Full text: Hessenland (15.1901)

M 1 
XV. Jahrgang. Kassel, 2. Januar 1901. 
Liebst du im cd? 
Liebst du mich? G sage nicht, 
Das; du liebst, so kühl bedacht! 
Lieb' ist nicht das kalte Licht 
In des Nordens ew'ger Nacht; 
Ist kein Hungern ohne Brot, 
Ist kein Gletscher starr und todt. 
Liebe koimnt init Sturmes Macht 
Als die Wonne aller Wonnen, 
Als die Gluth von tausend Sonnen 
Unbezwingbar angefacht. 
Lieb' ist Liebesallgewalt, 
Siegreich über Noth und Tod; 
Doch für Menscheil ohne Gott 
Schmutzgebor'ne Mißgestalt, 
Die in ihrer Geistesnacht 
Aus den Menscheil Thiere inacht. 
fl. trabest. 
Tausendfarb'ger Morgen, 
Der aus Nacht erglüht, 
Löse von den Sorgcil 
Auch mein Nachtgemüth! 
Weiln voil deinen Farben 
Line nur nlich schiilückt, 
Brauch' ich nicht zu darbeil, 
Bin ich schon beglückt. 
Mit der einen Farbe 
Mal' ich inir den Lag — 
Bis ich einer Garbe 
Gold erraffeil mag. 
Karl ernst Knoclt. 
Zwei Wlnterlieder. 
Lr schüttelte Blüthen oft in mein Haar, 
Nun steht er so kahl, wie der Trauin, der einst war — 
Mein Lindenbaum vor der Stadt. 
Ein Windzug geht durch's Geäst, und er treibt 
Mir zn Füßen, wo regenschwer liegen es bleibt — 
Das letzte Blatt. 
Ich keime ein Buch, das ungedruckt blieb, 
Weil es init eigenein Herzblute schrieb, 
Wer selbst erlebt es wohl hat. 
Doch das Herzblut ging aus, und init Thränen daim 
Beschrieb er, so Niemaild es lesen mehr kann, 
— Das letzte Blatt. 
Die Wiilterstüriile, die grausamen, herben, 
Sie sind über's Land mm hinsausend gebrochen 
Und jauchzen das Lied, das von siecheil und sterben 
Die Adern vereist und das Mark in deil Unochen. 
Wohl bergen in Schnee sie Gras, Feld und Gefteiil, 
Doch sie hüllen die frierenden Seelen nicht ein. 
Durch die Wälder klingt hohl nur der Schlag noch der 
Aerte; 
Man braucht gar viel Holz wohl für Bretter von 
Särgen ... 
Wer ist's? Ach, ich wollte, ich wäre der Nächste, 
Und man sargte in Holz mich von heimischen Bergen: 
Lin Sänger, ein fahrender, sehnt sich zur Ruh'. 
Und mein Berz, das war Euer. Deckt es druni zu! 
U. 3ordan, Mexico.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.