Full text: Hessenland (15.1901)

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„Nicht mehr als Sie. Aber die Dame des 
Hauses, Frau v. Bohse. die schwärmt für ihu uud 
keimt sicher die Ergebnisse seiner Gedanken- 
versnnkenheit. Ich meine, es muß schon Talent vor 
handen sein, wenn man ohne Namen und Stellung 
es versteht, mit Prinzen und Grafen befreundet 
zu sein." 
„Ter Herr ist wohl Dichter — Schriftsteller?" 
fragte der Maler. 
„In erster Linie Denker", gab der Medizinal 
rath zurück. 
„Denker?" 
„Ja — Denker. Tie Welt staunt ihn mit 
Recht an", fuhr er mit dem ernstesten Gesicht 
fort, „stellen Sie sich vor ein Denker mit dunkeln 
Faustischen Angen und der obligaten Blässe — 
ein Denker, der seine Gedanken niemals preisgiebt, 
ein Denker, der selbst in den glänzendsten Salons, 
in der heitersten Gesellschaft ernst und überlegen 
schweigt — und nur zuweilen eine geistreiche Be 
merkung — selbst wenn sie annektirt wäre - über 
die sonst sestgeschlossenen Lippen bringt, hat der 
nicht Talent — ein eminentes, und braucht er 
sonst noch etwas? Der Kopf wäre ein Studium 
für Sie, Herr Paul Gilbert." fügte er dann 
lächelnd hinzu, „vielleicht erzählt Ihnen Frau 
v. Bohse, daß die geistreiche junge Wittwe, dort 
im Sessel, die Comtesse Lara. für ihn schwärmt. 
Sie ist Schriftstellerin und tonnte möglicherweise 
die Gedanken ergründen. die man bis jetzt nur 
geahnt und schon bewundert hat. Ans Wiedersehn, 
meine Herren!" 
Indessen lehnte Dr. Reichel noch immer unter 
dem Wandlüster, dessen bleicher Schein über sein 
Gesicht siel und die seinen Linien desselben ver 
schärfte. Zuweilen näherte sich ihm ein Herr oder 
eine Dame der Gesellschaft, richtete ein paar 
flüchtige Worte an ihn. die er in verbindlicher 
Weise zu erwidern schien. -- — — — — — 
„Sehn Sie dort Di-. Reichel, unsern schönen 
Träumer," sagte der Medizinalrath zu der Taine 
des Hauses, neben welcher er sich behaglich in 
einen Sessel niedergelassen hatte, „ich wette, er 
sinnt wieder über die tiefsten Probleme — vielleicht 
über eine zweite Hedda Gabler, die nicht nur in 
Schönheit sterben möchte, sondern auch in Schönheit 
anserstehn — oder über ,Einsame Menschen', die 
sich gegenseitig ahnen, sich aber nicht finden mögen, 
weil sie die profane Wirklichkeit verachten." 
„Mephist, der Sie sind", lachte Frau v. Bohse, 
ihm mit dem Fächer ans die Hand klopfend. 
„Sie sind und bleiben ein unverbesserlicherMaterialist, 
der für solche Naturen wie die des armen Reichel 
kein Berständniß hat. Sie wissen, lieber Medizinal- 
rath. ich bin über die Jahre der Schwärmerei 
und Gefühlsduselei hinüber und urtheile in nüchterner 
Beschaulichkeit — und ich versichere Ihnen, Dr. Reichel 
ist kein gewöhnlicher Mensch." 
„Wer wollte das behaupten, gnädige Frau, ich, 
der ich ihn so wenig kenne, gewiß am aller 
wenigsten: ich achte jede Individualität, auch eine 
solche, die mehr scheint als sie ist. Das paßt 
vielleicht am besten in unsere Zeit." 
„Dr. Reichel gehört zu den Mensche», die leicht 
über- und noch leichter unterschätzt werden, lieber 
Freund", sagte Frau v. Bohse, ernst geworden, 
„aber es ist doch etwas in ihm, selbst wenn er 
es nie verausgaben sollte. Eine schöne, interessante 
Erscheinung, die vielleicht mehr verspricht als sie 
halten kann, dazu eine seine Psyche mit schönheits- 
dnrstiger Hinneigung 311 aristokratischer Atmo 
sphäre bei sittlichem Wollen und weichem, liebe- 
bedürftigem Herzen. Das giebt einen gewissen 
Zwiespalt mit der eigenen Stellung und macht 
pessimistisch." 
„Mir scheint, er ist nach keiner Richtung das, 
was er sein möchte", entgcgnete der alte Herr, 
„seine Begabung entspricht offenbar nicht seinem 
Wollen." 
„Seine Begabung liegt vielleicht da, wo er sie 
nicht sucht", gab die Dame zurück, „man findet 
diesen Zwiespalt oft bei leidensfähigen tiefen Naturen, 
und leidensfähig ist unser armer Doktor." 
„Man sagt, daß er sich um die Hand der 
Gräfin Lara bemühe, das wäre hoch gegriffen, 
da dürste er wohl kaum reüssiren." 
„Vielleicht wäre das kein Unglück", erwiderte 
die Baronin, „sie passen herrlich zusammen in 
der Gesellschaft — sie redet — er schweigt — 
aber in einer Ehe mit allen ihren Ansprüchen, 
Miseren und Schwierigkeiten, da braucht es andere 
Faktoren. Hoffen wir, daß sie ihnc einen Korb 
giebt, lieber Freund." — 
Trotz den Vermuthungen der Frau v. Bohse, 
daß Dr. Reichel sich um die geistreiche Gräfin 
Lara bemühe, stand derselbe noch immer neben 
dem Lüster und hatte sich ihr nicht genähert. 
Als man etwas später zu Tische ging, sah sie sich 
vergebens nach ihm nm und legte dann ihre Hand 
gähnend ans den Arm des Grasen Breda, eines 
saden Menschen, wie sie ihn tarirte, der immer 
gerade die Dame umschwärmte, die in der Mode 
war. Gräfin Lara war klug und wußte das - - 
sie hatte auch Temperament genug, nm ihn zu 
nehmen, wie er war, denn es gab Stunden, wo 
sie ihn brauchte. 
Jndesseic hatte sich Dr. Reichel mit einer Ent 
schuldigung bei der Frau des Hauses verabschiedet 
und war. in seinen Pelzrock gewickelt, leise die 
Treppen hinuntergegangen. Er war nicht in der
	        

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