Full text: Hessenland (16.1902)

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Allerler von Zauberer. 
Von L. A 
s ist eine uralte Eigentümlichkeit der Menschen, 
lieber an übernatürliche Kräfte und fremden 
Frevel zn glauben, als an natürlichen Hergang 
und eigene Verfehlung. Sv schiebt man die 
Schuld an Unfällen gern geheimnisvollen Mächten 
und deren bösen Dienern zn. Und dem Verdachte 
der Thäterschaft ist unter solchen Umständen der 
jenige am meisten ausgesetzt, welcher die große 
Menge nie Klugheit übertrifft oder durch sein 
Äußeres einen abschreckenden nnb unheimlichen 
Eindruck macht. Ans solchem Grunde beruhte 
ehemals fund auch heutzutage noch) der unselige 
Hexenglailbe, den man verlachen müßte, hätte er 
nicht so unsägliches Elend über zahlreiche Personen 
und Familien heraufbeschworen. 
Es wäre aber unrecht, dem niederen Volke 
allein die Verantwortung für diese Geißel ver 
gangener Jahrhunderte zuzuschreiben. Die höheren 
Stände trifft keine geringere Schuld. Die Gesetz 
geber schritten ans denselben finsteren Wegen. Und 
die selbstsüchtigen und gewissenlosen Richter be 
nutzten eifrig die bestehenden Gesetze; denn jeder 
Prozeß warf ihnen einen nicht zil verachtenden 
Gewinn in den Schoß. Gesetzgeber und Richter- 
ständen nicht allein da: die Geistlichkeit ging — von 
wenigen rühmlichen Ausnahmen abgesehen — 
mit ihnen Hand in Hand; und selbst die Aus 
lese höherer Bildung ans den Universitäten stärkte 
llnd stützte meist den verruchten Aberglauben. 
Alle bliesen dieselbe Melodie. Wer will da noch 
einen Stein ausheben gegen die Herensurcht unter 
Bauern und Handwerkern, denen Großmütter und 
Basen in heimlichen Dämmerstunden immer wieder 
von teuflischer Zauberei erzählten? Längst hatte 
der Glaube daran im tiefsten Volksgemüte Wurzel 
geschlagen. Manchmal scheint aber auch bei Zeugen 
und Angebern der Aberglaube nur als Aushänge 
schild gedient zn haben, Habgier, Eifersucht oder 
Haß waren dann die eigentlichen Triebfedern. 
Frühzeitig finden sich für alle die erwähnten 
Beweggründe Beweise oder wenigstens Anzeichen. 
Im Jahre 1460 stand vor dem Melsunger 
Schultheißen eine Frau, die von einer Feindin 
der Hexerei bezichtigt wurde. Sie sollte einer 
säugenden Mutter die Milch genommen haben. 
Für einen so schweren Fall war der Schultheiß 
nicht zuständig, er verwies daher die Sache an 
das Gericht des Landgrafen.*) 
*) G. Landau, Bußregister, in der Zeitschrift f. Hess. 
Geschichte. II, 376 (1840). 
r m b r u st. 
Nachdruck verboten. 
Ein armer Kranker war es, der 1570 in den 
Geruch der Zauberei kam. Ein Mann ans dem 
hessischen Gerichte Spangenberg wurde durch 
Zufall nach Göttingen, der Leinestadt, verschlagen. 
Dort ließ ihn der ehrbare Rat von Häschern 
ergreifen; denn des Volkes Stimme bezeichnete 
ihn als „weisen Mann." Und der Verdacht be 
stätigte sich in herrlicher Weise. Im Besitze des 
Gefangenen fand sich nämlich ein Buch, in 
dem greuliche Teufelsbilder gemalt standen und 
„zauberische Buhlereien" zu lesen waren. Wenn 
er vollends einen Tops ans Feuer setzte und 
Zauberreime dazu sprach, dann zwang er dadurch 
eine Zauberin zn erscheinen. Dieser gewaltige 
Mann hatte eine lahme Witwe bezaubert. Auch 
im Gewahrsam gab er eine kleine Probe feiner 
Kunst. Er brachte es zu Wege, daß eine Hexe 
vor dem Hause erschien. Zu ihrem Glücke aber 
zog sie früh genug und unerkannt wieder von 
dannen, so daß sie den rohen Fäusten der Henkers 
knechte entging. Schließlich stellte es sich heraus, 
daß der angestaunte „weise Mann" ein armer 
Fallsüchtiger war, der von den schwersten Krämpfen 
heimgesucht wurde. Der Chronist*) meint freilich, 
der „Jammer" wäre häufig zu stark in ihm ge 
worden, oder der Teufel hätte ihn zu arg geplagt. 
Die Obersten im Göttinger Rate hatten dem 
Kranken (wohl für eine Vorstellung seiner Kunst) 
freies Geleit zugesagt, darum ließen sie ihn laufen. 
Seine Bücher jedoch und sein sonstiges Handwerks 
zeug behielt man und verbrannte es. 
So glimpflich kamen nicht viele davon. Schrecklich 
endete z. B. eine Hexengeschichte, die zwar keine 
hessischen Unterthanen betraf, aber einer hessischen 
Universität zur Beurteilung vorgelegt wurde. 
Dieser Prozeß giebt uns zugleich einen Einblick 
in den Starrsinn und die Bosheit mancher Richter, 
in die beschränkte Oberflächlichkeit mancher Ge 
lehrten, denen die unschuldigsten Umstände Verdacht 
einflößten. 
Im Mai 1664 kam es zu einer Gerichtsver 
handlung gegen die 18 jährige Dienstmagd Mar 
garethe Meineken aus Westeresch im (damals 
schwedischen) Herzogtum Verden.**) Das Mädchen 
*) Franz Lübeck, Chronik von Göttingen bis 1588, 
Blatt 3061» und 807 n, (Handschrift „Göttingen 4“ in der 
Universitäts-Bibliothek Göttingen). — Franz Lübeck war 
damals übrigens Prediger in Göttingen und wurde 1575 
Nachfolger des Hessen Johann Sutel an der Sixtus 
kirche in Northeim. 
**) Nach H. Meyer, ein Hexenprvzeß ans dem 17. Jahr 
hundert, ans den Akten dargestellt. Hannover 1867.
	        

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