Full text: Hessenland (16.1902)

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freilich nur kurzen Lebenswege begleitet. In Darm- 
stadt besuchte er dann auch das Gymnasium und 
bezog im Jahre 1831 die Universität Straßburg, 
um Medizin und Naturwissenschaften zu studieren. 
Straßburg, die Stadt des jungen Goethe, war 
deshalb von seinem Vater gewählt worden, weil 
er auch seinen Sohn teilnehmen lassen wollte an 
der Verehrung, die er für die französische Sprache 
und Litteratur, wie überhaupt für französisches 
Wesen hegte. Hier wurde er in die Familie des 
Pfarrers Jaeglö eingeführt und bald verlobte er 
sich mit dessen Tochter Minna, ein schöner idealer 
Bund, den erst der Tod schied. Schon nach zwei 
Jahren wurde er aus dem schönen Kreise, in dem 
er sich in Straßburg bewegte, hinweggerissen, um, 
den Gesetzen seines Vaterlandes entsprechend, an 
der Landesuniversität Gießen seine Studien zu 
vollenden. So kam er aus dem lebenslustigen 
Straßburg, wo er seine Braut zurückließ, in die 
düstere Universitätsstadt an der Lahn. Und in 
dieser Stimmung warf er sich der Revolution in 
die Arme. 
Es ist hier nicht der Platz, die Geschichte der 
damaligen Verhältnisse vorzuführen, ebensowenig 
gedenke ich hier ganz genau den Anteil Büchners 
an der Bewegung festzulegen. Es genügt, wenn 
ich sage, daß dieser sich hier zu dem Schritte fort 
reißen ließ, den „Hessischen Landboten" zu versassen, 
eine Schrift, die, zn Ehren des Verfassers sei es 
gesagt, in der vorliegenden Form weniger das Werk 
Büchners, sondern Weidigs ist. Daß trotzdem sich 
selbst Anhänger Weidigs sehr tadelnd über das 
Werk, das unter dem Motto „Friede den Hütten, 
Krieg den Palästen" segelte, aussprachen, mag ja 
mit den ganzen Zeitverhältnissen, in denen sich 
niemand offen zu einer solchen revolutionären Schrift 
bekennen wollte, zu erklären sein. Wenn aber 
Di-. Eichelberg aus Marburg bei seinem Verhör 
die Schrift als wahrhaft ekelhast bezeichnete und 
der Meinung Ausdruck gab, er würde sich schämen, 
wenn die geheime Presse nichts Besseres zu Tage 
fördern würde, so geht dies doch entschieden über 
eine bloße Verwahrung hinaus und läßt erkennen, 
daß man auch in den Kreisen mit dem Inhalt der 
Schrift keineswegs einverstanden war. 
Die Geschichte des Druckes, der Verbreitung und 
der nach der Entdeckung folgenden Untersuchung 
ist sehr interessant. Sie zeigt uns genau die da 
maligen politischen Verhältnisse und die Thätigkeit 
gewissenloser Menschen, die um schnödes Geld ihre 
Freunde, in deren Vertrauen sie sich eingeschlichen, 
dem Richter auslieferten. Büchner entging der 
Untersuchung; ja, in dem Gefühle, daß man nichts 
von seiner Autorschaft der Schrift wisse, pochte er 
aus sein gutes Recht und legte Beschwerde ein. 
als man Haussuchung bei ihm hielt. Bald wurde 
ihm der Boden Gießens aber doch zu heiß und 
er ging nach Tarmstadt zu seinen Eltern. Hier 
setzte er seine ■ anatomischen Studien fort, um 
seine Eltern, denen er seinen Verkehr mit den 
Revolutionären und seine eifrige Anteilnahme an 
ihrer Sache verheimlicht und trotz vieler Zureden 
stets abgeleugnet hatte, zu täuschen. Ja — er 
hinterging sogar seine Eltern so, daß er während 
des kurzen Aufenthalts in Darmstadt nicht nur 
mit seinen Freunden in Gießen und Butzbach in 
Verbindung blieb, sondern sogar in Darmstadt 
eine „Gesellschaft der Menschenrechte" gründete, 
deren Programm er in seinem „Hessischen Land- 
boten" niedergelegt hatte. 
In die Darmstädter Zeit fällt auch Büchners 
erster Versuch, sich dichterisch zu bethätigen. Aus 
innerem Drange heraus schrieb er in fünf Wochen 
sein Drama „Tantons Tod" nieder, über das ich 
später noch sprechen werde. — Bald merkte er, daß 
man ihm auch in Darmstadt Mißtrauen entgegen 
brachte. In der Straße, in der er wohnte, waren 
stets zwei Schutzleute aufgestellt — man schien 
einen Verdacht zu haben, den man aber nicht offen 
aussprechen wollte. Eines Tages erschien denn auch 
die Vorladung vor den Richter, was soviel wie 
die Verhaftung bedeutete, da man, um Aussehen zu 
vermeiden, diese nicht in den Wohnungen, sondern 
gleich im Gefängnis vornahm. Mit Hilfe seines 
Bruders Wilhelm, der ihm überhaupt in echt 
brüderlicher Gesinnung stets beigestanden, rettet er 
sich über die Grenze, und geht wieder nach Straß- 
burg (Ansang März 1835). Hier wandte er sich 
wieder vollständig und mit großem Eifer seinen 
naturwissenschaftlichen und philosophischen Studien 
zu, mit dem Erfolge, daß er schon 1836 eine An 
stellung als Privatdozent an der Universität Zürich 
fand. Doch schon im nächsten Jahre schloß er 
die Augen auf immer. Sein Todestag ist der 
13. Februar 1837. Er erlag einem Nervenfieber, 
das zuerst zu Besorgnissen keinen Anlaß bot, dann 
sich aber zu Delirien steigerte und die Kräfte des 
Kranken bald verzehrte. Georg Herwegh 
widmete dem toten Dichter ein Trauerlied, in dem 
es heißt: 
„Ein unvollendet Lied sinkt er ins Grab. 
Der Verse schönsten nimmt er mit hinab." 
Wenn mau das Lebenswerk Georg Büchners 
überschaut, wenu man die Fülle der Arbeiten be 
betrachtet, die er während drei Jahren (von seinem 
21.—23. Jahre) geschaffen, so kann man sich eines 
traurigen Gedankens nicht erwehren, daß dieser 
Geist so frühe schon von der Erde scheiden mußte. 
Eine Geschichte der griechischen Philosophie, ver 
schiedene kleinere philosophische Abhandlungen,
	        

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