Full text: Hessenland (15.1901)

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benachbarten Mittelbuchen. In Wachenbnchen ist 
der Name Geibel erloschen, die letzten Stammes 
angehörigen sind nach Llmerikn ausgewandert. In 
Kesselstadt bei Hanau ist er noch stark vertreten, und 
die Träger desselben behaupten aus Wachenbuchen zu 
stammen. Im Uebrigen verweisen wir aus den 
Aufsatz „Emanuel Geibells Vorfahren" von H. Heu- 
sohn („Hessenland", Jahrgang 1897, S. 322/23). 
KessisiHe Mücherrfchcru. 
Bayern und Hessen 1799 — 1 8 1 6. Von 
Dr. Arthur Kleinschmidt. Berlin (Verlag 
von Johannes Rüde) 1900. 344 S. 8°. 
Mark 6.— 
Professor Arthur Kleinschmidt, der „Charakter 
bilder aus der französischen Revolution", „drei 
Jahrhunderte russischer Geschichte" und mancherlei 
andere Schriften verfaßt hat, ist im Hessenlande 
am bekanntesten geworden durch seine „Geschichte 
des Königreichs Westfalen" (1893). Sein neues 
Werk bezeichnet er selbst als eine Ergänzung jenes 
vor acht Jahren erschienenen Buches. Diesmal 
hat er Quellen benutzt, die mit Recht sehr hoch 
geschätzt werden: Gesandtschaftsberichte, 
die die bayrischen Gesandten aus Darmstadt und 
Kassel an ihre Regierung geschickt haben. Es ge 
währt einen eigenen Reiz, die Ereignisse bon wohl 
unterrichteten und urtheilsfähigen Zeitgenossen ge 
schildert zu sehen. Wohl aus diesem Grunde 
nicht um dem Forscher zu dienen — giebt Klein 
schmidt die Berichte nach Möglichkeit wörtlich wieder. 
Vielleicht konnte er die langathmigen, hier und da 
auch phrasenhaften Ergüsse Snlzer's, des bayrischen 
Gesandten in Darmstadt, etwas beschränken und 
uns dafür seinen eigenen gewandten Stil genießen 
lassen. — 
Kleinschmidt führt den Leser zunächst in die 
Verhandlungen zwischen beiden Hessen imb Bayern 
ein. In den Kriegen der französischen Republik 
mit Oesterreich suchten nämlich die kleinen deutschen 
Staaten ängstlich ihre Neutralität und Selbständig 
keit zu wahren. „Die deutschen Fürsten wurden 
zu Reichsverräthern und schlugen die Straße zum 
Rheinbünde ein", ist das Urtheil, das (S. 3) über 
solch ein Verfahren gefällt wird. Man sieht an 
diesem Beispiele, daß Kleinschmidt seine Ansicht 
mit Schärfe ausspricht. Um so erfreulicher ist es, 
daß Landgraf Wilhelm IX., der erste hessische 
Kurfürst, (von S. 342 abgesehen) nicht fort 
während eine so harte Beurtheilung und Benennung 
erfährt, wie in der Geschichte des Königreichs 
Westfalen. Unbestreitbar war Wilhelm weder 
mildthätig noch barmherzig. Er erließ Abge 
brannten und andern Unglücklichen, wie dem 
Schreiber dieser Zeilen an§ zahlreichen Aktenstücken 
bekannt ist, entweder garnichts oder nur einen 
winzigen Brnchtheil der Abgaben. „Höchsten Orts 
ist dem Suchen nicht gesüget" lautet der Bescheid 
auf die meisten Bittschriften. Dagegen ermnthigte 
Wilhelm, wie Kleinschmidt mit Recht hervorhebt, 
den Unternehmungsgeist seiner Unterthanen, gab 
für neue Anlagen Darlehn zu billigen Zinsen und 
ließ bei der Rückzahlung Nachsicht walten. Also 
darf man von seinem Geize nicht immer und nicht 
unbedingt reden. 
Wie viel ungünstiger nimmt sich dagegen der 
freigebige Hieronymus Napoleon aus, der König 
von Westfalen, unter dessen Herrschaft Handel und 
Wandel in Todesschlas verfielen! Der Verfasser 
stellt beide Fürsten neben einander und verschärft 
dadurch ihre Charakteristik ungemein. 
Vom Dörnbergischen Ausstande erzählen die 
bayrischen Gesandten ausführlich. Ihre Darstellung 
bildet eine werthvolle Ergänzung zu. Dörnbergs 
eigenem Berichte, den Dr. C. Scherer kürzlich 
veröffentlicht hat. Graf Lerchenfeld eignet sich in 
seinem Schreiben an die bayrische Regierung die 
Ausrede der abgefallenen westfälischen Soldaten an, 
die nur der Gewalt gewichen sein wollen; Leute 
wie Dörnberg, Wedel und Katte betrachtet er nicht 
als Freiheitskämpfer, sondern als Verräther und 
Briganten; Schillls Anhänger in Halle schilt er 
„Pöbel, der ebenso zügellos wie unsinnig war". 
Noch beim Beginn der Freiheitskriege glauben die 
Anhänger des Rheinbundes und der Franzosen bei 
den deutschen Vaterlandssreunden nur den „Geist 
des Schwindels und der Revolte" zu bemerken. 
Trotzdem ist man nicht blind gegen die Hinfällig 
keit des Königreichs Westfalen. Schon im Früh 
jahre 1811 wird der Zusammensturz des morschen 
Baues vorhergesagt. Aber an eineil Fall Napoleon's 
zu glauben, kommt keinem in den Sinn. Da 
vertreiben (am 28. September 1813) ein paar 
tausend Kosaken den König Jerome ans -Kassel. 
Nun plötzlich betrachtet der dortige bayrische Ge 
sandte seine Mission als beendet und wartet sehn 
süchtig auf Bayerns Uebertritt zur „guten Sache". 
Es gehört zu den fesselndsten Seiten in Klein- 
schmidCs Buche, wenn geschildert wird, wie die 
Macht der Ereignisse Menschen und Staaten 
hinüberdrängt in's Lager der Verbündeten. Die 
Diplomaten erkennen aus einmal die Schäden des
	        

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