Full text: Hessenland (15.1901)

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auch sonntäglich eine gemeinschaftliche Betstunde 
gehalten, auch, wenn man in einer glaubens 
verwandten Gegend war, die Kirche besucht. 
Vermuthlich hat man damals, entsprechend 
unserm Gebrauche im vorigen Jahre, den Jahr 
hundertwechsel mit dem Jahre 1700 beginnen 
lassen, denn mit diesem Jahre trat der Gregoria 
nische Kalender in Wirksamkeit. Den 15. De 
zember alten Stils bezeichnet das Tagebuch als 
„den katholischen Christtag", da er dem 25. De 
zember neuen Stils entsprach, das eigne Weihnachts 
fest zu feiern entging aber den Reisenden, denn mit 
dem 22. Dezember alten Stils (st. v.) begann die 
neue Zeitrechnung, weshalb wir diesen Tag doppelt 
^ ^ , .. , v , 22._, Decembris 1699 
finden afe den y Tag j^,, Woo ~ i 
von nun an beginnt die Datirung nach neuem 
Stil (st. ii.), während vom 19. Februar an nur 
noch das einfache Datum genannt wird. 
Am 18. Dezember (a. St.) kam man glücklich 
in Venedig an, wo die Gesellschaft im schwarzen 
Adler (all aguila aegra) abstieg und bis zum 
15. Januar (n. St., also 18 Tage) verblieb, in 
dieser Zeit aber mehrfach die Wohnung wechselte, 
um das Inkognito .des Landgrafen zu wahren. 
Konnte auch Klaute in vielen Richtungen als 
Führer dienen, weil er 1687 als Intendantur- 
beamter mit den in venetianischem Solde in 
Morea gegen bie Türken fechtenden hessischen 
Truppen hin und her durch Italien marschirt 
und der italienischen Sprache ziemlich mächtig 
war, so wurde doch in Venedig wie nachher an 
allen Orten, wo der Landgraf sich länger aus 
hielt, ein eigentlicher Fremdenführer, ein sogenannter 
Antiquarius, angenommen, der oft nicht billig 
war; es muß überhaupt in Venedig theuer 
gewesen sein, denn es wird in unserer Reise 
beschreibung als „das interessirte und geldsüchtige 
Venedig" bezeichnet. Als Bankhaus diente dem 
Landgrafen die deutsche Firma Hopser & Bach 
maier. Wenn auch alles nur Denkbare einer 
genauen Besichtigung unterzogen wurde, so wurde 
es doch, den venetianischen Verhältnissen ent 
sprechend, stets vermieden, über die Staats- 
eiurichtungen der Republik zu reden. Wir er 
kennen Karl's vielseitige Fürsorge für sein Land, 
wenn wir ihn auf den Besuchen der Hospitäler 
und Waisenhäuser, des Arsenals, der Glasfabrik 
zu Murano begleiten. Als besonders für Hessen 
interessant mag Folgendes hervorgehoben werden: 
In der Hospitalskirche ul speäaletto war ein 
berühmtes Nonnenquartett. „Die erste war zu 
aäniiriren, die zweyte noch mehr, die dritte 
reussirte noch besser, die vierte aber, In Vicentina 
genannt, surpassirte die drei Vorigen. Man 
sagte Uns, sie wäre bocken-narbicht und gar nicht 
hübsch, die Stimme aber war ohnvergleichlich 
rein." Durch Vermittelung des in Venedig an 
wesenden würtembergischen Oberkriegskommissars 
Martini war die Letztgenannte bestimmt worden, 
daß sie gegen 1000 Rthlr. jährliche Pension aus 
der Rückreise heimlich mit nach Hessen gehen 
wollte, es kam aber dieser Plan nicht zur Aus 
führung, weil aus der Rückreise Venedig nicht 
berührt wurde. Die Gesellschaft ging aber noch 
öfter in die Hospitalskirche, um den Gesang zu 
hören. — Als der Landgraf erfuhr, im Hafen 
sei „eine invention von einer Mühle zu sehen, 
wodurch der schlämm und moder gar bequemlich 
ausgemahlen wurde", also nach unserer jetzigen 
Sprache ein Bagger, führte er alsbald einen 
Besuch des Hafens aus, besah die „Modermühle" 
und bestellte „davon ein modele um es mit nach 
Cassel zu nehmen, welches auch ohne Zweiffel 
wird geschehen sein". Dies Modell sollte sicher 
für die hessischen Flußbauten und den damals 
geplanten Kanal zwischen Kassel und Karlshafen 
dienen, war gewiß später ein Jnventarstück im 
fürstlichen Modellhaus am Holländischen Thor 
und wird mit den übrigen dort aufgestellt ge 
wesenen Modellen verkommen sein. 
In Venedig lebte ein Nobile Cappello, der sich 
dem Landgrafen sehr dienstwillig erwies und ihn 
vielfach herumführte, ihm auch am 8. Jan. 1700 
seinen Palazzo zeigte, „welcher aber nicht sonderlich 
magniti^ne meubliret war". „Er zeigte Uns 
auch in der Aaleria seine euriositäten. Ab 
sonderlich wüste er seine medailleu und Oamei, 
welche er nach des bekandten Paduaniseben 
Prolessoris Patini tob von dessen Töchtern in 
einem civilen preiß erhandelt hatte, und um 
deren proütablen debil es ihm am meisten zu 
thun war, über alle maßen heraus zu streichen, 
weil er nun zum öffteren seine auswartung ab 
stattete, und sich sehr oKieios erwiese, woltens 
Jhro Hoch - Fürstl. Durchl. mit ihm so genau 
nicht besehen, sondern kausften sie ihm für 
3296 Ducati miteinander ab, weswegen ich sie 
auch desselben nachmittags von ihm in empfang 
nehmen mußte". Diese Münzen und geschnittenen 
Steine werden sich wohl in den Sammlungen 
unserer Museen vorfinden, und hoffentlich war 
dieser Kauf ein günstigerer als ein weiterer, den 
Klaute folgendermaßen beschreibt: „Den 11. Tag 
dan. st. n. sind Lerenissimi Hoch-Fürstl. Durchl. 
mach dem Venetianmeben Cosmographo und 
Professore Geographici il Padre Maestro Vin- 
cenzo Coronelli hingefahren, um dessen Mu8äuin 
zu besehen. In welchem wir viele Globos, so er
	        

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