Full text: Hessenland (16.1902)

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sidierten und ihres Amtes mit größter Loyalität 
und Kollegialität walteten. Dieser Frühschoppen 
wurde das „Bierean" genannt, dessen wohl niemals 
aufgeschriebene Satzungen es zuließen, daß auch 
Nichtkünstler Mitglieder werden konnten. Bei der 
feierlichen Ausnahme in das „Bierean" machte es 
Bulß nun stets ein besonderes Vergnügen, den 
Ritterschlag zu erteilen. Obwohl die Vereinigung 
ein Frühschoppen war, fand die Reception jedoch 
am späten Abend statt, wobei ein frisch vom Metzger 
entnommener Kalbskops eine Hauptrolle spielte. 
Der künftige Nevphyt wurde unten im Lokal von 
einigen Mitgliedern in Empfang genommen und 
mit verbundenen Augen erst im ganzen Hanse 
Trepp' auf. Trepp' ab geführt, bis man mit ihm 
in die stets bereitwillig zur Verfügung gestellte 
gute Stube des Balser Wnlp trat. Dort lag auf 
dem Tisch in einer flachen Schüssel der ominöse 
blutige Kalbskopf, matt beleuchtet vom Scheine 
zweier düster brennenden Kerzen, und im Halbkreis 
standen die Bundesbrüder in ziemlich abenteuerlichen 
Bekleidungen, denn über ihre Röcke hatten sie die 
sämtlichen Überzüge der im Zimmer befindlichen 
Möbel gebunden oder sonstige zweckdienliche Hüllen, 
deren sie habhaft werden konnten, umgenommen. 
Die Großmeister aber — „in zwei weißen Hemden 
man beide stehen sah", wie weiland Siegfried und 
Günther, als sie zum Brunnen um die Wette 
laufen wollten. Nun wurde an den noch immer 
mit verbundenen Augen dastehenden Novizen von 
dem Präsidenten Bulß eine sehr ernste Ansprache 
gehalten und ihm bedeutet, seine Hand zum Schwur 
und ohne zu zittern aus das hohe Symbol des 
Bundes zu legen. Sowie der Unglückliche aber 
mit seiner ausgestreckt herumtastenden Hand den 
kalten, glitschigen Kalbskops berührte, schrak er 
unwillkürlich zurück, und dann kam das gänzlich 
Unerwartete der feierlichen Aufnahme, denn die 
tiefe, rings herrschende Stille durch ein gelindes 
Jndianergeheul unterbrechend, stürzten alle über 
den Prüfling her und — wichsten ihn gehörig durch, 
und der Ausdruck der Überraschung, der sich bei 
dieser Prozedur jedesmal in den Zügen des 
Ahnungslosen malte, bildete den Höhepunkt des 
stdelen Abends. 
Ein hochangesehenes Mitglied war Bulß auch in 
dem von seinem Vorgänger Di-. Franz Krückl und 
Ernst Gettke, dem jetzigen Direktor des Raimund- 
Theaters in Wien, 1870 gegründeten „Kasseler 
Künstler-Club". Als erste Novität, nachdem Bulß 
sich im Engagement am Königlichen Theater befand, 
war aus demselben Verdis „Rigoletto" mit Bulß 
in der Titelpartie im September 1871 in Scene 
gegangen. Obwohl die Oper auch in den andern 
Partieen („Gilda" Therese Tremel, „Maddalena" 
Marie Braciszewska, „Herzog" Zottmayr, „Monte- 
rone" Lindemann, „Sparasucile" Schulze» glänzend 
besetzt »var, erfuhr sie doch in der Kasseler „Tages 
post" durch den Musikreferenten Herrn T. eine 
ungünstige Beurteilung, da derselbe sich mit dem 
Inhalt nicht befreunden konnte und dabei u. A. 
von dem „Herzog und seiner Schwefelbande" sprach. 
Dies veranlaßte den Kasseler „Künstler-Club" im 
Schaubschen Saale in der Wvlssschlucht eine bizarre 
Puppenkomödie „Rigoletto oder der Herzog lind 
seine Sch»vefelbande" zur Aufführung zu bringen, 
für welche Bildhauer Brandt die Figuren in porträt- 
ähnlicher Treue cachiert hatte, und besonders die 
Gestalt Kasperle-Rigolettos die größte Heiterkeit 
hervorrief, da Brandt ein köstliches Abbild von 
Bulß zu Stande gebracht hatte. Gegen das er 
wähnte Puppenspiel sind aber alle Überbrettls von 
heute nur Kinderkomödien . . . 
Nach einer der ersten Aufführungen des „Rigoletto" 
im Hostheater hatte Bulß einige Freunde zu sich 
geladen (er wohnte damals am Friedrichsplatz in 
einer der oberen Etagen des Schüferschen Hauses), 
und unter fröhlicher Unterhaltung war es spät 
und immer später ge»vorden. Bulß war von der 
Ausführung her im Kostüme geblieben, über das 
er beim Nachhausegehen einen Mantel geworfen 
hatte, und saß zuletzt nur noch mit einem seiner 
Kollegen zusammen, den er schon von früher her 
kannte. Endlich ging auch dieser, und Bulß ge 
leitete ihn mit der Lampe die Treppen hinunter 
bis vor die Hausthür und im Gespräche begriffen 
auch noch weiter an den Häusern her bis an das 
Theater, wo Beide sich, da die Rückerinnerungen 
so angenehmer Natur waren, auf den Treppenstufen 
niederließen und weiter plauderten. So saßen die 
Beiden da, neben sich die flimmernde Lampe, bis 
allmählich der Tag zu dämmern begann und schon 
vereinzelte Leute vorübergingen — die sahen dann 
allerdings den seltsam gekleideten Mann. der im 
Morgengrauen vor dem Theater saß, mit großen 
Augen an, — das würde ihn nun wenig gekümmert 
haben, aber die kühle Lust ließ es ihm doch rat 
sam erscheinen, sich zu Bett zu begeben, und 
Rigoletto mit seiner Lampe verschwand mit Sonnen 
aufgang vom Friedrichsplatz. . . . 
Bulß, der Künstler, Bulß, der Sportsinan, 
Bulß, der liebenswürdige Gesellschafter, war aber 
auch insofern ein sehr guter Kollege, als er stets 
gern zu geben bereit war, z. B. wenn es sich um 
Veranstaltung von Chorkrünzchen handelte. Gegen 
Ende 1872 hatte er das Malheur, sich den Fuß 
zu verstauchen, wodurch er Monate lang am Auf 
treten gehindert war. Nachdem er am 26. Februar 
1873 in den „beiden Schützen" von Lortzing zum
	        

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