Full text: Hessenland (16.1902)

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ersten Male wieder unter großen Ovationen ge 
sungen hatte, gab er einige Wochen später dem 
Chorpersonal seiner glücklichen Wiederherstellung 
wegen in dem Restaurant „Bellevue" in Wehlheiden 
(das Gebäude, in welchem sich dasselbe befand, ge 
hört jetzt zum Diakonissenhaus) ein „Füßchen". 
Da es in eine Zeit fiel, wo nicht getanzt werden 
durfte, hatte er alles Mögliche gethan, um dazu 
die Erlaubnis zu erhalten, und in letzter Stunde 
traf denn auch die frohe Kunde ein: „Wehlheiden 
darf tanzen!" Ob Bulß bei dieser Gelegenheit 
in den Saal geritten ist, wie erzählt wird, kann 
nicht mit Sicherheit festgestellt werden, jedenfalls 
aber ist er an diesem Abend unter den Fröhlichen 
einer der Fröhlichsten gewesen, denn: „Holde Göttin 
Freude gab ihm immer das Geleite!" 
Aus alter urtò neuer §eit* 
Ein verschwundenes Beförderungsmittel. 
Die Benutzung von Sänften oder Tragbahren 
zur Weiterbeförderung von Menschen war schon 
dem grauen Altertum bekannt, aber eine besondere 
Art derselben bildete sich im Zeitalter der fran 
zösischen Könige Ludwig XIV. und XV. aus: die 
Porte-chaise oder in richtigem Französisch 
Chaise ä porteurs, eine kurze Sänfte, aus 
sehend wie eine Doktorkutsche, bestehend in einem 
mannshohen sechsseitigen Kasten mit Sitzflüche an 
der Hinterseite im Innern, vorn Thür mit Fenstern 
und Vorhängen und desgleichen zur Rechten und 
Linken Fenster und Vorhänge, und endlich außen 
aus beiden Seiten mit eisernen Ringen, durch welche 
Stangen gesteckt wurden, sodaß zwei Männer die 
Sänfte tragen konnten. 
Im Hessenlande werden die Porte-Chaisen zuerst 
erwähnt unter der Regierung des Landgrafen und 
Schwedenkönigs Friedrich I. (1730 — 1751), und 
waren dieselben nicht nur in Übung bei hohen 
Herrschaften, sondern auch beim größeren Publikum, 
sodaß sich manche Leute als Lohndiener daraus 
einen Erwerb machten. Um auf diesem Gebiete 
Ordnung zu schaffen, erging ein „Reglement, wo 
nach sich diejenige Porteurs, so bey keinem Herrn 
in Diensten stehen und nicht in Pivree seyn, sondern 
um Lohn tragen, in hiesiger Resickent^-Stadt und 
Vestung Caßel zu halten haben" vom 11. August 
1731 (Sammlung Fürstl. Hess. Landes-Ordnungen, 
T. IV. S. 5 6 slg.) Dies wurde aufgehoben durch 
Ordonnance ... vom 10. August 1750 (L.-O. T. IV, 
S. 1065 flg.) unter derselben Regierung und endlich 
unter Landgraf Friedrich II. (1760 — 1785) durch 
Reglement von 18. Februar 1778 (L.-O. T. VI, 
S. 910 flg.). Aus dem Letzteren ist folgendes 
hervorzuheben (in geringer Abweichung von den 
früheren Bestimmungen): 
Die zum Porte-Chaisen tragen sich zu widmen 
Lust haben, müssen bei Fürstl Policey-Commission 
sich angeben, in das Porteur-93ud) einschreiben 
lassen (§ 2), eine Nummer aus Blech aus der Brust 
und aus der Porte-Chaise mit Farbe führen (8 3); 
sie müssen sich eines ehrbaren Lebens befleißigen, 
aller Schwelgerei, besonders aber des Brandteweins- 
sauffens, wie auch Zankens und Fluchens, Zotten 
reißens und ungebührlicher Reden enthalten, und 
denen die sie bedienen, mit Höflichkeit begegnen (8 4). 
Die bei Herrschaften dienenden Porteurs stehen 
unter demselben Gerichte wie ihre Herrn (8 5) 
und dürfen nicht andere für Geld tragen (8 6). 
Alle Porteurs müssen in der Stadt dauernd wohnen 
(8 7). Ungehörigkeit und Verbrechen werden ge 
ahndet zunächst durch Geldstrafen, dann schärfer, 
und da kommen als Strafmittel vor: Rettung aus 
dem hölzernen Pferde, Anhängung steinerner Kugeln, 
endlich dem Befinden nach schimpfliche Verweisung 
(88 8, 11, 16). 
An der Spitze der um Lohn dienenden Porteurs 
in der Stadt stand ein Porteur-Meister, 
welcher daraus zu sehen, daß die Porteurs sich 
alles Vollsausens enthielten, und die nöthigen 
Anzeigen zu machen hatte (8 15). 
Übrigens konnte bei aller Strenge das Verhältnis 
gegen 14tägige Kündigung gelöst werden (8 9). 
Das Tragen kostete für beide Träger berechnet 
einen ganzen Tag 1 Gulden, für einen einzelnen 
Gang 2 .Ggr., bei weiteren Entfernungen 4 Ggr., 
beim Rücktragen war 1 Stunde Wartezeit frei (8 12). 
Die Porte-Chaisen wurden, einmal eingeführt, 
viel benutzt, jedoch vorzugsweise von den wohl 
habenden Einwohnern. So erklärt sich wenigstens 
die Bestimmung in einer Luxus-Verordnung vom 
26. Dezember 1731 (L.-O. T. IV, S. 89 fg.), daß 
derjenige, „der es nicht außerdem alltäglich gewohnt 
ist", bei Kindtausen, sie geschehen in der Kirche 
oder Privathäusern, sich der Kutschen oder Porte- 
Chaisen bei fünf Reichsthaler Strafe nicht bedienen 
sollte. 
Eine besondere Rolle haben die Porte-Chaisen 
unter Landgraf Friedrich II. gespielt durch ihre 
Beuutzung von Militärpersonen, und auf Grund 
glaubwürdiger Mitteilungen alter Kasselaner, welche 
sich wieder aus Erzählungen älterer Leute stützen, 
hat sich die Sache folgendermaßen zugetragen:
	        

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