Full text: Hessenland (16.1902)

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Tie Müllern mußte das hören und bemerkte 
nun ihrerseits: „Herr Kanter, unser Jakob is ’n 
Kapp; aber auch '11 sorscher Bengel. Gestern noch 
hat er drei — ich glaub', da die waren auch dä- 
bei — durchgestammt." Und sie hatte ans den 
Sattlersjnngen und seinen Gespielen gezeigt . . . 
Endlich hatte Trabert die kleine Gesellschaft auf 
seinen Bänken untergebracht. Da saßen sie denn 
und verglichen ihre Griffel nnd ihre Tafeln. Letztere 
waren von den Eltern und Paten mit kluger Bor 
sicht meist so gewählt, daß sich gar keine Unter 
schiede ergaben: — sie hatten alle das kleinste 
Maß. Und sie erzählten sich von den jungen 
Gänsen und Lämmern nnd rupften sich an den 
Ohren und die liebe Sonne strich durch die blonden 
und braunen und roten Haare nnd weckte lachende 
Funken in den sorglosen Augen und schien ihnen 
zuzuraunen, es wäre alle Tage hier so lustig 
„Heut hat unsere Scheck ei' Kalb' krigt, Kanter!" 
tonte es wieder einmal laut durch das Getümmel. 
„Ach, — Ihr mit Eurem Scheck. — Der zieht 
ja net", wies ein anderer den vorlauten Kameraden 
zurecht. 
„Ihr ackert ja mit Schasi, — hat mei' Bater gesagt." 
„Wart, wann Tu aus unser Miste kommst." 
Immer noch standen die Mütter und Bäter da 
und lauschten den Weisheitssprüchen ihrer Kinder. 
Die schien das sehr zu freuen; denn gleich fing 
wieder eines an: „Kanter, mein Vater hat daheim 
ganz viele Dahler." 
„Aber meiner hat so große Dahler!" Der 
Knirps beschrieb einen Kreis wie ein Wagenrad. 
„Glaub's net, Kanter. Ich hab's gesehe', es 
sind gar fei’ Dahler, es sind lauter Heller." 
— Ter Lehrer hielt nun seine gewohnte An 
sprache an die Eltern und bat um ihre Unterstützung, 
da Haus nnd Schule Hand in Hand gehen müßten. 
Er gab gute Lehren, Fingerzeige und Anordnungen 
und machte ihnen das Herz weich. 
„Meiner ist so ein guter Kerl", sagte dann des 
Kuhhirten Schwiegertochter. „Hannes, bet ’mal." 
Und der Hannes stand schon aus der Bank. 
„Komm Jes uns Gast, säg was uns beschwert 
has. Ame. Mutter, mei' Leffel!" 
Tie Mutter wurde feuerrot im Gesicht, und der 
gute Herr Kantor benutzte die nach dem Gelächter 
eingetretene Pause, um mit Anstand und Würde 
die Inhaber der „Individuen" — die der „bis 
dato daselbst gestorbenen" abgerechnet — hinaus 
zukomplimentieren. 
„Was wollt ihr nun am liebsten?" wandte' er 
sich an die Neulinge. 
„Ein Weck und heim!" ries es durcheinander. 
„Nachher! — Soll ich Euch was an die Tafel 
malen?" 
„Kanter, der Schorsch hat mich geroppt." 
Er hörte nicht daraus. 
„Einen Hasen? — Was?" 
„Ja, ja!" 
Der Hase entstand. 
„Kanter, der hat ja nur ei’ Aug’!" 
„Das andere ist ans der anderen Seite!" er 
klärte Trabert. 
„Dann dreh' 'mal die Tafel ’rum!" 
„Es is ganz richtig. — Mei Vater schreibt 
sie auch so", eiferte ein anderer. 
„Nun wollen wir ihn schießen! — Was?" fragte 
der Lehrer. 
„Bist — baff — bumm!" ging es nun los. 
Einer warf einen Ball an die Tafel. Das war 
nun wieder nicht recht und ein kleiner Junge stand 
auf und zog einen Bindfaden aus der Hosentasche. 
„Kanter, Du hast 'n Stock. Net? — Da, mach' 
’n Flitzbvge',-dann kannst ihn schieße’!" 
Und es wurde auch ein Flitzebogen gemacht, nnd 
der alte Trabert zeigte ihnen nachher Bilder und 
spielte aus der Geige und sang ihnen Liedchen vor 
und fragte dann wieder allerlei und gab den kleinen 
Mäulern mit weisem Bedacht stets etwas zu plappern. 
Die Sonnenstäubchen schwebten aus und nieder 
und drunten im Garten sangen die Finken und 
lockten die Stare und die Kirschknospen schimmerten 
schon weiß zum Fenster hinein. Es war eigentlich 
schade, die kleinen Menschenblüten ans den Bänken 
festzuhalten! Und dem alten Trabert wurde es 
mitten in dem Sonnenschein wieder einmal schwer 
um's Herz. Jetzt, wo alles draußen dem Frühling 
entgegenjubelte, steckte man die lustigen Seelchen 
zu ihm in die vier öden Wände nnd er mußte sie an 
Griffel und Schiefertafel kommandieren und die 
Händchen, die lieber Blumen gepflückt hätten, zum 
regelmäßigen „aus" und „ab" anhalten und die 
Augen, die so gerne nach Schneckenhäusern und 
Schmetterlingen und Vogelnestern spähten, an die 
„schwarzen Teufel", die Buchstaben bannen. 
„Kinder!" rief er plötzlich, „Kinder, kommt, 
wir wollen in den Garten gehen!" 
Aber da stürzte auch schon die Bande hinunter, 
daß die anderen beiden Herrn Kollegen ihre Köpfe 
aus den Thüren steckten. 
Und als Trabert in den Garten kam, rüttelten 
sie schon an allen Bäumen und rochen an allen 
Blumen und untersuchten alle Winkel. Es war 
ein Sonnentag. 
Die bunte Schar hüpfte und tanzte um den 
ältlichen Mann, als sei er ihr Bater. 
„Hol’ die Musik, Kanter. — Ach, hol' sie doch!" 
Der Kreis war schon gebildet um ihn. 
„In meines Vaters Garten . . . 
Da stehn viel schene Blimelein,"
	        

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