Full text: Hessenland (15.1901)

68 
rode tut seine Bauern. — Die Frage, wann der 
Ort selbst oder die Kirche gebaut wurde, wartet 
noch heute der Beantwortung. Unmöglich ist es 
nicht, daß sie in der ersten Hälfte des 12. Jahr 
hunderts von dem Abte Reinhard von Reinhausen 
gestiftet wurde. Ohne Zweifel ist die Kirche die 
älteste im ganzen Umkreise, da die Gotteshäuser 
— ursprünglich Kapellen — der umliegenden 
Dörfer weit jüngeren Ursprungs sind. 
Daß die schlichte Feldkirche noch lange nach 
ihrer Glanzperiode in hohem Ansehen stand, daß 
sie noch in der neueren Zeit die Mntterkirche der 
benachbarten Gotteshäuser war, beweist die That 
sache, daß noch im 17. Jahrhundert die Psarr- 
besetzung der Dörfer Niedergandern, Hohengandern 
und Arenshausen aus den Namen Hottenrode vor 
genommen wurde. Das Besetzungsrecht stand den 
Herren von Boden hausen und von Hau 
stein zu. . . . 
Die Wahl eines neuen Pfarrers und seine Ein 
führung waren es, die gegen Ende des 16. Jahr 
hunderts die Veranlassung zu einem erbitterten 
Kamps um die Hottenröder Kirche gaben. Ter 
Kamps interessirt uns deshalb so lebhaft, weil sich 
hier aus einem winzigen Fleckchen Erde das Drama 
im Kleinen abspielte, das damals unser gesammtes 
Vaterland in seinen Grnndvesten erbeben machte: 
der große konfessionelle Konflikt zwischen Re- 
sormirten, Katholiken und Lutheranern. 
Die Streitenden waren der Landgraf Moritz 
von Hessen, der Erzbischof von.Mainz, damals 
Daniel Brendel von Homburg, und als Ver 
treter des Lntherthnms Herzog Juli n s von 
Braunschweig. 
Alle drei beanspruchten die Kirche als ihr 
rechtmäßiges Eigenthum. 
Die Ansprüche des Erzbischofs Daniel gründeten 
sich aus das Lehnsverhültniß mit den Patronen 
der Kirche, den Herren von Haustein. Braun- ; 
schweig, vertreten durch den Amtmann Heinrich ! 
Wissel, forderte mit Recht nach dem damals 
herrschenden Grundsätze Cujus regio, ejus religio 
die Fortsetzung der lutherischen Gottesdienste in 
Hottenrode; denn die Kirche lag in braun 
schweigischem Gebiet. Der Landgraf von Hessen- 
Kassel stützte seine Ansprüche aus die Oberlehns 
herrschast, die er als Oberlehnsherr der Familie 
von Bodenhausen, die Hottenrode als Lehen besaß, 
ausübte. Dieser Grund war jedoch nicht stichhaltig; 
denn Hottenrode war ein sog. Sonnenlehen. 
Die Lehen dieses Namens waren gewöhnlich ehe 
malige Wüstungen, welche die benachbarten Edel 
leute als herrenloses Land annektirten; die Sonnen 
lehen besaßen also keine Oberherren. Folglich 
konnte auch der Landgras von Hessen das Lehns 
recht nicht besitzen. Gleichwohl verlangte er, daß 
die Hottenröder Kirche, die seit einem halben 
Jahrhundert lutherisch war, ohne daß die hessische 
Regierung Einspruch erhoben hatte, nach hessischem 
Vorbilde reformirt werden sollte. 
Wir sehen, daß es den streitenden Parteien 
mehr um die religiöse als die politische Herrschaft 
zu thun war. Wenn wir nun erwägen, wie wenig 
nachgiebig man gerade damals in Religions 
angelegenheiten war, so bedarf es keiner Erklärung, 
warum ein solches nach unseren Begriffen klein 
liches Objekt einen fo erbitterten und verhängniß- 
vvllen Kamps heraufbeschwören konnte. . . . 
Wie oben angedeutet, wurde der Streit durch 
die Neuwahl und die Einführung eines Geistlichen 
veranlaßt. Im Jahre 159-1 hatten die Patrone 
von Bvdenhansen und von Haustein, sicher ans 
Veranlassung der hessischen Negierung, den hes 
sischen Pastor Jürgen Holzmann, der zugleich 
Seelsorger für Hohengandern wurde, znm Pfarrer 
von Hottenrode gewählt. Als drei Jahre später 
der Pastor der Nachbargemeinde Reckershausen 
(Provinz Hannover) Jürgen Greifs wegen schwerer 
Krankheit seines Amtes nicht mehr walten konnte, 
setzten die Patronatsherren Heinrich und Melchior 
von Bvdenhansen den Pastor Holzmann znm 
Pfarrverweser und späteren Seelsorger zu Reckers 
hausen ein. Die Annahme der Stelle bereitete 
Hvlzmann, der von seinem Amtsbrnder Magister 
Christian Gran zu Witzenhansen unterstützt wurde, 
viel Verdruß, besonders von dem Amtmann Wissel. 
Tie Herren von Haustein, die daü Patronat von 
Hohengandern, wo Hvlzmann wohnte, besaßen, 
vertrieben ihn, weil er ohne ihr Wissen mit 
den Herren von Bodenhansen wegen der Reckers- 
hänser Pfarrstelle verhandelt hatte. So wurde 
die Hvttenröder Psarre vacant. Zwar wurde 
noch in demselben Jahre die Stelle von den 
Patronen durch die Wahl des hessischen Magisters 
Melchior Kindervater besetzt, aber weder Mainz 
noch Brannschweig waren mit dieser Lösung zu 
frieden. 
Sowohl der braunschweigische Amtmann Wissel 
als auch der Vogt vom Rnsteberge, als Vertreter 
der katholischen Partei, suchten mit bewaffneter 
Hand ihren Forderungen Geltung zu verschaffen. 
Schon am ersten Sonntage nach der Einfüh 
rung des hessischen Predigers wurde vom Rnsteberg 
ein Angriff ans die Hvtteuröder Kirche in's Werk 
gesetzt. Der Versuch, bei dieser Gelegenheit den 
katholischen Priester Jvdokns Ebbinghausen ein 
zuführen, mißlang. Von diesem Gewaltakt wird 
uns in einem noch heute im Archive der Familie 
von Haustein enthaltenen Manuskript Folgendes 
berichtet:
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.