Full text: Hessenland (15.1901)

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gemäß! — Im Grund war ihm der Wechsel lieb; seine 
Gemahlin hatte es verstanden, ihm die Verhältnisse zn 
verleiden und die Versetzung selbst war Vortheilhaft 
Nun länger schon steht Johannes in Königsberg 
und die Eltern wohnen in . ... Die Entfernung 
ist etwas groß für alte Leute; aber die geborene 
Gräfin ladet sie auch, aus Rücksicht aus die weite 
Reise, gar nicht ein. Wenn der jetzige Regierungs 
rath Reinbauer seinen Urlaub nimmt, dann muß er 
feilte Frau und Kinder in's Bad begleiten: was 
die geborene Gräfin viel nöthiger findet, als einen 
Besuch in seiner Heimathstadt. So haben die alten 
Neinbauers auch die Enkel nur einmal gesehen auf 
einer Durchreise, die unvermeidlich war. 
Sie selbst sind längst aus dem großen Haus 
in eine kleine Etage eines weniger eleganten Viertels 
gezogen und behelfen sich immer mehr. Die Miethen 
sind heruntergegangen — und wunderbar, je höher 
der Sohn steigt, je größer doch seine Einnahme 
werden muß — um so mehr doch braucht er ihr Geld! 
Sie wissen es nicht anders; sie geben's auch gern. 
Sie haben von dem Sohn und den Enkeln nichts 
aber er hat es zu einem vornehmen Mann, zu 
Ehren und Ansehen gebracht; er muß glücklich sein, 
so denken sie. Und daran wollen sie sich halten, 
nickt eines dem anderen tröstend zu, und trauert 
dabei im Stillen für sich. — 
Der Regieruugsrath hat wenig Zeit für privates 
Denken. Wenn er einmal dazu kommt — — 
Airs ctl'fer irr 
Einige hessische Gedenktage 
aus der Zweiten Hülste des Monats Mürz. 
Am 10. März 1405 brannte das Städtchen 
Rosenthal gänzlich ab. 
Am 17. März 1360 Gründung des Kollegial 
stifts zu Amöneburg durch Gerlach Adolf, Erzbischof 
und Kurfürst von Mainz. Das Stift bestand bis 
1803, wo es durch den Reichdeputationshauptschluß 
säkularisirt und Amöneburg selbst an Kurhesseu 
abgegeben winde. 
Am 17. März 1627 legte Landgraf Moritz die 
Regierung feierlich nieder. 
Am 18. März 1584 Vertrag zu Karlstadt 
zivischeu den Landgrafen von Hessen uub dem deut 
schen Orden, durch welchen die Rechte des deutschen 
Ordens in der Ballei Hessen festgestellt winden. 
Am 18. Mürz 1760 Eroberung von Fulda uub 
Zurückschlagung der dort aufgestellten Reichstruppen 
und Franzosen durch den braunschweigischen General 
von Luckner und den hessischen Generalmajor von 
Gilsa. 
Mit seiner Stellung kann er zufrieden sein. — 
Seine Frau? — Sie ist recht alt gewordeu, lebt 
nur für die Geselligkeit, aber für das Opfer, welches 
ihm die geborene Gräfin gebracht, darf er in nichts 
widersprechen. Die Kinder — einstweilen gehen 
sie noch zur Schule, besuchen Kinder-Bälle und 
Maskeraden, stehen Bilder, spielen Theater, Geige 
und Klavier, wo immer sich ein wohlthätiger Zweck 
dafür findet. Auch sie denken stets zuerst an sich 
und halten sich „feste daran", nur daß man das 
hier hübscher ausdrückt, indem man sie höchst begabte 
Kinder nennt, die alles mit Chic anzufassen ver 
stehen. Im Ganzen fühlen sie sich mehr zu Mama 
hingezogen, die ja auch eine geborene Gräfin ist. 
Natürlich erweisen sie Papa den schicklichen Respekt. 
Ob der aber nicht auch einmal für sie nur die Be 
deutung eines Portemonnaies haben wird, das ihre 
standesgemäßen Ansprüche erfüllen soll? — Dann 
wehe ihm, wenn der Inhalt nicht stimmt. 
Wenn der Negierungsrath so weit gekommen ist 
mit seinen Gedanken, dann gehen diese auch 
weiter — — er denkt an seine Eltern und 
er meint, daß er und sie, wir alle thörichte Babies 
sind, die nach einem Schein jagen — ob denn nicht 
endlich einer kommen möchte, ein Blaun, der mit 
Mannesmuth den Schein zerreißt, die Eitelkeit und 
den Egoismus, die uns gefangen halten, überwindet, 
und den Weg nach Dem wieder weist, was in 
Wahrheit Glück ist. 
•<4» 
tö atcvter Dort. 
Am 18. März 1797 starb zu Marburg der 
hessische Dichter und Professor Joseph Friedrich 
Engelschall, ältester Vertreter des damaligen Mar- 
burger Musenkranzes, aus dessen Mitte 1783 ltitb 
84 der hessische Musenalmanach hervorging. Engel- 
schall war ein Nachahmer Gleim's und der Anakreon 
tiker und stand im Briefwechsel mit Gleim, Kästner, 
Weiße, Göcking, Matthisou u. a.. welch' letzterer 
ihn sogar am Mai 1781 in Marburg besuchte.*) 
Am 19. März 1790 wurde in Fulda derRoman- 
schriststeller Heinrich König geboren. (Vgl. Selbst 
biographie und Bild in Westermann's Mvnats- 
hesten v. 1862, Bd. XII, S. 596-000).- 
Am 19. März 1822 starb der hessische Dichter 
und Schriftsteller Johann Ludwig Ewald (geb. 1747 
in Dreieichenhain), der Freund Jung-Stilling's und 
Herausgeber seiner „Erzählungen". 
Am 19. März 1850 starb zu Münster der 
k.' hannoversche Generallieutenant Freiherr von 
*) Vgl. „Briefe" von Friedrich Matthison (Zürich, 
1795—96) 1. S. 44 ff. und „Erinnerungen" (Zürich, 
1810—16) S. 237 ff.
	        

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