Full text: Hessenland (15.1901)

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ich mir alle mögliche Mühe, ihnen die Sache plan- 
sibel zu machen: aber wenn ich dann meine, sie 
hättews kapirt — jawohl ..." 
Beim ersten Wort war er nnmerklich znsainmen- 
gesahren. Aber nichts mehr von dem Auflodern in 
seiner Entgegnung. 
„So schlimm ist wohl doch nicht, Heer Prechten; 
Sie wissen ja, im Ansang hält's manchmal schwer. 
Das giebt dann nachher oft die besten Fechter." 
„Mag sein, aber solange die echte Begeisterung 
nicht da ist . . . lassen Sie uns denen 'mal einen 
schneidigen Gang vorführen, damit sie wenigstens 
üie Ahnung bekommen . . ." 
„Gewiß, Sie haben Necht . . . Gleich . ." 
Wie seine Hand zittert, als er den Säbel vom 
Gestell nimmt. 
„Aber wozu denn die Umstände mit den Ban 
dagen und dem Kram . . ." 
Ein eigenthümliches Gefühl beschleicht den Anderen. 
Schweigend wirft er die übrigen, noch nicht an 
gelegten Binden wieder hin . . . 
„Ans die Mensur!" 
Die beiden stehen sich gegenüber, Auge in Auge, 
zum ersten Mal. 
Wie ein Blitz durchzuckt Prechten die Gewißheit 
seiner Ahnung, als ihn der haßlvdernde Btiet des 
Gegners trifft. Es überläuft ihn kalt — das ist 
u n m ägli ch . . 
„Fertig!" 
„Los!" 
Ter Medizinalrnth beugt sich über den noch be 
wußtlosen Fechtmeister, den man ans der Ehaise- 
longne im Nebenzimmer gelagert hat. Es herrscht 
Schweigen, das nur die halblaut gegebenen An 
ordnungen des Arztes unterbrechen. Behutsam geht 
die Thür. wenn die jungen Mediziner, die Hand 
langerdienst leisten, ein- und anstreten. 
„Fa, Fraktur der clavicuhi, . . , mit dem 
Fechten ist's mm aus." 
Als ob ihn dies Urtheil zur Besinnung gebracht, 
schlägt der Berletzte die Angen ans. 
„1%, haben wir ausgeschlafen?" meint der Herr 
Gehcimrath. Erstaunt blickt Hans Nicnard aus 
die ihn umstehende Gruppe. Er scheint sich zu 
erinnern: denn ein fast glückliches Lächeln spielt 
in seinen Zügen. Dann sinkt er wieder zurück. 
„Einer der Herren hak wohl die Güte, einen 
Tragkorb aus der Klinik 511 bestellen . . . Bis 
dahin läßt sich weiter nichts thun. — Was ich 
sagen wollte, ist denn die Frau verständigt V 
„Nein, Herr Geheimrath, sie war nicht oben in 
der Wohnung." 
„Umso besser." 
Er tritt etwas zurück, um durch das Sprechen 
den jetzt ruhiger Athmenden nicht 511 stören. 
„Ich muß gestehen, meine Herren, der Znsainmen- 
hang ist mir nicht recht klar. Freilich, diese Un 
vorsichtigkeit von ihm, ohne Bandagen zu üben . . . 
Aber trotzdem diese schwere Berletznng beim 
Pauken.." 
„Es sah auch nicht wie bloßes Pauken ans, Herr 
Geheimrath." 
„5o? hm ... was giebt denn Herr Prechten auH 
„Ter ist gleich daraus gegangen, cs scheint ihm 
doch ans die Nerven gcfalten zu sein." 
„Nun, das ist schließlich nicht zu verwundern; 
— also es ist dem Zwischenfalle nichts voraus 
gegangen 
„Nein, das ließ sich an wie sonst auch, und dann, 
eh' man überhaupt begriff und an Tazwischenspringen 
dachte, war's geschehen." 
„Ta mochte man ja fast, wenn's nicht zu lächer 
lich wäre, an Zweikampf in aller Forin glauben." 
„Wir hatten thatsächlich dieses Gefühl, Herr Ge 
heimrath." 
„Aber ich bitte Sie, meine Herren, daran ist 
doch nicht zu denken — lassen Sie das nur Herrn 
Prechten nicht hären." 
„Tie Waffen waren doch auch nicht scharf!" 
„Nichtig, das kommt ja auch noch hinzu — 
übrigens ein Glück für Beide: die ganze Sache 
bleibt wirklich sonderbar, höchst sonderbar. 
Ach, da ist der Korb schon — lassen Sie nur . . . 
bitte, lassen Sie nur ... die Wärter habeil das 
schon am Griff . . . 
So, ich banse — 
Guten Morgen, meine Herren!" 
<4* 
Jlxta aller xnxd xxexter Beil. 
Einige Ijcflstfdjc Gedenktage 
aus der ersten Hüt sie des Monats Miirr. 
Am t. März Kilo wurde in Gießen der Dichter 
Balthasar Schlipp geboren. 
Am 1. März 1050 wurde die schaninbnrgische 
Ortschaft Sachseilhngen zur Stadt erhoben. 
Aul 1. März 17.V.) Treffen bei Hers selb und 
Friedeivald zwischen ben Franzosen und den Hessen- 
Kassel'schen Truppen unter dem Generalmajor 
voil Urfs. 
Am I. März 1701 Allfang der ersten Belagerrnng 
voll Kassel während des siebenjährigen Krieges durch 
| den Grasen Wilhelm von Schaniilbllrg-Lippe.
	        

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