Full text: Hessenland (15.1901)

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Kessrsctze Wücherrsctzcrir. 
Fischer, W. A. König Heinrich's Söhne. Er 
zählung aus der Jugendzeit Otto's des Großen. 
Stuttgart, D. Gundert. 1901. 480 S. 8". 
Gebunden in Leinwand 5 Mark, elegant mit 
Nothschnitt 5.50 Mark. 
Es ist doch hübsch, daß die großen Gestalten 
des Mittelalters, an denen das wissenschaftliche 
Interesse unter dem Einfluß der Moderne in der 
Geschichtschreibung allgemach erlahmen zu wollen 
scheint, immer wieder die dichterische Phantasie 
wachzurufen und sich den Goldreif zauberischer 
Romantik in's Haar zu flechten wissen, den die 
trockene Forschung pur sauZ ihnen nicht mehr 
allzu willig zuerkennt. Und doch: eine kleine 
episodenhafte Notiz aus einer wichtigen historischen 
Epoche, zu guter Stunde aufgegriffen, mit dichterischer 
Wärme und psychologischem Verständniß ausge 
sponnen und einem historisch möglichst getreuen 
Gesammtbilde organisch einverwoben — wer wüßte 
nicht aus unserer H. Brand reizvollen Geschichten 
ans dem Hessenlande, wie das sich seine Stellung 
in Haus und Volk schlecht und recht zu erobern 
versteht? 
Neben die Brand möchte ich W. A. Fischer- 
stellen : auch eine hessische Landsmännin. Sie 
führt uns an den Hos des ersten Sachsenkönigs, 
wo gegen den zur Thronfolge bestimmten Königs 
sohn Otto brüderliche Mißgunst ihre Gewebe zieht, 
in das deutsche Neuland an der Elbe, wo aus den 
Wendenkämpsen des Königs mit plötzlicher Natur 
gewalt der unbesonnene Liebesbund zwischen Otto 
und der Hevellersürstin Woyta aufflammt, dem der 
Wendin Kamps gegen Otto's Volk und Gott in 
der Schlacht bei Lenzen ein Ende macht. Durch 
seine Vermählung mit der schönen und sanften 
Angelsächsin Editha befestigt Otto seine kron- 
prinzliche Stellung; aber daß die Brüder noch 
nicht endgültig mit ihm abgerechnet haben, läßt 
der vorliegende Band erkennen, dem also wohl noch 
eine Fortsetzung folgen dürste. 
Der unleidliche historische Kritiker wird im 
Einzelnen vielleicht mancherlei an dem Buche aus 
zusetzen haben. Er wird Manches schief aufgefaßt 
finden (so das Edikt Heinrichs I. über die Städte 
gründung S. 5), er wird dem Stadtgrasen des 
10. Jahrhunderts das Recht aberkennen, eine Neu 
gründung mit Ding und Markt auszustatten (S. 11). 
Er wird aber vor allem finden, daß die Ver 
fasserin mit den Jahrhunderten etwas willkürlich 
umgesprungen ist: das 10. Jahrhundert kennt 
weder „Ritter" (S. 7), noch „Anhalter Markgrafen" 
noch Eigennamen wie Christian, Magdalene und 
Ignatius. Indeß solche Versehen laufen ja schließ 
lich in jedem historischen Roman mit unter, und 
die Hauptzüge sind jedenfalls gut getroffen. 
Auch das Verhältniß Otto's zu einer vornehmen 
Wendin, an dem sich unsere Erzählung emporrankt, 
entspricht der geschichtlichen Wahrheit. Allein 
gerade an diesem Punkte will sich unsere ernste 
Kritik gegenüber der Erzählung als Kunstwerk 
regen. Wir wissen nämlich von jenem Verhältniß 
nur, daß ihm ein Sohn entsprossen ist: der spätere 
Erzbischof Wilhelm von Mainz. Hier nun hat, 
offenbar in dem Bestreben, eine inhaltlich einwand 
freie Familienlektüre zu bieten, die Verfasserin es 
sich entgehen lassen, daß in jener historischen That 
sache ein zur höchsten Steigerung des psychologischen 
Konflikts, in dem Otto sich Woyta gegenüber be 
findet, befähigendes Moment verborgen liegt. Daher 
befriedigt auch der Schluß nicht recht. Statt 
eines großen künstlerischen Problems, das zu fassen 
und zu lösen es eines kräftigen und entschlossenen 
Griffes bedurft hätte, sehen wir uns, genau besehen, 
einer Lösung gegenübergestellt, die sophistisch, 
schwächlich und gar nicht hoheitlich ist. Es ist 
Otto's unwürdig, die durch Editha's Bild verdrängte 
Wendin angehört aus willkommene Art als ver- 
rütherisch von sich abzuschütteln, obwohl ein Ver 
rath an seiner Person ihr thatsächlich nicht zur 
Last gelegt werden kann. Woyta dagegen tritt 
uns mit ihren Haarspaltereien als die geriebenste 
Sophistin von der Welt entgegen. Und endlich 
wundert man sich billig über die fixe Skrupel 
losigkeit, mit der die innerlich vornehme und fein 
fühlige Editha ihre Hand in die Otto's legt, die 
von Rechtswegen noch immer der Wendin gehört. 
Der Schluß der Erzählung bedürfte also unseres 
Erachtens bei einer Neuauflage einer vertiefenden 
Umarbeitung. Abgesehen davon aber können wir 
dem Buche unserer Landsmännin nur eine recht 
weite Verbreitung wünschen. Sein Inhalt ist 
gehaltvoll, seine Darstellungsweise edel genug, um 
es empsehlenswerth zu machen. Die ersten Strahlen 
unserer spezifisch deutschen mittelalterlichen Kultur- 
leuchten uns daraus entgegen. Wir sehen, wie im 
Osten unter dem Schutz einer starken Königshand 
das Kreuz aufgerichtet, deutsche Sprache, Sitte und 
Herrschaft verbreitet wird, und dazwischen erklingen 
vom Süden her zum ersten Mal die Mären von 
Siegfried, Brünhilde und den Nibelungen. Vor 
trefflich find die Frauencharaktere geschildert. Mit 
realistischer Treue weiß die Verfasserin ihre Land 
schaften zu malen. Wir wollen es ihr Dank 
wissen, daß sie ihre fleißigen Studien der deutschen 
Vorzeit ihrem Volke in so schön durchdachter und 
ansprechender Form zu bieten nicht unterlassen hat. 
K. K.
	        

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