Full text: Hessenland (15.1901)

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Gin Hesse in Königsberg im 16. Jahrhundert. 
Von Karl Knet sch. 
m 28. Oktober 1566 erlebte Königsberg den 
letzten Akt einer Tragödie, die drei der ein 
flußreichsten Männer am herzoglichen Hofe ans 
dem Schaffot enden ließ. Dieses Trauerspiel war 
der Abschluß eines für das kaum zwei Menschen 
alter bestehende Herzogthnm Preußen höchst be 
wegten Zeitraumes, einer verhängnißoollen Spanne 
Zeit, in der der altersschwache Herzog Albrecht 
ganz unter dem verderblichen Einflüsse eines Aben 
teurers stand, der es durch List und Verschlagenheit, 
durch äußere Liebenswürdigkeit und höchst sicheres 
Auftreten verstanden hatte, den ersten Platz am 
preußischen Hose und am Herzen des Fürsten zu 
gewinnen und trotz allen Anfeindungen, die er 
überall im Lande fand, trotz allem offenen und 
heimlichen Widerstande jahrelang zu halten. Wir 
wollen uns an dieser Stelle nicht über diesen angeb 
lichen Markgrafen von Verona ans dem Geschlechte 
der Scaliger*) verbreiten, nicht darlegen, wie er 
allmählich durch seinen maßlosen Uebermnth selbst 
seine Stellung untergrub und endlich ans dem 
Lande fliehen mußte, dessen Gastfrenndschast er 
in der schnödesten Weise mißbraucht hatte. Ihm 
selbst gelang es, sich zn retten, seine Genossen er 
eilte das Schicksal. Die aus ihren Aemtern 
durch den fremden Eindringling verdrängten 
alten Obcrrüthe brachten es nach der Entfernung 
des allmächtigen Günstlings fertig, daß den 
pflichtvergessenen „neuen" Räthen der Prozeß ge 
macht wurde. Drei von ihnen, Hans Schnell, 
Matthias Horst und der herzogliche Beichtvater, 
Magister Johannes Funcke, wurden wegen Hvch- 
verraths und anderer Verbrechen znm Tode ver- 
urtheilt. Ihre Häupter fielen am 28. Oktober. 
Ein vierter Anhänger Skalich's, Johann Stein- 
bach, entging nur dem Tode, weil er damals 
schwer erkrankt war, er wurde des Landes ver 
wiesen. Natürlich war ganz Preußen in großer 
Ansregung, lleberall besprach man diese rasche 
und etwas unerwartete Wendung der Dinge. 
*) lieber ihn siehe Johannes Voigt, Paul 
Seal ich, der falsche Markgraf von Verona, v. I. 
(1848). 
Weite Kreise wurden in Mitleidenschaft gezogen. 
Und so traf denn auch das Verhängniß einen 
jungen Mann ans einer damals sehr bekannten 
und angesehenen hessischen Gelehrtenfamilie. 
Dieser junge Magister Adolph Wilhelm 
Nigidius, ein Marbnrger Kind, hatte nach 
Abschluß der Studien den Wanderstab ergriffen, 
um sich die Welt anzusehen und womöglich 
irgendwo sein Glück zu finden. Und so war er, 
wahrscheinlich mit guten Empfehlungen, auch an 
den fernen preußischen Hof nach Königsberg ge 
kommen, und zwar gerade in der Zeit, da die 
Mißwirthschaft aus dem Höhepunkte angelangt 
war. Horst, einer der neuen unter Skalich's 
Einflüsse ernannten Räthe, nahm sich seiner an; 
sein Gesuch um ein Hofamt schien von Erfolg 
gekrönt zu sein, wenigstens waren ihm für die 
nächste Zukunft günstige Aussichten eröffnet. 
Und nun, nachdem er sich schon einige Monate 
unthätig in der Hauptstadt aufgehalten hatte und 
eines günstigen Bescheides harrte, wandte sich das 
Blättlcin. Horst und seine Genossen fielen, und 
ihr Schutzbefohlener stand allein da. Aber er 
hatte als gefährliches Erbtheil der todten Gönner 
den Ruf der Bekanntschaft mit den Hin 
gerichteten überkommen. Er wurde verdächtig. 
Und da er sich durch eine erneute drängende 
Supplik wegen der versprochenen Anstellung un 
angenehm bemerklich machte, benutzte man die 
erste Gelegenheit, die sich bot, um sich den 
lästigen Bittsteller vom Halse zu schassen. Eines 
Tages, als er in dem Altstüdtischen Junkergarten 
mit anderen jungen Leuten am Biertische über das, 
was Stadtgespräch war, auch seine Meinung 
abgegeben und weidlich politisirt hatte, wurde er 
von den herzoglichen Häschern gegriffen und in's 
Gefängniß geworfen. Es handelte sich um eine 
Verschwörung gegen den Dr. Christoph Jonas, 
einen der Hauptgegner der gestürzten Räthe, von 
der unser Magister Adolph im Wirthshause ge 
hört und etwas leichtfertig anderen Leuten weiter 
erzählt hatte. Natürlich kam er dadurch selbst 
in Verdacht, und seine Neugierde und Schwatz 
haftigkeit brachten ihn in schwere Bedrängnis;.
	        

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