Full text: Hessenland (16.1902)

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Übrige, um meine Laune ganz zu verderben. Immer 
mußte ich mir wiederholen: Sie haben zu wenig 
vom Leben kennen gelernt, zu wenig Ahnung von 
der Not des Daseins, und es schien mir nun klar, 
warum ich mich nicht zum Höchsten emporschwingen 
konnte. Eine verbitterte Stimmung ergriff mich, 
während ruhige Überlegung mir doch hätte sagen 
müssen, daß jene Worte doch nur teilweise gelten 
konnten und leicht zu widerlegen seien. Was war 
natürlicher als daß mein seelisches Leiden seine 
Schatten aus das sonst so heitere Gemüt meiner 
Frau warf. Ich fand sie in dieser Zeit oft in 
Gedanken versunken, unthätig vor ihrer Staffelei 
sitzen, ihre Arbeit machte keine Fortschritte, was ich 
aber in meiner grübelnden Stimmung, nur mit 
mir selbst beschäftigt, nicht bemerkte. Vergebens 
suchte sie mich aufzumuntern, sprach von meiner 
Arbeit und bat mich davon zu sprechen. In einer 
unseligen Stunde ließ ich mich von meinem Un 
mute hinreiße«, ihr jenes Gespräch mit dem deutschen 
Dichter mitzuteilen, und gab zu verstehen, daß häusliche 
und eheliche Bande dem idealen Schaffen nicht 
günstig seien. Verblendeter, wahnsinniger Thor, der 
ich war, das köstlichste Gut, welches ich besaß, die 
Poesie meines Lebens mit Füßen zu treten, das 
Wesen für meinen Mangel an Erfolg verantwortlich 
zu machen, welches nie aufgehört hatte an das 
endliche Gelingen meiner Arbeit zu glauben. — Meine 
Geschichte ist nun bald zu Ende, es wird auch 
kühl", sagte er sich fröstelnd in seinen Mantel 
hüllend, „es ist nicht gut hier länger zu verweilen. 
Was kommen mußte, kam. Der giftige Pfeil, den 
ich in das treueste, liebevollste Herz gesenkt hatte, 
that seine Wirkung. Ich kann nicht sagen, daß ich 
im Benehmen meiner Frau seit dieser Zeit eine 
wesentliche Veränderung wahrgenommen hätte, wie 
sehr ich mir auch später die kleinsten Vorkommnisse 
dieser Tage ins Gedächtnis ries. 
An einem herrlichen Frühlingstag war ich schon 
früh zu einem Spaziergang in die liebliche Um 
gegend der Arnostadt hinausgegangen. Meine Frau 
war, wie gewöhnlich, zu Haus geblieben, weil sie 
meinte, ich könnte dann ungestörter an meine Arbeit 
denken, ja, sie wünschte, ich möchte meine Wanderung 
recht weit ausdehnen, wenn es auch spät mit der 
Kasseler 
Von W. S 
ii. Etwas von Paul Pirltz. 
Zu Anfang der 70er Jahre, als Bulß in das 
Engagement der Kasseler Hofbühne trat, verkehrten 
die Mitglieder derselben vorzugsweise in der Wein- 
Heimkehr würde, sie selbst wollte den Tag benutzen, 
um ihr Bild ,Elfenreigen im Mondschein' zu fördern. 
Ich war mit historischen Studien in der Bibliothek 
beschäftigt und hatte mich an jenem Tag so in 
meine Arbeit vertieft, daß mich erst das Läuten 
der Avemaria - Glocken an die Heimkehr mahnte. 
Seit langer Zeit fühlte ich etwas wie Befriedigung 
mit meinem Thun, ich hatte gearbeitet, mein Eifer- 
wuchs, und mein Freude an der Arbeit, eine Frühlings 
stimmung beherrschte mich. Gewöhnlich erwartete 
mich meine Frau in dem Weinlaubgang unserer 
Villa, in dem ich ihr helles Kleid schon von weitem 
erkennen konnte. Statt dessen sah ich fremde Gestalten 
sich um das Haus bewegen; eine seltsame Unruhe 
ergriff mich, ich beschleunigte meine Schritte, und 
da am Eingänge des Hauses stürzte mir unsere 
alte Dienerin schreckensbleich entgegen, ,O! die 
Signora, die Signora' war alles, was sie hervor 
bringen konnte. Meiner Sinne kaum mächtig, stürzte 
ich in das Zimmer. Da lag meine Frau, starr 
und bleich, wie man sie vor wenigen Minuten aus 
dem Wasser getragen hatte; die schleunig angestellten 
Versuche, sie ins Leben zurückzurufen, waren ver 
geblich gewesen. 
Man sagte mir, daß der Kahn an einer als 
gefährlich bekannten Stelle umgeschlagen sein müßte. 
Es war niemand in der Nähe gewesen, und Hülfe 
rufe hatte man nicht gehört. 
Zwölf Jahre sind seit jenem Tag verflossen, an 
dem ich alles verlor, — verlor! — durch meine Schuld!" 
Er reichte mir die Hand, die ich in tiefer Be 
wegung drückte. Sprechen konnte ich nicht. Dann 
erhob er sich und bat, ihn allein gehen zu lassen. 
Als ich ihn aus den Augen verloren, verließ auch 
ich meinen Platz uub stieg hinunter. Ich konnte 
es nicht über mich gewinnen, in der nächsten Zeit 
meinen gewohnten Platz im Cafe belle arti ein 
zunehmen, und als ich einige Wochen später wieder 
hinkam, erfuhr ich, daß der Schwede nach dem 
Orient abgereist sei. 
Die vorstehende Erzählung bezieht sich auf das tragische 
Ende von Charlotte Stieglitz, geb. Will Höft. Um 
die Einkleidung einer Novelle zu gebrauchen, hat der Herr 
Verfasser Wahrheit mit Dichtung zuweilen vermischt. 
Anmerkung der Redaktion. 
Skizzen. 
; ennecke. 
wirtschaft Feodor Schröders in der oberen Karls 
straße und sodann bei Balthasar Wulp am Friedrich- 
Wilhelmsplatz. Dort bildete sich ein stark besuchter 
Frühschoppen, bei welchem Bulß und Ewald Prä-
	        

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