Full text: Hessenland (15.1901)

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Güttingen und Schweinfurt unter hessischem Schuhe.^ 
J e mehr die deutschen Städte gegen Ende des 
Mittelalters aufblühten, je mehr ihr Handel 
an Werth und Ausdehnung zunahm, desto bitterer 
empfanden sie auch die allgemeine Unsicherheit, 
die ihnen einen guten Theil des Gewinnes entriß. 
Aber es waren nicht allein die Räubereien der 
adligen und unedelen Schnapphähne, die den 
Kaufleuten einen unerwünschten Aderlaß bereiteten, 
sondern auch die unzähligen Zollschranken der 
kleinen Fürsten, das' Lagerrecht mancher Städte, 
und wie die Belästigungen sonst noch genannt 
wurden; alles dieses hinderte und schädigte Handel 
und Wandel. 
Die Städte suchten sich natürlich dagegen zu 
schützen. Sie vereinigten sich zu großen Bünd 
nissen, von denen die Hansa am erfolgreichsten 
und berühmtesten geworden ist. Allmählich über 
kamen sie zu der Einsicht, daß es ebenso Vortheil- 
haft wäre, auch benachbarte Landesfürsten zu 
ihrem Schutze zu verpflichten. Sie schlossen darum 
mit denselben Verträge, in denen ihnen und ihren 
Bürgern Beistand in Gefahr und womöglich auch 
ihren Kaufleuten ungehinderter Verkehr und Zoll- 
erleichterung zugesagt wurde. Dafür versprachen 
dann die Städte ein jährliches Schutzgeld und 
Hülfe in den Kriegen des Fürsten. Für die un 
abhängige Stellung des damaligen Bürgerthums 
ist es bezeichnend, daß nicht nur freie Reichsstädte 
solche Schutzverträge abschlössen, sondern auch 
größere landesunterthänige Städte und zwar 
augenscheinlich, ohne die Erlaubniß ihres eigenen 
Landesfürsten einzuholen. 
Für eine Reihe von Städten waren die 
hessischen Landgrafen, sobald sie größere 
*) Benutzte Quellen: Göttinger Urkundenbuch, II. Theil 
(1401—1500) von Schmidt. III. Theil (1500—1533) 
von Hasselblatt und Kästner. — (Enden), 
Zeit- und Geschichtsbeschreibnng der Stadt Göttingen. 
3 Theile. 1734/6. — Erdmann, Geschichte der Göttinger 
Kirchenreformation. 1888. — Sixt, Reformationsgesch. 
von Schweinfurt. 1794. —■ Stein, Monumenta Suin- 
furtensia. 1874. — Beck, Magister Joh. Sutellius. 
1842.— T sch ackert, Johann Sutel. 1897.— Rommel, 
Geschichte von Hessen. 2., 3., 4. Theil. — Rübsam, Fuldaer 
Regesten 1288—1313, in der Ztschr. f. Hess. Gesch. N. F. 
IX, 138 ff. 1882. 
Nachdruck verboten. 
Macht und höheres Ansehen errungen hatten, 
beliebte Schutzherren. Landgraf Ludwig der Fried 
same (1313—58) besaß eine so hervorragende 
Stellung, daß einige deutsche Fürsten ihn sogar 
zum Kaiser erwählen wollten. Seinem Schutze 
unterwarfen sich daher, außer den Abteien Hers 
feld an der Fulda und Korvei an der Weser, 
die Städte Hersfeld, Salzungen, Nordhausen, 
Erfurt, Mühlhausen, sowie Schweinfurt und 
Göttingen. Die hessische Schirmherrschaft über 
die letzteren beiden Städte zeigt neben mehreren 
merkwürdigen Ähnlichkeiten auch scharfe Unter 
schiede und mag deshalb hier neben einander kurz 
dargestellt werden. 
Göttin gen war den braunschweigischen 
Herzögen von Calenberg-Göttingen, aus dem Hause 
der Welfen, unterthänig. Seitdem aber Herzog Otto 
der Quade auf den Streitäckern bei Rosdorf (1387) 
die starke Faust der Göttinger Bürger gefühlt 
hatte, gingen die Fürsten an der Leine einem 
offenen Kampfe mit der Stadt möglichst aus dem 
Wege. Göttingen, damals der volkreichste und 
mächtigste Ort des ganzen Herzogthums, selbst 
Hannover überlegen, nutzte seine Stellung gehörig 
ans. Es wurde Mitglied der Hansa und gewann 
bei den Kaisern solche Beachtung, daß es öfter 
zu den Reichstagen geladen wurde, als ob es eine 
Reichsstadt wäre. Als das Reich freilich Ansprüche 
an den städtischen Geldsäckel erhob, berief man sich 
auf die Erbunterthänigkeit unter das Haus Braun 
schweig. Mit den benachbarten Städten, Nort 
heim, Eimbeck, Goslar, Braunschweig und anderen, 
schlossen die Göttinger immer von neuem Bünd 
nisse zu gegenseitigem Schutze. Vielfache Räubereien 
auf den Landstraßen und Zollplackereien, zumal 
im Lüneburgischen, nöthigten dazu. Zu größerer 
Sicherheit begab man sich unter den Schirm des 
Bischofs von Hildesheim und ging, was uns am 
sonderbarsten vorkommt, mit dem eigenen Landes 
herrn einen Schutzvertrag ein. 
Unter diesen Umständen war es kein großes 
Wagniß, auch mit dem Landgrafen Ludwig von 
Hessen (am 31. Dezember 1440) ein Bündniß 
auf zehn Jahre zu verabreden. Ludwig verhieß 
Hülfe für den Fall, daß iraend iemand die
	        

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