Full text: Hessenland (16.1902)

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Der Hohe Herr (Friedrich II.) wollte aus seiner 
beim Regierungsantritte (1760) noch zum Teile 
von einer Ackerbau treibenden und int Comfort 
zurückgebliebenen Bevölkerung bewohnten Residenz 
eine aus Fremde einen angenehmen und behaglichen 
Eindruck äußernde Musterstadt machen. Er fing 
deshalb damit an, eine Anzahl Schuhputzer aus 
zustatten und in der Nähe des Schlosses — der 
alten Katlenburg — auszustellen, damit die Besucher 
desselben dies mit sauberem Schuhwerke betreten 
sollten. Sodann erregte sein allerhöchstes Miß 
fallen, daß seine Offiziere, wenn sie zu Hofbälleu 
besohlen wurden, bei schlechtem Wetter, um die 
seine Kleidung zu schonen, sich von ihren Burschen 
Huckepack ins Schloß tragen und unterm Thore 
absetzen ließen. Er befahl deshalb, da nur wenige 
Stadtwagen in der Residenz vorhanden waren, die 
Beschaffung einer Anzahl Sänften (körte-edui86n) 
und deren Benutzung durch die Offiziere bei Hof 
bälleu. Diese Sänften standen wie die übrigen 
unter Aufsicht der Polizei und wurden dann auch 
von andern, namentlich altersschwachen Leuten be 
nutzt. Später und im 19. Jahrhundert säst aus 
schließlich dienten sie als K r a n k e n - T r a n s p o r t - 
mittel zur Charito. 
Ausweislich der Adreßbücher von Kassel waren 
es in den 40er und 50er Jahren noch vier Porte- 
chaisen-Trüger, dann in den 60er Jahren blos 
zwei Namens Martin Dousset und Heinrich Scheffer, 
beide daneben noch Kohlenmesser, die letzten ihres 
Zeichens. Im Adreßbuch von 1865 kommt Scheffer 
vor als Gastwirt „zur Stadt Hanau", Frankfurter 
Straße 65, 1868 Dousset als Portier. 
Die inzwischen eingeführten Droschken und Dienst- 
männer brachten das schöne Institut der Porte- 
Chaiseu zu Falle. Sänften gibt es jetzt noch in 
Gebirgsgegenden und in heißen Ländern. 
T. A. 
<»••<«> . 
Aus Heiinat und Freinde. 
Hessischer Geschichtsverein. Am 24. März 
fand der letzte wissenschaftliche Unterhaltungs- 
abend des Kasseler Geschichtsvereins im lausen 
den Halbjahr statt. Herr General E i s e n t r a u t 
begrüßte die Anwesenden und erteilte Herrit Ober 
lehrer Di-. Henkel das Wort, welcher eine An 
zahl aus seine Familie bezügliche Papiere vorlegte. 
Herr Dr. Schwarzkops rief darauf in seiner- 
lebhaften Vortragsweise die kurhessischen Gardes- 
du-Corps in die Erinnerung zurück, wobei er be 
sonders betonte, daß der „erste Richter des Reichs" 
in Berlin den kurhessischen Armee-Traditionen 
wieder zu ihrem Rechte verholfen und damit einen 
Alp von denjenigen Gemütern genommen habe, 
die es bisher nicht für ratsam gehalten hätten, 
sich der hessischen Kriegsgeschichte zu erinnern. 
Schon vor zehn Jahren habe Oberstleutnant 
Freiherr von Werthern am 100. Jahres 
tage der Erstürmung Frankfurts das hiesige Husaren 
regiment auf dem Forst aus den ruhmvollen Anteil 
hingewiesen, den die hessischen Gardes-du-Corps an 
dieser Waffenthat gehabt hatten. Aber noch ein 
anderer preußischer Herr hat s. Z. den Gardes-du- 
Corps das höchste Lob gespendet und zwar General 
leutnant von Brauchitsch, der im September 1863 
mit dem badischen Generalmajor von F a b e r und 
einem höheren österreichischen und würtembergischen 
Offizier die kurhessischen Truppen inspizierte. 
„Kurhessen," sagte Generalleutnant von Brauchitsch 
zu den Gardes-du-Corps, nachdem dieselben auf dem 
Forst mehrere Attacken ausgeführt hatten, „mit 
großen Erwartungen sind wir hierher zu Euch 
gekommen, wußten wir doch, daß wir die Sohne 
jener Tapferen zu inspizieren hatten, die durch 
Jahrhunderte hindurch auf allen Schlachtfeldern, 
wo sie kämpften, sich durch Heldenmut und braves 
Verhalten unvergänglichen Ruhm und Sieges- 
lorbeereu errungen haben. Allein was wir erwartet, 
habt Ihr heute bei weitem übertroffen; Ihr seid 
noch immer die echten Sohne der alten Chatten, 
und stolz kann der sein, dem es vielleicht einmal 
vergönnt ist. Euch zum Kampf zu führen." Nach 
dem fesselnden Vortrag zeigte Herr Dr. Schwarzkopf 
Bilder der hessischen Garde-du-Corps aus allen 
Zeiten vor, wobei besonders eins derselben, Offiziere 
und Mannschaften der zweiten Schwadron, unter 
ihnen Prinz Philipp von Hanau und Premier- 
leutnant von Loßberg, ganz außerordentlich gefiel, 
sotvie ein Bild des Prinzen Moritz von Hanau und 
eine Photographie des letzten Kurfürsten in Gardes- 
du-Corps-Uniform, Porträts, deren Vervielfäl 
tigung lebhaft gewünscht wurde. Aus der darauf 
folgenden Diskussion sei noch hervorgehoben, daß von 
einem der Vereinsmitglieder des Premierleutnants von 
Schenk zu Schweinsberg gedacht wurde, der 1866 
mit 10 Gardes-du-Corps und einigen nassauischen 
Jnsanteristen in der Nähe von Sabern eine preußische 
Feldwache, bestehend aus einem Unteroffizier und 
sechszehu Mann, zu Gefangenen machte.*) Herr 
Oberbibliothekar Dr. Brunner besprach sodann 
den Giftmord des Hoslakaien Bechstädt am 31. Ja 
*) Vergl. „Hessenland" Jahrg. 1897, S. 271: „Er 
innerungen aus den letzten Tagen eines deutschen Fürsten 
tums." Von einem ehemaligen kurhessischen Offizier.
	        

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