Volltext: Hessenland (15.1901)

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Heinrich Naumann, ein hessischer Uolksdichter. 
Eine Charakteristik von Hans Altmüller. 
^Wahrscheinlich ist es manchem unserer hessischen 
^ Landsleute so gegangen wie dem Verfasser 
dieser Zeilen, daß er nämlich erst durch das 
kürzlich neu erschienene „H es s iseh e Dichterb u ch" 
ans ein Talent aufmerksam geworden ist, das 
gerade heutzutage, wo man seinesgleichen mit 
Vorliebe in die Ocsfentlichkeit zieht, mehr Be 
achtung verdient als viele andere und bekanntere, 
und jedenfalls in unserem Hessenland eine nach 
drücklichere Würdigung beanspruchen darf, als 
ihm bisher zu Theil geworden scheint, — auf 
H einri ch N a n m a n n ans Nanzhansen bei 
Lohra sin der Nähe von Marburg). Dieser 
poetische Bauersmann ist in mehrfacher Hinsicht 
eine merkwürdige und lehrreiche Erscheinung; 
merkwürdig, weil sich in ihm eine ansehnliche 
Begabung aus den allcreinfachsten und zum Theil 
ungünstigsten Verhältnissen heraus bis zu einer- 
gewissen Knnsthöhe entwickeln konnte, und lehr 
reich, weil er den Beweis liefert, wie einerseits 
auch heute noch ein wirklicher Dichter, ein Talent, 
sich wahrhaft „in der Stille bilden" kann, ent 
blößt fast von allen Hülfsmitteln, und doch 
andererseits kein eigentlich volksmäßiger Dichter 
entsteht (im Sinn des Volksliedes), denn die 
Bezeichnung „Vvlksdichter" hat bei ihm nur mit 
Rücksicht auf seine Abstammung und sonstige 
Lebensstellung ihre Geltung und nicht in Bezug 
auf die Natur seiner Dichtungen. Ein Dichter- 
aus dem Volke, im schönsten Sinn des Wortes, 
das war er, als seine Gedichtsammlung erschien, 
und das ist er noch heutigen Tages. Eben die 
Einfachheit seiner Lebensverhältuisse ist es ja, 
die sein Talent von vornherein anziehend macht 
und es auch so rein bewahrt hat, und zwar in 
jeder Hinsicht rein und allgemein sich äußernd, 
daß mit wenigen Ausnahmen keins feiner Ge 
dichte dem Unkundigen verräth, welche soziale 
Stellung sein Verfasser etwa einnimmt. Denn 
so unverkennbar dem wirklichen Leben entsprungen 
die Lieder auch Jedenl erscheinen müssen, ebenso 
allgemein passend für unzählige Andere sind sie, 
was ihren äußeren Anlaß betrifft. 
Um diese äußeren Verhältnisse etwas näher 
anzuführen, so sei hier saus der Quelle des 
„Hessischen Dichterbuches") mitgetheilt, daß 
„Heinrich Naumann, 1856 zu Nanzhausen ge 
boren, als das Kind einfacher Laudlente die 
Dorfschule besucht und außer drei Jahren, 
während deren er seiner Militärpflicht im Elsaß 
genügte, seine Heimath nicht verlassen hat. Er 
half dem Vater die kleine Landwirthschaft führen 
und übernahm dieselbe nach dessen Tode. Seine 
Frau wurde ihm schon nach wenigen Jahren glück 
lichen Ehelebens entrissen, und auch sonst blieb 
ihm viel Leid nicht erspart." 
Das ist das ganze äußere Leben eines Mannes, 
der uns ein Bündchen Gedichte geschenkt hat, die 
immerhin hoch über den Produktionen mancher 
modernen poetischen Hochstapler stehen und einen 
eigenthümlichen Kommentar bilden zu der oft ge 
hörten Aeußerung halbwüchsiger Großstadttalente, 
daß es ihnen „so an Anregung fehle". 
Die bis jetzt leider von nur geringem Erfolg 
begleitete Veröffentlichung der Gedichte Heinrich 
Naumann's ist ein Verdienst Karl Gerok's. Auf 
die zufällige Bekanntschaft mit Gerok's „Palm 
blättern" hin hatte Naumann dem schwäbischen 
Dichter eine Sammlung Lieder geschickt, mit der 
Bitte, sie zum Druck zu befördern, nicht, wie er 
sagt, um sich „einen Namen damit zu machen", 
sondern um mit dem etwaigen Ertrag die Kosten 
der Leichensteine feiner Eltern zu decken. Im 
Jahre 1886 erschienen die Gedichte unter bem 
Titel „Ein s ch lichter Strauß" (Stuttgart, 
Grciuer & Pfeiffer). Gervk hat es verschmäht, 
dem kleinen Buche eine Einführung oder Bevor 
wortung zu Theil werden zu lassen, und nichts 
als seine Zuschrift an den Verleger bei Ueber- 
sendnng der Lieder abdrucken lassen. Wie mich 
dünken will, hätte diese Zuschrift noch wärmer und 
anerkennender ausfallen können, und der nahe 
liegende Vergleich mit der Bekanntmachung der 
I o h a n u a Ä m b r o s i u s (mit der Naumann auch 
innere Achnlichkeit hat) kann kaum zu Gunsten 
des hier vielleicht allzu reservirten Gerok gezogen 
werden. 
Der Gedichte selbst zählt die Sauunlung über 
achtzig. Absoluten Kunstwerth hat allerdings nur 
die Minderzahl, ohne Werth ist keins, die vor 
züglicheren aber gehören unstreitig zum Schönsten, 
was unsere neuere Lyrik hervorgebracht hat. 
Heinrich Naumann besitzt wie jeder echte (nament 
lich lyrische) Dichter die Fähigkeit, seine Erlebnisse 
tiesinnerlieh aufzufassen und sie mit objektiver 
Ruhe poetisch zu gestalten. Da nun seine Er 
lebnisse au sich schon meist innerlicher Natur sind, 
andererseits aber weniger das Geistesleben als 
vielmehr das Gemüthsleben in ihm vorherrscht, 
so ist es erklärlich, daß die meisten seiner Gedichte 
Lieder sind. Es wären hier vielleicht alle Be 
dingungen erfüllt, um einen berufenen Volks
	        

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