Full text: Hessenland (16.1902)

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eine Zeit lang noch blieb der Fortbetrieb der 
Wirtschaft gestattet. Die Darstellung der geschicht 
lichen Entwicklung der Felsenkeller dürfte daher 
nicht unwillkommen erscheinen. 
In neuerer Zeit ist in höheren Kreisen das 
Biertrinken beliebter geworden. Wie frühzeitig 
dies köstliche Naß bei den meisten Völkern getrunken 
worden, ist allbekannt. Nach unverbürgten Mit 
teilungen kommt das Bier im Morgenlande schon 
vor einigen tausend Jahren vor, und wird der 
der Sage angehörende ägyptische König Osiris 
als erster Spender eines aus gemalztem Getreide 
bereiteten Bieres genannt. Weiter hören wir, daß 
es im alten Rom bei dem Feste der Ceres 
getrunken wurde, woher der Name Cerevisia; 
während eine deutsche Erzählung die Erfindung 
desselben dem Herzoge Janprimus (Johann I.) 
von Brabant (1251—1294 n. Chr.), aus dem 
später ein König Gambrinus gemacht worden 
ist, zuschreibt. 
Im Mittelalter wird das Bier als Getränk in 
allen Klassen der Bevölkerung erwähnt und auch 
von Fürstlichkeiten nicht verschmäht. So berichtet 
das Chronicon Berolinense (Heft IV der Schriften 
des Vereins für die Geschichte der Stadt Berlin 
S. 10), daß der Rat dieser Stadt dem Kurfürsten 
Friedrich I. von Brandenburg aus dem Hause 
Hohenzollern bei seiner Ankunft 1 Tonne Bernauisch 
Bier, so damals 17 Groschen gekostet, verehrt 
habe (1412). Nicht lange zuvor, im Jahre 1395, 
erlangten nach einer darüber ausgestellten Urkunde 
„Bürgermeister, Schöffen und Bürger gemeinlich" 
von Kassel gegen Erlegung von 2500 Gulden vom 
Landgrafen Hermann dein Gelehrten die Berech 
tigung, in dieser Stadt nicht nur Bier zu brauen, 
sondern auch auszuschenken und gegen einen von 
ihnen selbst zu bestimmenden Preis zu verkaufen, 
dergestalt, daß niemand, als wer hier angesessen 
sei, Bier schenken oder fremdes Bier einführen 
dürfe, es sei denn, daß dies zu seinem und seines 
Hauswesens eigenem Bedarf geschehe. Dafür 
verpflichtete sich die Stadt, zu des Landgrafen und 
dessen Nachfolger Bedarf das Bier zum Preise von 
3 Pfund hessischer Pfennige für das Fuder aus 
die Burg 511 liefern.*) Die Kasseler Stadtrech- 
nungen aus der Zeit von 1468 bis 1553 enthalten 
eine Reihe auf das städtische Brauwesen im all 
gemeinen und die Lieferungen aufs Schloß ins 
besondere bezügliche Posten, z. B.: 
*) Zeitschrift des Vereins für heff. Geschichte und Landes 
kunde. N. F. Bd. IU, S. 69 (Denkwürdigkeiten der Stadt 
Kassel von F. Nebelthan, Oberbürgermeister das. Ab 
schnitt II). 
1520. 27. 22 x /2 Fuder Bier, das Fuder für 
3 Pfund, aufs Schloß geliefert; 
69, 70. 256 Zober Bier, der Zober für 
9 Albtts, aufs Schloß geliefert.*) 
Infolgedessen gab es in Kassel Bierkeller genug, 
namentlich unter dem Rathause, und nicht nur bei 
freudigen, sondern auch bei ernsten und traurigen 
Anlässen wurde wacker gezecht, woraus sich eine 
einschränkende Verordnung des Landgrafen Ludwig I. 
des Friedfertigen erklärt vom 14. April 1455 (in der 
Sammlung Fürstlich Hessischer Landes-Ordnungen 
, T. I, S. 13): 
„§ 24. Item, wer Auch deß Abendß bey nachtt. 
So die glockhe gelüdt ist, lenzer in den Bier- 
vnnd weinheußern, darin man pslegett zum schenckhen, 
sitzett vnnd funden wird, Alß dick, Alß daß 
geschiehett, Sollen der oder die deß thuen, vnnd 
Auch wer die so vffheltt, vnnd Auch in syne 
Hüße sitzen leßett, vnnd deß verbueßen mit drey 
Pfunden Hessischer wehrung." 
Aber erst dem 19. Jahrhundert, welches auf 
vielen Gebieten bedeutende Fortschritte 51t verzeichnen 
hat, sollte die Anlage von Bi er kellern in und 
auf beut Kalkfelsen südlich vor dem Frankfurter- 
Thore vorbehalten bleiben. Ans demselben waren 
in früheren Zeiten, sogar schon 1270, Weinreben 
gediehen, und er hieß deshalb, obgleich auch aus 
anderen höher gelegenen Punkten der Umgegend, 
wie Kratzenberg und Möncheberg, Wein gepflanzt 
wurde, Weinberg, das Stadtthor Weinberger 
Thor und das dabei gelegene, bei der ersten Be 
lagerung von Kassel (1385) zerstörte Dorf Wein 
garten.**) Nach glaubwürdigen Überlieferungen, 
im wesentlichen festgelegt durch Auszeichnungen des 
noch rüstigen Malers Reinhard Hvchapfel d. Ä., 
versuchte Landgraf Friedrich II. (1760 — 1785) 
nach Beendigung des siebenjährigen Krieges durch 
den Hnbertusburger Frieden (1763) nochmals die 
Anpflanzung von Wein auf dem Hügel am West 
ende der Oberneustadt zwischen Frankfurter Thor 
und Königsthor (dem späteren Wilhelmshöher Thor) 
und legte dazu vom Philosophenwege aus nach 
der Höhe Terrassen an, welche noch jetzt sichtbar 
sind. Jedoch die Reben gediehen nicht und der 
aus den gezogenen Trauben gekelterte Wein war 
nicht trinkbar. Es wurde daraus der ganze Wein 
berg bis zu der bald danach angelegten Wilhelms 
höher Allee an zwei bemittelte Männer, Rat Wittich 
und Verbellet, zusammen für 3000 Thaler verkauft. 
Diese parzellierten wieder, und so entstanden eine 
*) Dieselbe, Suppl. III (herausgeg. von Ad. Stölzel, 
Kreisgerichtsrat i» Kassel) S. 165, 173. 
> **) Zeitschrift N. F. Bd. III, S. 64 fg. - A. F. Bd. III, 
S. 167 fg. (Beiträge zur Geschichte des Weinbaues in Alt- 
I Hessen von G. Landau).
	        

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