Full text: Hessenland (15.1901)

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tember 1851 auf die Festung Spangenberg ab 
geführt, ein Schicksal, welches er in damaliger 
Zeit mit vielen Ehrenmännern des Landes getheilt 
hat. Daß feine Ehre in den Augen der Bürger 
schaft nicht gelitten hatte, zeigte der Umstand, 
daß ihm bei seiner Rückkehr nach Kassel die 
städtischen Behörden einen silbernen Becher über 
reichten mit der Inschrift: 
Ikr6m Oberbürgermeister H. W. Hartwig, 
dem Märtyrer der gerechten Sache, nach drei 
monatlicher Festungshaft der Stadtrath und 
Bürgerausschuss von Kassel. 
Den 10. Dec. 1851. 
Die Negierung ließ auf den Becher fahnden; 
Haussuchungen, Vernehmungen fanden statt, eine 
förmliche Untersuchung wurde eingeleitet, jedoch 
ohne Erfolg. Allein der städtische Ausschuß wurde 
aufgelöst und die Stadtrathsmitglieder suspendirt. 
Hartwig wurde gezwungen, die deshalbigen Ver 
folgungen selbst vollziehen zu helfen. So mußte 
er gezwungen, mit schwerem Herzen Manches aus 
führen, wie Ablieferung der Fahnen und Signal 
instrumente der Bürgergarde. In dem neu 
gebildeten Landtage erlangte er geraume Zeit 
keinen Sitz. Erst seit 1860 gehörte er der 
zweiten Kammer an, und nach Wiederherstellung 
der Verfassung von 1831 im Jahre 1862 kam 
er ebenfalls in den Landtag, in dem er bis zu 
seinem plötzlichen Tode am 1. März 1863 verblieb. 
Der Vorsitzende des Landtags, Vizebürgermeister 
Nebelthau, theilte am folgenden Tage tiefbewegt 
demselben die Trauerkunde mit und schilderte den 
Verstorbenen in seiner Rede als einen Mann, in dem 
Herzensweichheit und Seelenstärke, Freundlichkeit 
und Ernst, Friedensliebe und unerschütterliche 
Festigkeit, fast ängstliche Fürsorge und Heldenmuth 
zur rechten Zeit sich die Wage hielten und dessen 
ihm zur Last gelegte Verbrechen die Geschichte 
einst Vaterlandsliebe und Verfassungstreue nennen 
würde. Am 5. März 1863 fand unter großer 
Theilnahme der Bevölkerung die feierliche Bei 
setzung statt, bei welcher Pfarrer Schraub von 
der Oberneustädter Gemeinde die Leichenrede hielt. 
Ein Denkmal von Stein ist diesem Ehrenmann 
in dem Orte seiner Thätigkeit noch nicht gesetzt 
worden, aber wohl lebt er im Herzen der Kasseler 
Bürgerschaft fort, und der Zweck dieser Zeilen 
würde erreicht sein, wenn zunächst der einfache 
Grabhügel, welcher die Gebeine von Hartwig 
und seiner treuen Gattin umschließt, die ihm 
noch in demselben Jahre (29. Oktober 1863) folgte, 
eine des verdienstvollen Mannes würdige Aus 
schmückung findet. G. -Zr. 
Verwehf. 
Von H. Keller - Iorda n. 
(Schluß.) 
e^n einem weißen Rückgebüude mit grünen 
J Jalousien, in der Lindenstraße, an dessen 
Fenster die Morgensonne ihr Gold in die Geranien, 
Reseden und Rosen warf, wohnte eine alte Dame 
mit ihrer Enkelin. Die Insassen des Vorderhauses 
grüßten sie artig, wenn sie sich begegneten, wußten 
aber nicht recht, wo sie dieselben hinthun sollten. 
Die Beiden lebten zu einfach und zurückgezogen, 
um zu ihnen zu gehören, und schienen doch zu 
sein und gebildet für den niederen Stand zu sein. 
Da hinten in den einfachen Zimmern da wohnten 
die beiden stillen Menschen, die, in ihrer Arbeit 
versunken, sich nicht zu kümmern schienen um das, 
was da draußen in der Welt lachte, weinte und 
jubelte. Die alte Frau mit den weißen Haaren 
und dem von fernen Leiden sanft verklärten Gesicht 
wollte nichts, mehr vom Leben; sie lebte für ihr 
Enkelkind. Wenn sie über ihren Stickrahmen ge 
beugt ihre Augen auf dieselbe richtete, die zwischen 
ihren Blumen an dem großen hölzernen Tische 
saß, dann ging ein stiller Glanz über ihre Züge. 
Es war ein schönes, sanftes Madonnengesicht, dem 
sie da begegnete, mit großen braunen leuchtenden 
Augen, denen man es ansah, daß das Mädchen, 
obschon es von dem Leben so wenig wußte, doch 
.eine Welt, eine selbst erdichtete und erträumte, in 
sich trug. 
Da sie die Eltern früh verloren, hatte Magda 
nichts gekannt als die fürsorgliche Liebe der Groß 
mutter, die ihre schützende Hand über sie hielt, um 
sie vor allem dem zu bewahren, was sie selbst 
erduldet hatte. 
, Das Mädchen war eine Künstlerin — sie machte 
Blumen, wie niemand sonst, lebendig scheinende, 
duftende, als seien sie in Wald und Wiese ge 
wachsen. Das schlanke Kind, dessen Blüthen durch 
die halbe Welt gingen, wußte nichts von den 
Schicksalen derselben, aber sie erträumte sie sich — 
sie träumte und phantasirte, wie ihre Rosen, 
Chrysanthemen und Magnolien in Prunkgemächern 
leuchteten, in Boudoirs dufteten und auf stillen 
Gräbern verblaßten. „Loose, wie die der Menschen,"
	        

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