Full text: Hessenland (15.1901)

356 
Meisterin" und „Der Flnrschütz" noch entschiedener in den 
Dienst dieser Richtung gestellt. Wie schwer es ist, eine 
Grenze zu ziehen zwischen Naturalismus und Heimnth- 
kunst, wie sie sich in manchem auf ein Haar ähneln, da 
für liefern Bock's Romane ein interessantes Beispiel. 
Doch ist es dem Verfasser offenbar weniger um den 
Naturalismus als um die Heimathkunst zu thun. Die 
Liebe zur Heimath und genaueste Kenntniß ihres Volkes 
haben hier jene intimen Feinheiten der Naturempfindung 
und Menschendarstellung in die Romane gebracht, ohne 
die wir uns echte Heimathkunst nicht denken können. 
Ihm kam es darauf an, das Seelenleben der Dorfmenschen 
in ihrer vollen Lebenswahrheit darzustellen, ihre Freuden, 
ihr Fühlen und Denken, ihre Konflikte, nicht wie sie von 
außen hineingetragen werden, sondern wie' sie in Wirklich 
keit sind, zu schildern. Dies ist Bock meisterhaft gelungen, 
oft so, daß man glauben möchte, er habe das alles selbst 
mit erlebt, sei von Kindesbeinen an unter diesen hessischen 
Dörflern aufgewachsen. 
Beide Romane spielen in Oberhessen, der erste im Vogels 
berg, der zweite in der Schwalm. Im Mittelpunkt der 
ersten Erzählung stehen die Pflastermeisterin eines kleinen 
Städtchens und ihr Obergeselle Friedmar. Ihre aus rein 
praktischen Gründen geschlossene Ehe hat keinen Segen. In 
Ditkirchen lernt Friedmar die schöne jugendliche Wirths- 
tochter zum Einhorn kennen und verliebt sich in sie. Das 
Verhältniß bleibt nicht ohne Folgen, und Friedmar, der 
sich von seiner Frau scheiden lassen will, stößt hier auf Wider 
spruch von ihrer Seite und von Seiten des Pfarrers und 
kommt dadurch stark herunter. Er ergiebt sich dem Trünke 
und stürzt eines Abends auf dem Heimweg den Ortenbacher 
Steinbruch hinab. — In dem zweiten Roman wird die 
Handlung scheinbar in das Dorf Eschenrod in der Provinz 
Starkenburg verlegt, aber wer Land und Leute in Hessen, 
wer namentlich seine Schwälmer kennt, weiß sofort, wo 
er den Ort der Handlung zu suchen hat, abgesehen davon, 
daß es die Sprache nnt ihren spezifisch mundartlichen Aus 
drücken leicht verräth. Der Flurschütz des Dorfes Eschen 
rod ist eine biedere, kernhafte Natur, aber er hat einen 
leichtsinnigen Sohn, den „Schwalbejakob", der ihm viel 
Kummer bereitet. Als des Flurschützen Frau gestorben 
ist, nimmt er Christine zu sich in's Haus, die ihm 
die Wirthschaft führt. Da sie ihm gefällt, wirbt er um 
sie, erhält aber einen Korb. Zu derselben Zeit kehrt 
Jakob, sein Sohn, der in Düsseldorf die Malerfchule be 
sucht hat, aber wegen seines liederlichen Lebenswandels 
weggejagt worden ist, in's Vaterhaus zurück und trifft 
dort Christine, die von ihm aus seiner Militärzeit ein 
Kind hat, damals aber von ihm im Stich gelassen worden 
ist. Die Liebenden finden sich wieder, der Vater über 
rascht sie und tödtet in leidenschaftlichem Zorn seinen Sohn, 
ohne zu ahnen, daß Jakob der Vater von Christinens 
Kind ist. Während das Dorf in Kirmeslust schwelgt, 
wird der Flurschütz in's Zuchthaus abgeführt. 
In beiden Romanen steckt viel dichterische Kraft und 
Lebenswahrheit. Mit psychologischer Feinheit sind die 
Charaktere herausgearbeitet. Die Pslastermeifterin, Lina, 
Christine. Friedmar, der Flurschütz, Jakob bis hinab zu 
den Nebenpersonen eines Bettelkaspar und narrigen 
Balduin sind genau dem Leben abgelauscht. Die 
Kontraste treten bei Bock oft grell hervor, wie sich dies 
in der „Pflastermeisterin" in der Gegenüberstellung der 
Pfarrers- und Wirthstochter, im „Flurschütz" namentlich 
am Schluß zeigt. Au Abrundung und Vertiefung 
des Stoffes steht der „Flurschütz" entschieden höher. Auch 
in der Technik beweist dieser Roman einen Schritt vor 
wärts. Die Schwälmer mit ihren mannigfaltigen Sitten 
und Gebräuchen, ihren bunten Trachten und ihrer 
urwüchsigen Sprache hat Bock sorgfältig studirt und ge 
treulich zur Wiedergabe gebracht. Es ist unseres Wissens 
der erste kulturhistorische Roman über die Schwalm und 
für die Volkskunde von größtem Werth. Namentlich 
was die Sprache angeht, weiß man fast nicht, was 
höher an dem Werke anzuschlagen ist, der litterarisch 
ästhetische oder der sprachliche Werth. Obwohl der Dialekt 
nicht angewandt, sondern nur markirt ist soft auch da, 
wo es unserer Ansicht nach nicht nöthig war), erhält 
man im Laufe der Lektüre ein vollständiges Wörterbuch 
von Schwälmer Idiotismen. Selbst Schimpfwörter wie 
Schmaguckes, Eiterbisser, Lapps, falsche Krott. Affegunkes. 
Krippenbisser und das alte Schwälmer Kirmeslied fehlen nicht. 
So sind hier zwei Werke aus der Feder eines Hessen 
geflossen, die ganz in hessischer Art und hessischem 
Volksthum aufgehen und ihres kulturhistorischen, wie 
literarischen Werthes wegen gleichviel Beachtung verdienen. 
Wie wir hören, hat Bock, der sich jetzt in bester Schaffens 
kraft befindet, soeben wieder einen hessischen Roman voll 
endet, auf den wir sehr gespannt sein müssen. Wir 
werden auf die Eigenart dieses hessischen Schriftstellers 
gelegentlich noch zurückkommen. W. S. 
Individualitäten von Malwida von 
Meysenbug. 579 S. Berlin und Leipzig 
(Verlag von Schuster L Loeffler) 1902. Preis 
drosch. Mk. 6.—, geb. Mk. 7.50. 
Malwida von Meysenbug's Wesen ist angeborncr 
Idealismus, ein Lebensprinzip, dem wir die geistvollen 
Schriftwerke der Verfasserin verdanken. Eine Reihe der 
herrlichsten Franengestalten tragen das Gefüge ihres 
neuesten geistigen Gebäudes „Individualitäten", freilich 
von zwei stark ausgepräglen männlichen Persönlichkeiten 
flankirt. Die eine dieser letztern ist Nietzsche, die 
andere Mazzini. Es ist wohl nicht ohne Absicht ge 
schehen, daß zwei so entgegengesetzt veranlagte Naturen an 
Anfang und Ende des Buches versetzt sind. Nietzsche kann 
thatsächlich als ein Vertreter des schrankenlosen Indivi 
dualismus gelten, während Mazzini's Individualität das 
volle Aufgehen in dem Gemeinschaftsleben seines Volkes 
bedeutet. Die biographischen Beiträge Malwida von 
Meysenbug's grade für diese beiden Männer sind das 
Werthvollste in dem Buche. Wenn sich da auch manches 
findet, was die Verfasserin schon in früheren Werken ge 
boten hat, so ist doch das Bild beider in dem neuesten 
Buche abgerundeter, und der Werth der Darstellung liegt 
in der persönlichen Bekanntschaft der Schriftstellerin 
mit jenen Männern. Es kam ihr darauf an, bei Nietzsche 
den großen Wendepunkt in seinem Leben als Hauptsache 
klar hervortreten zu lassen, jenes kritische Jahr 1877, wo, 
so zu sagen, unter ihren Augen ans den: maßvollen, 
schönheitsdurstigcn Gelehrten Nietzsche jener rücksichtslose 
Determinist wurde. Die Verfasserin weist darauf hin, 
daß dieser Umschwung bei Nietzsche durch den Einfluß der 
französischen Moralisten herbeigeführt wurde, eine Ansicht, 
mit der man stets als einer fundamentalen wird rechnen 
müssen. — Mazzini dagegen blieb auch unter den härtesten 
äußeren Lebensverhältnissen seinem Ideal treu. Mit ihm 
geistesverwandt sind die russischen Revolutionäre von 1825, 
denen ein besonderes Kapitel gewidmet ist. Mit ganz 
besonderer Sorgfalt ist die Skizze über den Herzog von 
Nivernais ausgearbeitet, ein Stoff, der Malwida von 
Meysenbug so recht in der Feder lag. Den mittleren 
Theil der Buches füllt eine große Reihe weiblicher In 
dividualitäten aus. Und wenn man es auch bedauern muß, 
daß unter den Heroinen des Idealismus nicht eine einzige 
Deutsche sich befindet, so muß man doch über das Geschick 
der Verfasserin staunen, eine solche Auswahl überhaupt 
getroffen und die Auserwählten so trefflich skizzirt zu haben.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.