Full text: Hessenland (15.1901)

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liederdichter hervorzubringen, wenn nicht Naumann 
größeren Formensinn besäße und entwickelte, als 
mit dem eigentlichen Volkslied verträglich ist. 
Die Grenze ist wohl nur kaum überschritten, aber 
sie ist es. Erstaunlich bleibt dabei der Umstand 
selbst, daß sich der Dichter eine solche Sicherheit 
der Form hat aneignen können. Denn bloßes 
Talent ist das nicht, sondern Uebung, und vor 
allem das Ergebniß einer gewissen Kenntniß von 
anderen poetischen Erzeugnissen, sodaß man an 
nehmen muß, daß sich Naumann das Wenige, 
was ihm von literarischem Material zugänglich 
gewesen ist, wohl zu Nutze gemacht hat. Sein 
feiner künstlerischer Takt hat ihn offenbar ebenso 
zuverlässig dabei geleitet, als er sich in seinem 
eigenen Schassen wohlthuend bemerkbar macht. 
Als Grundton seiner Gedichte läßt sich eine 
fromme, sehnsüchtige Resignation bezeichnen. 
Heinrich Naumann ist ein Dichter der Sehnsucht, 
der irdischen und der himmlischen Sehnsucht. 
Das viele Schwere, was er hat durchmachen 
müssen, läßt ihn einen Jammer empfinden nach 
dem wenigen (äußerlich) Guten, was er aus Erden 
gehabt hat, und mehr noch nach dem, was er 
von einem besseren Leben über der Erde hofft. 
Aber auch an seiner irdischen Heimath hängt er 
wie jeder tiefere Mensch mit allen Wurzeln seines 
Wesens, und wo er (wie in seiner Militärzeit) 
von ihr getrennt ist, da wird seine sehnsüchtige 
Stimmung doppelt stark, doppelt, weil auch hier 
sich der Blick immer wieder auf die Welt des 
Jenseits lenkt. 
Eine vorwiegend erliste, bisweilen auch einer 
gewissen kindlichen Heiterkeit, ja sogar Schalk 
haftigkeit nicht abgeneigte, pflichttreue und sehr- 
weiche Natur ist es, die uns in seinen Gedichten 
entgegentritt. Was aber ihren schönsten Vorzug 
bildet, das scheint mir die ganz wundervolle Wahr 
haftigkeit und vollendete Einfachheit des Aus 
drucks zu sein. Diese Schlichtheit und Ehrlichkeit 
der Rede, diese absolute Schlagkraft, das genau 
zu sagen, was gesagt werden soll, deckt sich wohl 
scheinbar mit dem vorhin gerühmten Talent der 
Form, ist aber doch noch etwas Anderes, Größeres, 
nämlich eine sittliche Eigenschaft. Und das ist 
um so höher anzuschlagen, als gerade die jetzige 
Künstlergeneration in dem an sich löblichen Be 
streben, möglichst „natürlich" zu sein, sich im 
Gegentheil vielfach höchst unnatürlich geberdet. 
Die Eintheilung der Gedichte Naumann's (deren 
Rubriken übrigens, ich weiß nicht, ob absichtlich 
oder zufällig, sich reimen) entspricht dem Lebens 
lauf des Verfassers. „Aus Lieb' und Leid" 
schildert die beglückenden und schmerzlichen Er 
fahrungen einer jungen Liebe, worauf die besonders 
originelle Liedergrnppe „In Königs Kleid" von 
seinem Soldatenleben im Elsaß erzählt und der letzte 
Theil „Aus heiterer und ernster Zeit" (das „Heitere" 
fehlt aber fast ganz) sich mehr in allgemeinen 
Zustünde!: und Betrachtungen hält. Wenn ich 
die für mein Gefühl schönsten Lieder namhaft 
niachen sollte, so würde ich außer den im „Hes 
sischen Dichterbnch" aufgenommenen „Am Mutter 
grabe" (S. 25*) und „Am Weihnachtsabend" 
(S. 71) gleich das Eingangsgedicht „An den 
freundlichen Leser" (S. 1) und besonders die 
beiden tiefergreifenden Lieder „Auf dem Friedhof" 
(S. 52**) und „Abschiedsgruß" (S. 63**) hervor 
heben, fernerauch das feinschattirte „Im Manöver" 
(S. 79) und das sich wirkungsvoll steigernde 
Stimmungsgedicht „Sehnsucht in: Lenz" (S. 113), 
ohne damit andere, vielleicht ebenbürtige, herab 
setzen zu wollen. 
Als Ergebniß meiner Betrachtung könnte ich 
nur nichts Besseres wünschen, als daß ich in recht 
vielen meiner hessischen Landsleute die Lust an 
geregt hätte, sich durch Anschaffung der Gedichte 
von Heinrich Naumann ein Verdienst sowohl um 
ihn selber wie um die gute Sache zu erwerben 
und zugleich sich einen reinen Genuß zu bereiten. 
Denn es ist meine ehrliche Ueberzeugung, daß sich 
keii: für echte Poesie ernpfänglicher Leser betrogen 
sehn wird. Vielmehr muß sich jeder von diesen 
tiefe:: und wahren Herzenstönen in: Innersten be 
wegt fühlen und sich der Thatsache froh bewußt 
werden, daß auch noch heutzutage trotz aller Ver 
kümmerung, Entartung nnd systematischen Los 
lösung von jeden: Autoritäts- und Pietätsgefühl 
dein: doch eil: beträchtlicher Theil urgesunder 
Kraft und Sittlichkeit in unserem Volke w::rzelt, 
da ohne dieser: Grundstock im Charakter des 
deutsche:: Stammes Erscheinungen wie Heinrich 
Naumann einfach unmöglich wären. Milldestens 
sollte die Gedichtsammlung in keiner Volks- und 
Schulbibliothek fehlen. 
Es liegt mir noch eine stattliche Reihe un 
gedruckter Lieder vor, worunter sich manches Schöne 
findet, auch des Druckes wohl Werthe. Doch scheint 
nur der Dichter die Peripherie seilles Talentes 
bereits durchmessen zu haben, und wenn er, wie 
ich höre, statt des angeerbten schweren körperlichen 
lieber eine:: geistigen Beruf ergriffen hätte, so ist 
die Nichterfüllung seines Wunsches persönlich zwar 
zu bedauern, für seine Begabung aber meinen: 
Dafürhalten nach unerheblich. Denn was er 
Eigenes leistet, leistet er vollauf auch unter den 
Umständen, wie sic sich nun einmal gefügt haben. 
*) In: vor. Jahrgang, S. 201, abgedruckt. 
**) Vergl. das vorliegende Heft.
	        

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