Full text: Hessenland (15.1901)

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tobten, haben bekanntlich auch unser altes Stammland in 
Mitleidenschaft gezogen, wenn es Hier auch glücklicher 
weise nicht zu solchen Ausschreitungen und Blutvergießen 
kam, wie beispielsweise in Berliiu Im Gegentheil hat 
die ganze Bewegung bei uns, wenn sie auch des Ernstes 
nicht ermangelt, einen grotesk-komischen Zug, und diesen 
Umstand hat denn auch der Herr Autor mit seinem Ver- 
ständniß herausgefunden; denn er spiegelt sich fast Seite 
für Seite in dem vorliegenden Buche wieder. Der Revisor 
Morgelhahn bei der Kurfürstlich Hessischen Steuer- 
verwaltung. ein alter Student, steht in der Mitte der 
Ereignisse; zwei Seelen wohnen in ihm, der Geist der 
Reaktion und jener der Revolution, der Wühlhuber und 
Metternich, beide liegen sich in den Haaren, so lange, bis 
mit dem Eintritt geordneter Verhältnisse der letztere 
obsiegt und der Titularrath als reise Frucht vom 
Schicksalsbaume dem Wohlgesinnten in den Schooß fällt. 
Seine bessere Hälfte hat eine ähnliche Wandlung bereits 
durchgemacht, früher eine begeisterte Auhüngeriu des 
Napoleonkultus, ist sie nun die enragirte Republikanerin 
geworden, sie nimmt, wie alle Helden der damaligen Zeit, 
den Mund gewöhnlich sehr voll, und auch ihre Answärterin 
Utterstätt arbeitet sehr fleißig in derselben Branche, 
marschirt au der Spitze der vom Zeughanssturm heim 
kehrenden Rotten und bethätigt ihren Drang nach Freiheit 
auch sonst ans mancherlei Art. Daneben spielt ein „junger 
hübscher Leutnant vom Leibregiment" die Rolle des An 
beters der bei Revisors wohnenden reizenden Friederike 
und führt sie schließlich nach den üblichen Verwickelungen 
auch heim, wie es für einen humoristischen Roman nicht 
mehr wie recht und billig ist. Auf breitem Grunde ent 
rollt so der Verfasser ein bunt bewegtes Bild der poli 
tischen Vorgänge, in welche jene Personen handelnd ein 
greifen, eine Fülle von einzelnen interessanten Zügen, 
Aussprüchen, Anekdoten u. dergl., die noch heute unter 
den Vertretern von Altkassel lebendig sind, ist zu einem 
lustigen Kranz zusammengewunden, und dürste hiervon 
Manches auch der ernsteren historischen Forschung nicht 
unwillkommen sein. Ob im Einzelnen der Herr Autor 
mit der geschichtlichen Wahrheit aus diesem und jenem 
Grunde nicht zuweilen Versteckspiel getrieben, mag der 
Leser au der Hand des fesselnden Buches selbst untersuchen. 
Die Darstellung ist spannend und lebendig, wenn auch 
der Dialog etwas zu viel ausgebildet erscheint; dasselbe 
gilt von dem humoristischen Element, das öfters au das 
Lustspiel erinnert. Die stark entwickelte Handlung, das 
stete Forteilen zu neuen Scenen' läßt ferner hier und da 
eine Art Hemmung, ein stärkeres Gegengewicht vermissen, 
wie dasselbe in dem stärkeren Betonen des Reflektirenden 
und in dev Kleinmalerei gegeben ist: ein liebevolles Ein 
gehen in die Situation, die Schilderung des Schauplatzes, 
auf dem sich die einzelnen Scenen abspielen, des Anzugs 
der Personen, kurz, der ganzen Stimmung und des 
Kolorits wäre hier öfters neben der Übrigen trefflichen 
Darstellung von bester Wirkung gewesen. Meister auf 
diesem Gebiete sind bekanntlich Dickens und Reuter, 
deren Studium in dieser Hinsicht von großem Nutzen sein 
dürfte. 
Große Begabung verräth der Herr Verfasser im klebrigen 
in dem dramatischen Aufbau der Scenen, bei dem packenden 
Kapiteleingängen und wie schon bemerkt in dem lebendigen 
Humor sprudelnden Dialog. Eine nicht gewöhnliche Er 
findungsgabe macht sich überall wohlthuend bemerkbar, 
wie auch die Charakterzeichnung der Hauptpersonen nur 
als eine treffliche bezeichnet werden kann. Der Herr Re 
visor Morgelhahn ist keine jener Figuren, die heute in 
diesem Zeitungsroman so heißen, morgen so, heute jenen 
Rock tragen, morgen einen anderen, in dem jedoch in 
jedem Falle der alte langweilige Bruder steckt, der in 
hundert Romanen schon sein Wesen getrieben; ein wirk 
licher Mensch, gut und plastisch herausgearbeitet, tritt 
uns hier entgegen, der Typus jener nicht geringen Zahl 
von Personen, welche vor .einem halben Jahrhundert die 
Politik in Kassel machten. 
So mag denn der Herr Revisor seinen Weg antreten; 
wir wünschen ihm Glück und Segen auf die Reise. Ueberall 
im Stammlande, und wo Hessen weilen, wird das Buch 
willkommen sein. Ein interessanteres Weihnachtsgeschenk, 
namentlich für die ältere Generation, dürfte in diesem 
Jahre wohl kaum gefunden werden. Öu. Dange. 
Die Bilstein er vvn Lotte Gu balle. Umschlag 
zeichnung von A. Wagner. 143 S. Kassel 
(Verlag von Karl Vietor, Hofbuchhandlung) 
1902. Brosch. Mk. 1.50, geb. Mk. 2.-. 
Unter diesem Titel legt uns im Verlag der Vietor'schen 
Hosbuchhandlung zu Kassel eine neue hessische Schrift 
stellerin ihr Hermann S u d e r m a n n gewidmetes 
Erstlingswerk vor. Die in Berlin lebende Verfasserin 
ist Witzenhäuserin von Geburt, und hessisches Gepräge 
tragen auch die drei Geschichten, die in dem Bändchen 
vereinigt sind. Die erste von ihnen, „Die B i l st e i n e x", 
zeigt uns, verkörpert durch einen hessischen Pastoren und 
dessen Patronatsherrin, die verlockenden, im praktischen 
Leben aber so sehr versagenden Lehren des Buddhismus, 
denen ein gesundes werkthätiges Christenthum gegenüber 
steht. Im „Vorfrühling", der zweiten Geschichte, 
sehen wir hellen Sonnenschein in das Herz eines Pessimisten 
einkehren und einen glücklichen Liebesfrühling heraufführen, 
und in reizvoller Weise wird gezeigt, wie auch einmal 
altes hessisches selbstgesponnenes Linnen zum Heiraths- 
vermittler werden kann. Die Schlußerzählung bildet das 
„Ja-Jachen", die ergreifende Geschichte eines armen 
Mädchens, das muthig sein Bündel Unglück durch die 
Welt schleppt und nach seinem Tod ein kleines liebreizendes 
Wesen zurückläßt, das aber in gute Hände kommt und 
durch die Liebe beglückt und selbst beglückt wird. Wir 
möchten das Buch nicht in dem Gedränge des Weihnachts 
büchermarktes hier abfertigen, sondern behalten uns vor, 
später noch einmal eingehender darauf zurück zu kommen, da 
wir der festen Ueberzeugung sind, daß hier der hessischen 
Literatur eine wirklich bedeutende Schriftstellerin erstanden 
ist. Wenn uns nicht alles trügt, dürfen wir in Lotte 
Gubalke für die Prosa das begrüßen, was uns für Hessen 
Anna Ritter in der Lyrik geworden ist. K'bach. 
Die Pflastermeifterin. Roman von Alfred 
Bock. 170 S. Berlin (F. Fontane L Co.) 
1901. Preis brosch. Mk. 2.—, geb. M. 3.— 
Der Flurfchütz. Roman von Alfred Bock. 
96 S'. Berlin (F. Fontane & Co.) 1901. 
Preis brofch. Mk. 1.-, geb. Mk. 2.— 
Auch diese beider: Werke segeln unter der Flagge der 
„Heimathkunst". Der Verfasser der Kulturbilder „Ans 
einer kleinen Universitätsstadt" Alfred Bock lgeb. 1859 
irr Gießen) ist auf dem Gebiet der Literatur kein Neuling 
mehr. Er ist der erste gewesen, der mit seinem Schauspiel 
„Der Gymnasialdirektvr" (1895), das an die bekannte Affäre 
der „Schiller'schen Räuber" in Gießen anknüpft, die Schule 
auf die Bühne gebracht hat, und ist somit ein interessanter 
Vorläufer eines Max Dreyer und Otto Ernst. 
Wuchs schon diese Arbeit ganz aus heimischem Boden hervor, 
und trugen schon seine Novellen „Wo die Straßen enger 
werden" (1898) vorwiegend heimathlichen Charakter, so 
hat er sich jetzt, da die Parole „Heimathkunst" allent 
halben ertönt, mit den beiden Romanen „Die Pflaster-
	        

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