Full text: Hessenland (15.1901)

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Er wundert sich nicht über diesen Gedanken, der 
blitzschnell in seinem Hirn ausleuchtet. Nur einen 
Schritt weiter tasten jetzt . . . 
Aber es ist ihm, als hielte nun eine eisige Faust 
sein Denken umklammert. 
Und dann auf einmal doch, wie Vision taucht 
es oor ihm auf. 
Ja freilich, der schlägt eine gute Klinge! 
Und ein hübscher Kerl ist er! . . . 
Wirklich, ihr Geschmak ist garnicht übel. 
Ach, sie hat noch ganz andere Vorzüge, die Frau 
Fechtmeisterin, das freundliche Lächeln immer auf 
den Lippen. Und der sanfte Blick ihrer Tauben 
augen. O, und welch' vortreffliche Schauspielerin 
— kein einziges Mal die Maske gelüstet! Was 
muß er ihr die auch mit seiner rohen Hand her 
unterreißen, sie stand ihr doch so hübsch. Und daß 
sie in Reue schier zerfließt — Thränen passen doch 
gar nicht in ihren Stil. 
Oder war auch das Pose — eine neue Nolle? 
Es schüttelt ihn. 
Die Morgensonne steigt glitzernd an den Waffen 
in die Höhe, welche die Wand schmücken, und es 
ist ihm, als grüßten sie fröhlich herüber 511 ihm, 
ihrem Herrn und Meister. 
Da leuchtet es freudig in ihm aus — er streckt 
die Haud aus nach dem schweren Säbel, seinem 
Lieblingsstück. 
„Dil . . . du, ja du . . . 
Sein Arm fällt schwer herunter. 
Was dachte er da eben? Was wollte er? 
Ach Gott, wie lächerlich dieser Gedanke — seine 
Ehre mit der Waffe . . . 
Jawohl!' Mit der Waffe! 
Gehört die nicht in seine Hand, wenn sie in 
eine Hand gehört? . . . 
Wacht sie nicht erst zum Leben auf in seiner 
Hand? Gewiß! — Um ihn desto frecher auszu 
lachen, den Thoren, den Fechtlehrer. 
Wie sie jetzt höhnisch herübergrinsen. von der 
Wand! . . . 
Er springt aus. Das ertrage, wer kann! 
* -1- * 
Drunten im Fechtsaal beginnt es schon lebendig 
zu werden. Dann und wann dringt eine laute 
Lachsalve 31t ihm heraus. 
Die Herren Studenten anlüsiren sich einstweilen 
— warscheinlich läßt „Pcrkeo" wieder einige von 
seinen fürchterlichen Witzen los. 
Ihn widert das Treiben an. 
Vielleicht haben sie sich eben auch gerade über ttju 
lustig gemacht. In wenigen Tagen wird man ja 
allenthalben über ihn lachen und mit Fingern auf 
ihn zeigen . . . 
Fort — fort mit den Gedanken! 
Er betritt mit flüchtigem Gruß den Fechtboden. 
Sein Blick fliegt leer über die einzelnen Gruppen 
hin. Dort drüben stehen schon einige zur Uebung 
fertig, in Hemdärmeln, bis an's Kinn in Bandagen 
eingepackt. 
Scheint einer von den Inaktiven sie schon her 
genommen zu haben; die Herren placken sich ja 
gern mit den Füchsen ab. 
Mag er nur. 
Wenn sie wüßten, wie gleichgültig ihm alles ist! 
Aus seinem dumpfen Starren läßt ihn ein Name, 
der in der umgebenden Unterhaltung fällt, jäh auf 
fahren. Hat er gehört, oder täuschen ihn seine 
überreizten Nerven? Aber nein. Das ist wirk 
lich Prechten, der da eben mit leichter Verbeugung 
herübergrüßt. Es strömt dem Fechtmeister heiß zum 
Kopf. Der Gedanke durchzuckt ihn, dem Nächsten 
besten die Waffe aus der Hand zu reißen und den 
dort niederzuschlagen, der ihn zum Bettler gemacht 
an Ehre und häuslichem Glück. 
Er zwingt sich zur Unbefangenheit. 
Man umringt ihn von allen Seiten. Er muß 
doch von den letzten interessanten Mensuren hören 
imb sich gebührend wundern über die Heldenthaten 
von diesem und dem .... 
Natürlich wundert er sich darüber. Das hat 
er schon so oft thun müssen, daß es diesmal ganz 
von selber geht. 
Wie aus der Ferne dringt ihm das Geschwätz 
an's Ohr. 
Gottlob, nun beginnen die Uebungen. Da hat 
er hier und da zu thun; das verscheucht für eine 
Weile die Gespenster. 
Sein klangvolles Organ übertönt das Schläger 
klirren, wenn er seine Anweisungen giebt. Hin 
und wieder nimmt er selbst den Speer zur Hand. 
Teufel, was für rasendes Tempo der heute schlägt! 
Von drüben her hört man Prechten sich ereifern. 
Langsam, mit diesem und jenem ein paar Worte 
wechselnd, nähert sich Rienard der Gruppe. 
Was solch' ein freiwilliger Lehrmeister Verve 
entwickelt! Prim — Quart — Prim — Terz. 
Das voltigirt ja nur so . . . 
Eine Weile sieht der Fechtmeister zu. 
Wie ruhig er ist. 
Wenn nicht der Muskel da drinnen ineinem- 
fvrt so ungestüm an die Rippen pochen wollte. . . 
Schlägerklirren ringsum, und das harte Aus 
einanderklappen der Säbel . . . und vor ihm die 
beiden jungen Leute, die sich redlich abmühen mit 
der schweren Waffe — halb im Traum meint er 
sie zu sehen. 
„Herr Fechtmeister, ist Ihnen eigentlich schon so 
was von Unbeholsenheit vorgekommen? Da geb'
	        

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