Full text: Hessenland (16.1902)

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verschiedene anatomische Schriften, vier vollwertige 
dichterische Werke, eine Reihe Übersetzungen Hugoscher 
Werke und der bereits erwähnte „Hessische Land 
bote" — fürwahr eine Geistesarbeit, die um so 
ausfälliger und dankenswerter erscheint, als alle 
diese Werke über das Durchschnittsmaß hinaus 
gehen und zum Teil zum Besten gehören, was auf 
dem Gebiete geschrieben. So ist z. B. Büchners 
Drama „Dantons Tod" das einzige unter den 
vielen Revolutionsdramen, das der großen Zeit 
völlig gerecht wird und auf jeden Fall, die Fehler 
alle anerkannt, jene Größe in der Zeichnung nicht 
vermissen läßt, die allein der Schilderung der da 
maligen Verhältnisse zukommt. 
Georg Büchner hat sein Drama, wie ich schon 
erwähnte, unter den schwierigsten Verhältnissen, in 
Darmstadt in fünf Wochen beendigt. Er schrieb 
selbst über die Zeit: „Für Danton sind die Polizei 
diener meine Musen gewesen." Daß diese Verhält 
nisse km Drama nicht zum Vorteil gereichten, ist 
selbstverständlich. Ende Februar 1835 war es be 
endigt und Büchner schickte es mit einem Begleit 
schreiben an Gutzkow nach Frankfurt, den er als 
Kritiker schätzen gelernt und dem er, als Haupt 
des jungen Deutschland, auch zuerst Vertrauen 
schenkte. Gutzkow erkannte sofort den Wert des 
Dramas, übernahm seinen Druck, und bald darauf 
erschien es, freilich den damaligen Zeitumständen 
angemessen, gestrichen und „verbessert" im Sauer- 
länderschen Verlag zu Frankfurt a. M., eingeführt 
durch eine überaus glänzende Kritik des Werkes 
aus Gutzkow's Feder im „Phönix". 
In „Tontons Tod"*) hat es Büchner unter 
nommen, das Drama der Revolution zu schreiben, 
also der gährenden Zeit, in deren Nachwehen sein 
Leben fällt. Es wurde düster, wild und genial, 
*) „Dantons Tod" Frankfurt a. M. 1835 (gekürzt 
und gestrichen). Wieder abgedruckt iu „Georg Büchners 
nachgelassenen Schriften" Frankfurt a. Al. 1850 (hier sind 
einzelne Stellen nach km Manuskript wieder hergestellt, 
doch sind noch genug Striche rc. enthalten). Den reinen 
Abdruck bietet erst Franzos in „Georg Büchners sämt 
lichen Werken" Frankfurt a. Al. 1879. Diese Ausgabe 
lag auch der Neuausgabe des Dramas in „Meyers Volks 
büchern" zu Grunde. Eine Neuausgabe des Werkes mit 
Einleitung vvin Verfasser dieses erscheint demnächst in 
„Hendels Bibliothek der Gesamtlitteratur". 
Die Kasseler Felsenkeller t>< 
Von C. 
bekanntlich wird ein Besitztum erst in seinem 
wahren Werte geschätzt, wenn man dasselbe zu 
verlieren fürchtet, oder gar, wenn man es verloren 
hat. So geht es auch mit den Fel senket lern 
in seiner feurigen Sprache ganz der Zeit angepaßt, 
in der es spielt. Es läßt uns wie kein anderes 
Werk den Menschen Büchner erkennen. Denn 
„Dantons Tod" ist ein großes Bekenntnis seines 
Verfassers, der, in der Gemütsstimmung, in der er sich 
durch die Verfolgungen befand, sein Herz erleichtern 
und sich über das aussprechen wollte, was die Zeit 
bewegte. Daher ist es auch ein sogen. Buchdrama ge- 
worden und wird sich auf der Bühne, wie auch die 
Versuche, die man erst kürzlich in Berlin gemacht, 
bewiesen haben, nicht halten können. „Dantons 
Tod" ist von vornherein m. E. als philosophisches 
Drama zu betrachten, nur wenige Szenen, wie die 
Versammlung im Konvent, könnten durch glänzende 
Ausstattung auf der Bühne wirken. Das beweist 
nun wohl, daß Büchner kein Dramatiker war, es 
besagt aber nichts gegen den Wert des Stückes. 
Alle die Vorwürfe, daß die Personen sämtlich wie 
Philosophen reden, die Bedenken, die man in sitt 
licher Hinsicht gegen das Stück hegt, sie fallen zu 
sammen, wenn man den Wert der Dichtung betrachtet, 
der darin besteht, daß Büchner den wilden auf 
rührerischen Ton der Zeit am besten getroffen, daß 
er dem Sinne nach richtig die Philosophie der 
Revolution ausgestellt. Diesem gegenüber ver 
schwinden die thatsächlich vorhandenen Fehler und 
Geschmacklosigkeiten, und wir sollten uns freuen, daß 
wir in „Dantons Tod" eine Dichtung haben, die 
als einzige in der deutschen Litteratur der Revolution 
gerecht wird, die Verhältnisse schildert, wie sie 
waren und nichts zu verheimlichen sucht. Daß dies 
Gemälde einer solchen Zeit, die doch gewiß zur 
dramatischen Behandlung zuerst einlädt, mit grellen 
Farben gezeichnet sein muß, ist selbstverständlich. 
Ich kann hier nicht näher auf das Drama ein 
gehen, wie ich auch Büchners übrige Werke („Leonce 
und Lena", ein Lustspiel, „Wozzek" und das prächtige 
Novellenfragment „Lenz") hier nicht weiter in den 
Kreis meiner Betrachtung ziehen kann. Es würde 
das aus dem Rahmen meines Aufsatzes falle«. 
Mein Zweck war, aufmerksam zu machen aus dieses 
Genie aus dem Hessenlande, dem unsere Litteratur 
und Wissenschaft sicher noch viel zu verdanken ge 
habt hätte, wenn seinem Wirken nicht so früh 
durch den Tod ein Ende gesetzt worden wäre. 
Alexander Würger. 
dem Frankfurter Thore. 
N e u b e r. 
vor dem Frankfurter Thore. Ihren Unter 
gang muß die Kasseler Bürgerschaft betrauern. 
Auch der letzte von ihnen ging bekanntlich vor 
wenigen Fahren in Privatbesitz über, und nur
	        

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