Full text: Hessenland (15.1901)

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Göttinger angreifen oder beschädigen sollte und 
nahm nur seine bisherigen Verbündeten aus. 
Der Rath der Stadt stellte dem Landgrafen eine 
entsprechende Gegenurkunde aus. Schon vor dem 
Ablause der zehn Jahre kamen die Göttinger in 
die Lage, dem hessischen Fürsten Heeresfolge zu 
leisten. Obendrein war es ein braunschweigischer 
Herzog, Heinrich von Calenberg-Grubenhagen, 
den sie bekämpfen halfen. Sie führten dem Land 
grafen zwei neue Geschütze zu und nahmen an der 
erfolglosen Belagerung der Burg Grubenhagen 
Theil. 
Der Schutzvertrag zwischen Hessen und Göt 
tingen wurde von da ab ziemlich regelmäßig 
erneuert. Mit Ludwig's I. Nachfolger, dem Land 
grafen Ludwig II., blieb die Erneuerung aller 
dings zunächst nur Entwurf, denn gerade in dem 
Jahre, als der Vertrag verlängert werden mußte, 
brach Krieg zwischen beiden Theilen aus, indem 
die Göttinger der Stadt Eimbeck gegen Ludwig II. 
beistanden. Der letztere Landgraf lebte in Zwie 
tracht mit seinem Bruder Heinrich III., und 
Göttingen ergriff die Partei des jüngeren Prinzen. 
Bei einem Einigungsversuche ward bestimmt, daß 
das Schirmrecht über die außerhessischen Städte 
beiden gemeinsam sein sollte. Das war nicht bloß 
eine Frage der Macht und der Ehre, sondern auch 
eine Geldfrage, denn Göttingen und Northeim 
bezahlten zusammen gegen 300 Gulden Schutzgeld. 
Nach Ludwig's II. Tode wurde Landgraf Hein 
rich III. alleiniger hessischer Beschirmer Göttingens. 
Als dann Wilhelm der Aeltere zur Regierung 
kam, schickte die Stadt (1483) zwei Rathsherren 
an ihn ab mit der Bitte um fernere Gewährung 
des Schutzes. Der Landgraf gelobte benfelben 
und fügte hinzu, die Göttinger dürften im Hessen 
lande unbehindert und unbekümmert verkehren, 
ohne daß sie mehr als den gewöhnlichen Zoll und 
das Geleitsgeld zu entrichten brauchten. Aus diese 
Zusage hin erhielt er von der Stadt hundert 
Gulden „als Freundschaftsgabe" (Io leffmode). 
Später wurde die jährliche Zahlung auf zwei 
hundert Gulden und zwei Faß Bier erhöht. 
Da Wilhelm's des Aelteren geistige Verfassung 
-nicht zum besten bestellt war, und Zweifel an 
seiner Regierungssühigkeit auftauchten, so trat 
Göttingen zu seinem Bruder, Wilhelm dem 
Mittleren, in ein Schutzverhältniß. Hierbei wurde 
bestimmt, daß der Landgraf im Falle der Kriegs 
noth der Stadt mit 50 Reisigen beispringen 
sollte, die Stadt dem Landgrafen mit 20. Nun 
gerieth Göttingen aber wenige Jahre danach (1498) 
in eine sehr übele Lage, denn zwischen seinem 
eigentlichen Landesherrn, dem Herzoge Erich I. von 
Calenberg-Göttingen (1495—1540), und dem 
hessischen Landgrafen, Wilhelm dem Mittleren, 
brach eine Fehde aus. Der Herzog forderte von 
den Bürgern der Stadt, sie sollten mit ihren 
Büchsen in seinem Heerlager erscheinen. Die 
Göttinger dagegen beriefen sich aus ihr Schutz 
verhältniß zum Landgrafen, das dem Herzoge 
doch bekannt wäre. Längere Zeit wurden Ver 
handlungen zwischen Erich und dem Stadtrathe 
gepflogen, aber keine Partei wich auch nur einen 
Schritt von ihrem Standpunkte. Der Herzog 
machte mit Recht seine Eigenschaft als ange 
stammter Landesfürst geltend, die Göttinger wären 
daher als Unterthanen von Natur und Rechts 
wegen mehr ihm als dem Landgrafen zum Bei 
stände verpflichtet. Die Bürger lehnten es mit 
Entschiedenheit ab, gegen einen Verbündeten zu 
kämpfen, dagegen machten sie schließlich die Ein 
räumung, sie wollten Erich I. Wagen stellen und 
seine Burgen besetzen, damit alle seine Mannen 
für den Krieg verfügbar wären. Wilhelm der 
Mittlere hielt es für geboten, gleichfalls an den 
Göttinger Rath zu schreiben, den Streitfall aus 
führlich auseinanderzusetzen und die Erwartung 
auszusprechen, daß die schutzverwandte Stadt sich 
nach Billigkeit und Gebühr halten würde. Allem 
Anscheine nach täuschte sich der Landgraf in seiner 
Hoffnung nicht. Die Göttinger blieben fest, ob 
wohl Herzog Erich I. zeitweilig bei Harste, also 
in der nächsten Nähe der Stadt, sein Kriegslager 
hatte. Nach Abschluß eines Vergleichs zwischen den 
feindlichen Fürsten erneuerten die Göttinger den 
damals achtjährigen Schutzvertrag mit Hessen (1500) 
und dehnten ihn auf 12 Jahre aus. Insonder 
heit erlangten sie, daß ihren Kaufleuten im 
Hessenlande stets nur der gewöhnliche Zins und 
Zoll abgenommen, und ihre Waarenzüge geschützt 
wurden. Im Kriegsfälle sagten sie sich gegen 
seitig Beistand zu. Wenn Göttingen belagert 
würde, gelobte Wilhelm Entsatz und Zuführung 
von Speise, auch Oeffnung der Straßen, die etwa 
verlegt wären. Ausgeschlossen war die Hülse 
leistung gegen den Papst, den Kaiser und die Ver 
bündeten beider Theile, auf göttingischer Seite 
besonders gegen Herzog Wilhelm von Braunschweig. 
Obgleich die Stadt erst zwei Jahre vorher (1498) 
mit Herzog Erich I. ein Schutzbündniß geschlossen 
hatte, so wird man doch nicht fehlgehen, wenn 
man annimmt, daß gegen diesen, den Landesherrn, 
der hessisch-göttingische Vertrag zum Theil gerichtet 
war. Gewiß ward Erich I. dadurch bewogen, 
in einigen Streitfällen mit der Stadt nachzu 
geben. Denn schon zwei Monate später legten 
Btschos Berthold von Hildesheim und Abgesandte 
der Städte Hildesheim, Hannover, Eimbeck und 
Northeim die Zwistigkeiten zwischen dem Herzoge
	        

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