
ist, hat die Erfahrung genugsam bestätigt, und 
ich glaube daher, daß es ein Verdienst sei . . . 
Die Felsenkeller und deren Vorteile sind viel 
leicht längst, allein in hiesiger Gegend noch nicht 
allgemein bekannt, und durch Einrichtung solcher 
hier, wo in der Nähe und namentlich am sog. 
Weinberge die erwünschte Gelegenheit sich dar 
bietet, würde man nach meiner vollen Überzeugung 
den gewünschten Zweck erreichen . . . 
Kein Bierbrauer hat so große Keller, und die 
meisten sind von der Art, daß sich das Bier 
nicht darin hält . . . Die bessere Sorte, März- 
bier, ist in der Regel kein solches, führt bloß 
den Namen und ist in der Regel erkünstelt. 
Bittsteller knüpft daran den Vorschlag, ent 
sprechende Bauten im Weinberge vorzunehmen und 
*) Ein früheres Gesuch findet sich nicht in den Akten. 
dazu Leute aus den Armenanstalten unter Vergütung 
heranzuziehen, und bittet um Erteilung eines 
Urlaubs von vier Wochen zu dem Zwecke, sich die 
in andern Nachbarländern des Deutschen Bundes 
| bereits bestehenden Einrichtungen der Art näher 
j anzusehen. 
Dieser edle Menschenfreund mußte den Fluch 
der Mehrzahl der ersten Entdecker aus sich nehmen, 
daß er von seiner Bemühung geringen Dank erntete 
und Andere Nutzen ziehen lassen mußte, zunächst aber, 
da er von einer Verfügung ans sein Gesuch lange Zeit 
nichts vernahm, solches nach mehr als Jahresfrist 
wiederholen (10. Februar 1824). Inzwischen hatte 
doch Kurfürstliche Residenz-Polizei-Direktion dahier, 
welche Gesuche dieser Gattung zunächst zu prüfen 
hatte, sich desselben angenommen und hiesige Bier 
brauer zur Äußerung darüber vorbeschieden. Darauf 
erklärt sich der Bierbrauer I o h. P e i l e r t, dem die 
Bemerkungen Reymüllers über die Aufbewahrung 
des Biers und dessen Beschaffenheit sehr mißfallen 
hatten, mit Entschiedenheit gegen dieselben, bezeichnet 
. sie als Verleumdung und fügt hinzu, daß er sechs 
gewölbte Keller habe. Die miterschienenen Kollegen 
Friedr. Schulz, E. Ost heim, Joh. Heine, 
P. Eisseng arthen, N. Wind ns schließen sich 
dieser Äußerung an. Tie Polizeidirektion erklärt sich 
trotzdem für das Gesuch (8. Seht. 1824), desgleichen 
die Oberberg- und Salzwerks-Tirektion (19. Sept. 
1824) , welcher dasselbe vorgelegt worden war, mit 
der Begründung, daß die Kalksteinselsen im Wein 
berge fest genug seien und die Bauten darin keine 
Schwierigkeiten darböten. Darauf wurden die Kasseler 
Bierbrauer, unter denen jetzt auch Krause und 
Maysarth erschienen, entsprechend beschieden, und 
erklärten sie, sich darüber benehmen zu wollen. 
Nunmehr berichtet der Polizeidirektor, Regierungsrat 
Pfeiffer, die Anlage der Felsenkeller befürwortend 
an den Kurfürsten mit dem Bemerken, daß bereits 
einige Bierbrauer mit Zustimmung der Grund 
eigentümer zu bauen begonnen hätten, darunter 
Konrad Ostheim, welcher um diese Zeit (12. Juli 
1825) dort unterm Weinberge an der Straße 
vor dem Frankfurter Thore Grundbesitz erworben 
hatte für 5200 Thaler, woraus aus dem geheimen 
Kabinet Beschluß ergeht. 
li68ot. 3. August 1825: Ist vor der Hand 
nicht damit fortzufahren. Dem Ostheim vorerst 
die Anlegung des beabsichtigten Felsenkellers 
untersagt. 
vdt. v. Mehsenbug.*) 
Ostheim bittet hierauf nochmals um allerhöchste 
Erlaubnis, und ergeht nunmehr — mochten seine 
*) Der langjährige Geh. Kabinetsrat Rivalier v. Meyse»- 
bug (vgl. „Hessenland" 1900. S. 106 ff.). 
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