Full text: Hessenland (16.1902)

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Tage sind meist die, an denen die Kleinen zum" 
erstenmal in die „heiligen Hallen" treten und 
Naturfrische, Mutterwitz, vorlaute Plappermäulchen 
und fingerfertige Händchen mit hereinbringen. Und 
macht da manches Käthchen oder Hanneschen von 
der lieben Gvttesgabe „Dummheit" den ausgiebig 
sten und verschwenderigsten Gebrauch, der Sonnen- ' 
tag laßt sie wie ein weißes Wölkchen in der blauen 
Lust verfliegen. 
Für den alten Kantor Trabert war ein solcher 
Sonnentag angebrochen. Erwartungsvoll stand der 
granbärtige Recke in der freundlichen Schulstube 
und durchflog mit seinen milden Angen die eben 
eingetroffene Liste. Der Stadtdiener Hamel, ein 
des Lesens kaum kundiges Meublement des kleinen 
Ortes, das vor jeder Bekanntmachung einen Memorier 
kursus bei dem gestrengen Herrn Bürgermeister 
durchmachen mußte, hatte sie soeben gebracht. 
„Eine schöne Bescherung vom Herrn Borgemeister 
und da wär' die Stammrolle der Gestellungs 
pflichtigen." 
„Schön, Hamel! Immer militärisch." 
„Wollen der Herr Kanter mal schnuppen?" 
Und schon hatte der „Stadtsoldate" seine Birken- 
dvse aus der Hosentasche unter der schwarzen Säbel 
scheide herausgenestelt, schlug klatschend daraus, 
zog den Deckel ab und hielt sie dem Lehrer, den 
vorgeschriebenen Instanzenweg erleichternd und 
wesentlich abkürzend, dicht unter die Nase. 
„Na, na! — Zur Gesundheit." 
Und dann hatte er selbst ein ausreichendes I 
Quantum den Pforten seiner rotglänzenden Riech- ! 
gruben zu pläsierlicher Unterhaltung übergeben, 
sagte lachend: „Gute Berrichtnng, Herr Kanter. 
— Mögt' die Bälg' net habe'." — — 
Trabert studierte nun erst den Titel. 
„Geburtsliste der Ostern 1902 fällig werdenden 
Kinder der Gemeinde Ortenfels, Kreis Riedberg, 
Regierungsbezirk Marienleben, enthaltend die in 
der Zeit vom 1. April 1895 bis 1. Oktober 1896 
geborenen Individuen, mit gleichzeitiger Bezeichnung 
derjenigen derselben, welche bis dato ebendaselbst 
gestorben sind. Königl. Preußisches Standesamt. 
Kullert. — — K. H. dem Herrn Lehrer Trabert 
zum amtlichen Gebrauch. Der Königl. Ortsschul 
inspektor Hassert." 
Das war der Inhalt des ersten Blattes. 
„Nun werde ick mir 'mal meine „Individuen" 
ansehen. Diejenigen derselben, welche bis dato 
gestorben sind, werde ich nicht aufnehmen", murmelte 
Trabert schalkhaft vor sich hin und überflog die 
Namen. Da er schon dreißig Jahre in Ortensels 
amtierte und alle Familien bis aus die Knochen 
kannte, wollte er sich einen kleinen Vorgeschmack 
von der Arbeit bereiten, die ihm bevorstand. Seine 
Augen leuchteten: es waren meist Kinder ans ge 
ordneten Verhältnissen und solche, die seinem Er 
ziehertalent alle Ehre machen würden ... Es 
standen also viele Sonnentage bevor! 
Ta klopfte es auch schon an. 
„Guten Tag, Herr Kanter! Da bring ich Euch 
den Konrad." 
Der Schuster Daniel führte seinen ältesten Sproß 
herein. Der war im besten Staat, sorgfältig ge 
waschen und mit steif verklebtem Haarschopf. Der 
Lehrer gab ihm, das Täfelchen kleinsten Kalibers, 
das der Knabe unter dem Arm hatte, lächelnd 
musternd, die Hand. 
„Konrad, wie spricht wer?" 
,,'n Dag, Kanter!" sagte der Kleine laut. 
„Das is 'n Heller, Herr Kanter. Iwerall weiß 
er schont Bescheid", erklärte der Vater. 
„Habt ihr zu Hanse eine Kuh, Konrad?" fragte 
Trabert. 
„Ne — zwei!" 
„O Du Tausendsasa!" meinte der Lehrer. „Warst 
Tn schon mit Deinem Vater in Marienleben?" 
„Jo!" 
„Nun, was giebt es da alle?" 
„Tobbelte Würstercher!" 
Der Schuster schüttelte sich vor Lachen. Trabert 
aber fuhr fort: „Wer ist der oberste Mann im 
Land?" 
„Ter Gerichtsvollzieher!" gab der Kleine prompt 
zurück. 
Es war gut, daß nun alle die Kathrinchen und 
Lischen und Peterchen und Ehristophelchen kamen, 
sonst Hütte der Vater sicherlich eine „schlagende" 
Einrede gemacht: denn er zitterte schon am ganzen 
Körper. 
Tie nnrnbigen Geister, welche sich scheinbar schon 
recht gut unterhalten konnten, ließen kein ernstes 
Wort mehr aufkommen, und der Lehrer hörte hier 
hin und da hin. Ta hatte ein Mädchen „schwache 
Nerven" — die Mutter wollte damit eine zarte 
Umschreibung dessen geben, was man sonst mit 
Beschränktheit bezeichnet, — ein anderes Mädchen 
hörte schlecht, dort sollte ein Peter recht streng 
gehalten werden, ein Hanneschen alle Stunde hin 
unter kommen u. bergt, in. Der alte Trabert 
kannte das ja; er wußte, daß jede Mutter das 
stärkste, klügste und bravste Kind brachte, daß er 
ja eigentlich ein Hüter lauter Engel sein würde. . . 
„Der Müllern ihr Jakob soll ei' gescheit' Bürsch- 
che' sei'!" rannte die dicke Sattlerssran der Nach 
barin zu. Tie sah das als eine Anzüglichkeit aus 
ihren Goldjungen an, der so furchtbar schlecht 
sprechen konnte und bemerkte spitz: „Aber wie 
schmal und schlecht sieht er aus. Wie 'n Leine 
webersbub' !"
	        

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