Full text: Hessenland (15.1901)

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seiner erklärte. Er war ein hübscher Mensch, an 
stellig für die Waffe, verfügte über eine immer gute 
Laune, tadellose Nägel, ebensolchen Scheitel, gute 
Manieren und das wünschenswerthe Kleingeld; kurz, 
er gewann sich die Achtung und Sympathie seiner 
Kameraden und wurde als Reserveoffizier in den 
Ulanen „acceptirt". 
Die alten Reinbauers standen Kops, als Baby in 
Uniform nach Hause kam. Die Sache hatte aber 
doch höllisch viel Geld gekostet, viel mehr noch als 
das Leben bei dem Corps, meinte der Vater; der 
Sohn aber erklärte es nur für standesgemäß. Nun, 
sie kounten's, nahmen gute Lehre an, und zahlten 
gern. 
In unterschieden sich die Referendare 
der Regierung durch mancherlei von ihren Kollegen 
im Recht. Sie trugen z. B. eine Blume im 
Knopfloch, speisten in den theuersten Hotels, ver 
kehrten nur in der allerersten Gesellschaft und waren 
zumeist von Adel. Gras Kasimir meldete sich 
natürlich bei der Regierung, und durch seinen Ein- 
flnß kam auch der junge Reinbaner hier an, trotz 
dem alles besetzt sein sollte. Darob war wieder 
große Freude bei den Alten, ihr Johannes konnte 
noch einmal Minister werden, meinten sie. 
Und nun nahm Baby den einem rechtschaffenen 
Beamten zukommenden Theil an des Staates Lasten 
ans seine Schultern und lebte dafür als ein vor 
nehmer Mann. 
Die Eltern hatten im Grunde recht wenig davon. 
Am Morgen war der Herr Referendar auf der 
Regierung beschäftigt. — „Feste dranhalten", hatte 
ihm der Bater empfohlen, was Baby von Ansang 
auch als „mitthun" übersetzte. So hielt er sich also 
„dran", d. h. er speiste zu Mittag, im Ansang 
oft, schließlich immer mit den Kollegen. Was ihm 
einen „famoser Kerl" unter ihnen eintrug. Am 
Nachmittag hatte er abermals zu arbeiten, d. h. er 
machte Besuche, ging spazieren, dämmerte „im 
Wiener Cafo" und abends, na -- die Abende waren 
immer besetzt. Es that ihm wirklich leid, ent 
schuldigte sich Baby liebenswürdig, daß er so wenig 
bei den Eltern sein könnte, doch es ließ sich eben 
nicht ändern, er lebte nur standesgemäß! 
Welch ein Zauber lag in dem Wort. — 
Tie Alten nickten glücklich, daß cs ihr Junge so 
weit gebracht hatte! — 
Graf Kasimir hatte eine Schwester. Sie zählte 
sechs Jahr mehr als sein Freund. Aber sie hatte 
kein Vermögen und keine Chancen länger. 
Komteß Ada machte daher dem Freunde, der, 
dank seinem Nermögen, eine Parthic war, die schönsten 
Avancen, und Baby, von der Liebenswürdigkeit der 
vornehmen Dame berauscht, schwor, daß er sie liebe 
und heirathen müsse. Die Eltern waren über die 
Gräfin aus dem Häuschen! Blieb nur der reelle 
oder reale Untergrund dieser Ehe festzustellen. 
Baby meinte, na, so mindestens 15 000 Mark 
jährlich sollten es wohl sein. Zum ersten Mal 
bekam der alte Neinbauer einen Schrecken über die 
vornehmen Allüren seines Sohnes und erklärte in 
seinem unverfälschtesten Dialekt: „Ich glaube gar. 
Junge, Du bist nicht ganz munter —". Baby, 
in gehobener Stimmung, überhörte diese Injurie und 
erklärte seine Forderung jetzt nur für „standes 
gemäß". — 
Wenn der alte Reinbauer vielleicht immer noch 
nicht die ganze Bedeutung dieses zaubervollen Wortes 
begriffen hatte, eines war ihm doch verständlich 
geworden, nämlich, daß es stets in irgend einer 
Berbindung zu seinem Portemonnaie stand. 
Er erklärte demnach die Sache für unmöglich! — 
Da kam er aber schön an! Baby machte dies 
mal all den Ermahnungen seiner Jugend Ehre, 
dachte nur an sich; hielt sich „feste dran" und 
bewies Papa, ad 1, daß es doch nur Pflicht der 
Eltern wäre,'ihre Kinder den Ansprüchen gemäß 
zu erhalten, in welchen sie dieselben einmal erzogen 
Hütten; ad 2, daß es schon fatal genug sei, nur 
Neinbauer zu heißen, und ihm die Komteß mit ihrer 
Hand ein großes Opfer bringe, für welches er ihr 
doch jedmögliches Aequivalent, ein nur einigermaßen 
standesgemäßes Leben schuldig bleibe — und zum 
Schlüsse, daß er ohne Ada ewig unglücklich werden 
müsse! 
Und wahrhaftig, der Bater saß da, als habe er 
eine der sieben Todsünden begehen wollen — die 
Mutter aber war tief gerührt. „Alterchen, Du 
wirst ihn doch nicht unglücklich machen wollen" — 
weinte sie. „Denk mal 'ne Gräfin; unser Sohn 
'ne Gräfin! — Und daun, denk mal, wenn Baby 
heirnthet, dann haben wir zwei Kinder im Hans, 
und Enkelchen — Enkelchen bald auch." 
Dem konnte Philipp Reinbaner nicht widerstehen. 
Er dachte nicht länger, daß die verdammte Banwuth 
die Miethen herunter drücken würde, sondern einzig 
noch, daß, wenn ein Opfer gebracht werden müßte, 
das an ihm und seiner Alten sei. 
Sv traten Baby und Komteß Ada zum Altar. 
Die junge Frau hoffte herablassend mit den 
15 000 Mark auszukommen; fand die Einrichtung 
und Haushaltung der Schwiegereltern ganz passable, 
deren Manieren jedoch unangenehm, diese Familie 
am Ort fatal. — Es wurde fataler noch, als die 
Eltern ernstlich daran gingen, sich dem jungen Paar 
zuliebe einzuschränken. 
Wieder wußte Gras Kasimir mit dem Familien- 
einflnß Rath. Johannes Neinbauer wurde versetzt. 
„Ein Staatsdiener muß sich fügen", erklärte er den 
jammernden Eltern. Es war eben auch nur standes
	        

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