Full text: Hessenland (15.1901)

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nächsten Tag zu bitten: „Dacht' Ew. Fürstl. Gn. 
konntet mich den andern Tag wol entbehrn". 
Landgraf Wilhelm antwortete: „Sott Ihr ein 
gnedigen Vrlaub haben vnd wo wir Euch künden 
zu gefallen fein, sottet Ihr vns willig spuren",*) 
reichte ihm die Hand und verabschiedete sich auf's 
freundlichste von ihm, während der Graf sich viel 
mals für die genossene Huld bedankte und feine 
Ergebenheit versicherte. Als Wolrad dann durch 
das Schloßthor über die zur Stadt führende Brücke 
schritt, rief ihm ein alter Thorwächter zu: „Herr- 
Graf, gebt uns doch ein Trinkgeld".**) Wolrad 
griff in die Tasche, holte 2 Thaler hervor ^.ind 
sagte: „Weil Ihr wachsam seid und weil in diesen 
Tagen der jüngste Prinz aus diesem Hanse mein 
Verwandter geworden rst, so möge Gott die Ehe 
von Georg und Magdalena segnen und ihr sollt 
zur Erinnerung an diesen Tag 2 Thaler haben. 
Theilt Euch das Geld". Damit warf er die Münze 
aus die Brücke, worauf ein lebhafter Streit unter 
den Thorwächtern entstand, da der alte, der den 
Grafen angeredet hatte, das Geld allein bean 
spruchte. Wolrad kümmerte sich nicht weiter darum 
und schritt gu feiner Herberge. 
Tags darauf, am Mittwoch den 20. August, 
speiste Wolrad mit ben beiden Grafen von 
Mansfeld, Christoph und Ernst, in der Herberge. 
An dem Mahle nahm auch der alte Statthalter 
der Mansfeldischen Grafen Theil, der in sehr guter 
Stimmung war, weil ihm die Grafen in der 
Stadt eine große roth gefärbte Straußenfeder 
gekauft hatten, die er mit großer Würde und 
*) Diese Worte sind auch im Original deutsch. 
**) Eigentlich steht da ein Neujahrsgeschenk: Lti-ena alignoä 
novi anni. Was das aber im August heißen soll, ist 
mir nicht klar. 
Zufriedenheit trug. Nach dem Essen ließ Christoph 
von Mansfeld dem Waldecker keine Ruhe, bis sie 
zur Rennbahn und dem Theater (ad hypodromata 
et theatra principmn) fuhren. Die dort statt- 
sindenden ludi equestres und andere Aufführungen, 
die in Gegenwart der Fürsten und Edlen unter 
dem Auge der weiblichen Gäste des Hofes vor sich 
gingen, scheinen jedoch nicht sehr das Interesse des 
Waldeckers in Anspruch genommen zu haben, denn 
er sagt leider, er habe jetzt weder Zeit noch Lust 
dieselben zu beschreiben, wie er denn ja auch nur 
dem Mansfelder zu Liebe mit hingegangen war. 
Dagegen notirt er gewissenhaft, daß ihm an diesem 
Tage die Magd Katharine, seiner Tochter Anna 
Erica einen Federhalter ans Messing geschenkt habe, 
den sie selbst kurz zuvor aus dem Eselsmarkt zu 
Qnerfnrt für 1 /s Batzen erstanden hatte. Der 
streng lutherisch gesinnte Wolrad bekennt, daß ihm 
diese kleine Gabe der treuen Dienerin mehr werth 
sei als sämmtliche elenden Ablaßbriefe des p68tit'eri 
römischen Pabstes. 
Am Donnerstag den 21. August empfing Wolrad 
in'aller Frühe den Besuch des Dr. Mauritius 
Taurerus, den er wohl wegen seines Augen 
leidens konsnltirte und mit 2 Thalern honorirte. 
Dann ging er zum Schloß, um seine Töchter ab 
zuholen und sich zugleich im Frauenzimmer zu 
beurlauben. In der Stadt verabschiedete er sich 
ebenso von den noch anwesenden gräflichen Ver 
wandten, wobei er die beiden lippischen Grafen 
noch im Bette liegend antraf. Dann sagte er 
seinem Wirthe Adam Landknecht Lebewohl und 
verließ noch vor 11 Uhr die Maliern der fürst 
lichen Residenz, die ihn 6 Tage lang beherbergt 
hatte. Zwischen 6 und 7 Uhr Abends traf er in 
Waldeck ein. 
Airs aZtex uu6 ncvtcx Jert. 
Einige hessische Gedenktage 
NUS dev zweiten Hälfte des Monats Januar. 
Am 16. Januar 1635 Erstürmung der Stadt 
Gelnhausen durch den kaiserlichen General Breda. 
Am 17. Januar 1328 starb Landgraf Otto 
von Hessen, der Sohn und Nachfolger Heinrichs 
des Kindes, 55 Jahre alt. 
Am 17. Januar 1406 starb Margarethe, geb. 
Burggräfin von Nürnberg, des Landgrafen Her 
mann des Gelehrten zweite Gemahlin und Mutter 
Ludwig's des Friedfertigen, zu Gudensberg. 
Am 17. Januar 1523 starb zu Köln Elisabeth, 
Gräfin von Nassau-Dilleuburg, geb. Prinzessin von 
Hessen, Tochter Heinrichs III. 
Am 17. Januar 1458 starb zu Spaugeuberg 
Landgraf Ludwig I. der Friedfertige, einer der 
bedeutendsten Regenten, welche Hessen gehabt hat, 
fast 56 Jahre alt. 
Am 17. Januar 1622 starb Graf Ernst von 
Schaumburg, der Stifter der Universität Rinteln. 
Am 17. Januar 1841 große Ueberschwemmung 
der Fulda, Lahn u. s. w., eine der größten des 
19. Jahrhunderts. 
Am 20. Januar 1814 Abmarsch der ersten 
kurhessischen Truppenabtheilung aus Kassel nach 
Luxemburg in den Feldzug gegen Napoleon. 
Am 21. Januar 1842 starb der großherzoglich 
badische Generallieutenant Ling von Linggenfeld. 
(Vergl. „Hessenland" 1896, ©! 310, 322.)
	        

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