Full text: Hessenland (15.1901)

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stand in gewohnter Feierlichkeit und in der ge 
wohnten, buschigen Perücke am Dirigentenpult 
und wollte eben das Zeichen zum Beginn der 
Sarastro-Arie geben. Da trat Binder vor, mit 
der in unverfälschtem Lerchenfelderisch, im tiefsten 
Ton der Leutseligkeit ertheilten Weisung: „Wissen 
S', Sö müass'n a biss'l aus mi schauen . . 
Wann i sag' — Bau—u—se. dann halt'n' S' 
aus, hör'n S', dann haßt's aus—halt'n!" Spohr, 
der Styl-Puritaner, blickte majestätisch auf den 
berühmten Sänger des berühmten Kärntnerthor- 
Theaters und gab schweigend dem Orchester das 
Zeichen, anzufangen. Es währte nicht lange, 
da unterbrach Binder mit dem Kommando: 
„Bau—se!" Spohr kümmerte sich nicht im 
Geringsten um den von Binder beabsichtigten 
„Schlager" und dirigirte weiter, als ob er Binder's 
Gebot gar nicht vernommen hätte. Gereizt stürzte 
Binder an die Rampe und donnerte noch ge 
waltiger, als zuvor: „Bause!" Spohr klopfte 
nun ab und bemerkte mit diplomatischer Ge 
messenheit, daß er solche Winke nicht zu beachten 
vermöge. Daraufhin ging Binder mit langen 
Schritten und verschränkten Armen bis zum 
Souffleurkasten, maß Spohr mit zornigen Blicken 
und brach dann brüllend los! „Sö woll'n mir 
not parir'n? Sö alter Melonenkopf, Sö . . 
Binder's weitere Schmähreden verhallten im 
Tumult des Orchesters, das sich wie ein Mann 
erhob und mit Spohr das Hans verließ. Wenige 
Minuten später kam ein Abgesandter des Inten 
danten auf die Bühne, händigte dem Herrn Binder 
das volle, für drei Gastspiel-Vorstellungen be 
dungene Honorar aus und überbrachte ihm zu 
gleich die bestimmte Wcisilng, das Theatergebände 
auf der Stelle zu verlassen. Sebastian Binder 
machte sich denn auch unverzüglich auf nach dem 
allernächsten, renommirten Keller. Es währte 
nicht lange, bis er die harten Thaler der Kasseler 
Hoftheaterkasse in Bier und Wein umgesetzt hatte; 
in Wien sollte der „blade 23iubcr" späterhin 
nicht nur als zweiter Nodenstein Hab' und Gut 
„veritrinken"; als leibhaftiger Doppelgänger des 
„Armen Augustin" vergeudete er seinen herrlichen 
Baß auf dem „Brettl" des „BvlkSsüngers" und 
verkam in namenlosem Elend, obwohl seine seltenen 
Stimm-Mittel fast bis an sein Lebensende das 
Staunen aller Kenner erregten. Gabillon er 
götzte die groteske Kasseler Hanswurstiade Sebastian 
Binder's außerordentlich: ein Falstaff von solchem 
Umfange des Leibes, des Durstes unb des Organs 
beschäftigte ihn als unvergeßliches Modell. Denn 
obwohl er in Liebhaber- und Heldenrollen Erfolg 
auf Erfolg errang, machte er feinen näheren Be 
kannten gegenüber kein Hehl daraus,.daß er das 
Fach der Jntriguanten, Charakterspieler und 
Chargen für feine eigentliche Sphäre halte. Und 
als eines Abends im Atelier Katzenstein's dieser 
Maler und der geistvolle Schauspieler Pauli 
Zweifel in seine Befähigung für solche Aufgaben 
setzten, spielte er ihnen den „Franz Moor" vor. 
„Nie werde ich den großartigen Eindruck ver 
gessen", schreibt uns Katzensteiu. „Mit derselben 
Meisterschaft las er uns den ,Jagck und noch 
andere bedeutende Rollen vor. Seine Auffassung 
von ,Richard III/ war so originell und feine 
Stellungen waren so heroisch, daß ick eine Skizze 
davon entwarf. Im Kreise gleichaltriger Künstler 
und Kollegen war er immer das belebende Element, 
und durch seine drastische Darstellung komischer 
Szenen vermochte er die größte Heiterkeit zu 
entfesseln." 
Man sollte denken, daß ein so bildungs- und ver 
wandlungsfähiger Künstler, der rasch ein Liebling 
des Intendanten, des Publikums, seiner Berufs 
genossen unb der Gesellschaft geworden war, immer 
festeren Fuß in Kassel hätte fasse:: müssen. 
Allein mit dem Kurfürsten war kein ewiger 
Bund zu flechten. Gegen Ende der Saison hatte 
der junge Heldenspieler, in Erwartung der baldigen 
Ferien, seinen Schnurrbart stehen lassen und mit 
Stolz und Liebe zu besonderer Vollkommenheit 
herangepflegt. Das entdeckte der Kurfürst eines 
Tages und ließ Gabillon „befehlen", diesen sträf 
lichen Schnurrbart sofort abzunehmen. „Gewiß 
werde ich das thun", war die Antwort, „sobald 
ein Stück auf dem Repertoire erscheint, das ein 
bartloses Gesicht erfordert." Nun war aber auf 
den: laufenden Spielplan keine solche Vorstellung 
in Sicht. -Der Kurfürst beharrte jedoch gleichwohl 
auf seiner Anordnung: der Schnurrbart müsse 
augenblicklich fallen, widrigenfalls Gabillon in 
längstens 24 Stunden das Kurfürstenthun: zu 
räumen habe. Der Künstler erwiderte lachend, 
dazu habe er mit der Eisenbahn nicht einmal 
eine halbe Stunde nöthig. Ein Witzwort, das 
rasch Flügel bekam und, da es insbesondere in: 
benachbarten Hannover nicht wenig Schadenfreude 
hervorrief, vielleicht uicht ganz ohne Einfluß auf 
Gabillon's sofortige Einladung zu einem Gastspiel 
an die königliche Hofbühne für den nächsten 
Herbst war.
	        

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