Full text: Hessenland (15.1901)

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Die Großmutter machte sich indessen draußen zu 
thun. Di-. Reichel kam ihr heute anders vor als 
sonst — er blickte inniger auf Magda — vielleicht 
hatte er ihr doch etwas zu sagen, und sie — sie 
wollte ja nichts als ihres Kindes Glück. Die 
Beiden hatten indessen stiller als sonst beieinander 
gesessen. Magda fehlte nichts, wenn Kurt Reichel 
da war, auch wenn er nichts sagte; sie war heute 
ganz besonders ausgefüllt, bis in"s innerste Herz 
hinein. Selbst wenn er ihr von der Welt da 
draußen, von den Gesellschaften und dem Glanz 
erzählte, lauschte sie mehr dem Ton seiner Stimme, 
als dem, was er sprach. Sie fühlte den Glanz 
seiner Angen, die aus ihr ruhten, die Wärme, die 
von ihm ausstrahlte, und das machte sie glücklich. 
„Ich sann nun auch ganz geläufig französisch 
sprechen, Herr Doktor," sagte sie unter Anderm. 
„Französisch? Hatten Sie dazu Zeit?" 
„Ich habe sie mir abgequält. Im Vorderhause 
wohnt eine junge französische Lehrerin, die hat 
mir Unterricht ertheilt. Auch Englisch treibe ich 
mit ihr." 
Magda war so leuchtend und schön, während sie 
sprach, daß Reichel den Blick nicht von ihr wenden 
konnte; die zarte Blässe ihres Gesichtes war rosig 
angehaucht, der Ausdruck träumerisch verklärt. 
„Sie wollen doch nicht Ihre künstlerischen Meister 
werke", fragte er, ohne eigentlich bei der Sache zu 
sein, „mit Sprachunterricht vertauschen?" 
„Nein, daran habe ich nicht gedacht — aber es 
macht mir Freude, auch noch etwas Anderes zu 
können." 
Wie schade, dachte der Doktor, daß ihre Mutter 
so herunterstieg und einen gewöhnlichen Elementar 
lehrer heirathete, und die Familie schließlich ver 
armte — sie wäre eines besseren Looses werth. 
Und doch — war sie nicht glücklich? Glücklicher 
und harmonischer als alle die Andern, mit denen 
er verkehrte? 
Er senkte das Gesicht und verlor sich in Gedanken- 
labyrinthe, die seinem Ausdruck etwas Gequältes 
gaben. 
„Haben Sie etwas Unangenehmes erlebt, Herr 
Doktor?" fragte die Großmutter, als sie wieder 
in"s Zimmer trat und ihn in dieser Versunken 
heit sah. 
„Nein, aber es giebt Verhältnisse, die aus uns 
lasten, bis sie geordnet sind." 
„Ja, ja," nickte die alte Frau, „wenn man nur 
immer ein bestimmtes Ziel dabei im Auge hat." 
Der Doktor sagte nichts, nur seine Augen hingen 
an Magda. 
Und die Zeit verging — schweigsam, auch während 
des Abendbrotes, welches der Doktor allwöchentlich 
mit ihnen theilte. 
Als er sich dann, etwas später als sonst, zum 
Fortgehen rüstete, blieb er mitten im Zimmer eine 
Weile stehen, bevor er das rechte Wort fand. 
„Es dürste lange dauern, liebe Frau Brückner," 
sagte er dann endlich zur Großmutter, „bis ich 
einmal wieder einen so stillen harmonischen Abend 
mit Ihnen verleben werde. — Ich — ich habe nun 
doch die Absicht, nach Italien zu gehen — etwas 
Kunst stndiren — das dürre Leben, es füllt mich 
nicht aus — genügt mir nicht." 
„So — nach Italien — merkwürdig, daß Sie 
nie davon gesprochen haben." 
„Nein, ich habe mich auch erst kürzlich entschlossen." 
Und dann verstummten alle^ 
„Der Abschied wird mir sehr schwer," sagte der 
Doktor endlich, „sehr. Sie schreiben mir wohl 
einmal, Frau Brückner — ich habe mich hier 
immer wie zu Hause gefühlt." Es lag etwas 
Gedrücktes, Leidendes in seiner Haltung, als er 
Magda die Hand zum Abschied reichte. 
Frau Brückner geleitete ihn bis zur Hausthüre. 
Als sie zurückkam, stand Magda noch auf derselben 
Stelle. Sie fror, ihre Lippen bebten. 
,,Komm, Liebling, geh" zu Bett," sagte die Groß 
mutter innig, den Arm um des Kindes Nacken 
legend, „Du frierst." 
„Ja, Großmutter, ich friere, es ist mir, als 
könnte ich nie mehr warm werden im Leben — 
nie — nie mehr." 
Und sie schlich, von der Großmutter Arm gestützt, 
in die Kammer. — — — 
Dr. Reichel ging inzwischen durch die naßkalter: 
Straßen und dachte an die Gräsin Lara —• sie 
hatte ihm eigentlich schon halb und halb ihr Ja 
gegeben. Noch vor einem Jahre hätte er an diesen 
Ausgang kaum zu denken gewagt — und heute! 
Es war ihm doch merkwürdig geglückt, sich ohne 
Namen, ohne Stellung, ohne Reichthum empor zu 
schwingen! Es kam etwas wie ein Rausch über 
ihn, es war ihm zu Muthe wie dem Darbenden, 
der zum ersten Btale Champagner schlürft und 
nichts von dem Kater ahnt, der dem Rausche folgt. 
Nachts aber träumte er merkwürdiger Weise von 
Magda, von dem stillen Frieden ihres Seins, von 
den weißen, zarten Händen, die mit Reseden, 
Primeln und Veilchen spielten, von ihren ver 
träumten Augen, die ihm einen Einblick in ihr 
phantastisches Künstlersein gaben, so voller Poesie. 
Gestaltungsfähigkeit und Liebe! Und dann sah 
er das weiße Rosenkissen der jungen Todten — 
und es war ihm plötzlich, als wäre es Magda's 
Kops, der starr und leblos auf demselben ruhte. 
Ein sonderbarer Traum — er schüttelte ihn ab, 
aber er fror. Und dann, am Morgen, schrieb er 
einen langen Brief an die Gräfin Lara, heiß und
	        

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