Full text: Hessenland (15.1901)

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Heimathkunst wie kaum einem andern Stamm. Aber 
solange wir keinen Goethe und Schiller mehr haben, 
sollte man nicht wenigstens da mit einem Gottfried Keller, 
Wilhelm Raabe, Theodor Storm, Ludwig Anzengruber 
und Peter Rosegger zufrieden sein? Auch die örtliche 
Kunst hat ihre Berechtigung (jedenfalls vielmehr als die 
zeitgenössische dekadente Kunst) und wird im engeren Kreise 
stets eine gewisse Bedeutung behalten. Nur freilich darf 
mau den Begriff „Heimathkunst" nicht gar zu trivial 
auffassen und jeden Volksschriftsteller und Dichterling, 
der ein Lied zum Preise seiner Heimath singt, gleich einen 
Heimathkünstler nennen. Solcher „Künstler" haben wir 
schon ohnehin genug. Sie brauchen nicht erst durch einen 
„Heimathkalender" an's Tageslicht gezogen zu werden. 
Wenn wir von diesen Gesichtspunkten aus den uns vor 
liegenden Heimathkalender betrachten, den unser Lands 
mann Pa ul Heidelbach auf den diesjährigen Weihnachts 
markt gebracht hat, so müssen wir uns freuen, daß 
er eine so vornehme Auffassung vom Begriff „Heimath 
kunst" hat und ihm dankbar sein für den literarischen 
Takt, mit welchem er bei der Zusammenstellung des Jahr 
buches zu Wege gegangen ist, trotzdem gerade hier die 
Gefahr, sich von landsmannschaftlichen Gefühlen verwirren 
zu lassen, sehr nahe lag. Julius Rodenberg, der 
bereits 1854 als Marburger Student mit Heinrich 
Koenig, Herman Grimm, Karl Lynker, Karl 
Schmitt, Luise v. Ploennies u. a. ein „Hessisches 
Jahrbuch" herausgab, leitet in Erinnerung an jene Zeit 
in sinniger Weise das Heimathbuch ein. Ihm folgt der be 
gabte Gustav Adolf Müller mit einem gutempfundenen, 
in der Form vollendeten Gedicht „Heimath". Derselbe 
Dichter ist noch mit fünf weiteren Gedichten, von denen 
„Trennung" besonderes hervorgehoben sei, und einer 
wohlgelungenen Skizze „Der Träumer" vertreten. Von 
sonstigen poetischen Beiträgen verdient namentlich Wilhelm 
Bcnneckc's „Lumpenlied" genannt zu werden. Es ist 
in Form und Inhalt echt volksthümlich und von einem 
grotesken Humor beseelt. Auch Hans Altmüller's 
Gedicht „Wilhelmsthal", das von dem Rococoschlößchen 
zu Wilhelmsthal handelt und (mit Ausnahme des Reimes 
„sah' — beautes") in der Form meisterhaft ist, und Karl 
Ernst Knodt's „Druckfehlerteufel" zeigen einen seinen 
Humor, während ans den Poesieen einer uns bisher un 
bekannten Dichterin Meta Artzt herbes Leid und weh- 
muthsvollc Entsagung klingen. Unter den Prosabeiträgen 
steht Wilhelm Holz am er's Skizze „Das Gesangs- 
fest" an der Spitze des Buches. Doch gefällt uns Holz- 
amer's Art hier° weniger als der sanfte Hauch von 
Stimmungsmalerei. der uns aus seinen schlichten, tief 
empfundenen „Hessischen Dorfgeschichten" entgegenweht. Eine 
hessische Dorfgeschichte, nicht übel gelungen, bietet 
Wilhelm Radegast, Gedichte in Kasseler Mundart 
Heinrich Jonas, vortreffliche Schinkenburger Ge 
schichten Lotte Gubalkc, geb. Rothamel. Diese 
liebenswürdige. Humor- und phantasiebegabte Dichterin, 
die soeben mit ihren „Bilsteinern" in Hessen debütirt hat, 
entwirft weiterhin anmuthige Bilder über die Bevölkerung 
Hessens, die von einer genauen Kenntniß ihres Heimathlandes 
zeugen. Von den übrigen Prosabeiträgen verdienen Er 
wähnung des Herausgebers lokal- und literarhistorische 
Studie „Goethe in Kassel", die von gründlicher Quellen- 
kenntniß und geschickter Verarbeitung zeugt, W. Bennecke's 
Aussaß „Die Romantik der Löwenburg", der in an 
genehmem Plauderton über romantische Geschichten handelt, 
die sich inJm mcrmann's „Münchhausen" undEduard 
Maria Lettin g er 's historisch-humoristischem Roman 
„König Jerome und sein Capri" eingeflochten finden, eine 
historische Studie des Kasseler Geschichtsforschers vr. Karl 
Schwarz köpf über den Druselthurm zu Kassel, sowie 
endlich die sehr lesenswerten Betrachtungen vr. Hermann 
Warlich's über die Künstlerkolonie in Darmstadt. Be 
sonders sei auch des Buchschmuckes eines Kasseler Künstlers 
Adolf Wagner, einer Musikbeilage des Kasseler Musik 
direktors Theodor Müngersdorf und der geschmack 
vollen Ausstattung gedacht. Was der an sich werthvolle 
Schillerbrief, der sich im Besitz einer hessischen Dame befand, 
mit Hessen zu thun haben soll, war uns nicht recht er 
klärlich. Da wären doch wohl ungedruckte Grimm- oder 
Dingelstedtbriefe eher am Platze gewesen. 
Alles in Allem, wie bereits gesagt, eine echte hessische 
Weihnachtsgabe, die als erster Wurf vortrefflich gelungen 
ist, und namentlich, wenn sie später fortgesetzt und ent 
sprechend ergänzt wird, geeignet ist, das literarische Ansehen 
Hessens nach außen hin zu heben. Z8. j>. 
Der Odenwald und seine Nachbargebiete. 
Eine Landes- und Volkskunde. Unter Mit 
wirkung vieler Landeskenner herausgegeben von 
Georg Volk. XII und 439 S. Stuttgart 
(Hobbing & Büchle) 1900. Preis Mk. 10.—, 
eleg. geb. Mk. 12.— 
Eine emsige Thätigkeit entwickelt sich jetzt allenthalben 
auf dem Gebiet der hessischen Volkskunde. In der Ge- 
sammtvorstandssitzung des hessischen Geschichtsvereins vom 
21. Juni 1897 wurde das Sammeln von Ueberlieferungen 
auf dem Gebiet der hessischen Volkskunde unter Leitung 
von Oberbibliothekar vr. Brunner, Prof. vr. 
Schröder, Bibliothekar vr. Scherer und Direktorial 
assistent vr. Bo eh lau beschlossen (f. Mittheilungen, 
Jahrgang 1897, S. 15—16). Wie weit die Arbeiten 
bis heute gediehen sind, entzieht sich unserer Kenntniß. 
In der Sitzung vom 4. November 1898 beschloß ferner 
der Verein für Erdkunde in Kassel eine populär ge 
haltene Volkskunde für Hessen zu schaffen, die bisher eifrig 
gefördert worden ist und in nicht allzuferner Zeit 
unter dem Titel „Das.Hessenland und seine Bewohner" 
der Oeffentlichkeit übergeben wird. Von besonderem 
Interesse ist darin die von unserem Mitarbeiter Joh. 
Heinrich Schwalm (geb. 1864 zu Seigertshausen im 
Kreise Ziegeuhaiu) bearbeitete Darstellung der Schwalm, 
die zwar durchweg populär gehalten ist, aber an wichtiger 
Materialsammlung alle bisherigen Bearbeitungen in 
den Schatten stellt. Auch im Großherzogthum Hessen ist 
man augenblicklich lebhaft mit dem Sammeln volkskundlicher 
Literatur beschäftigt. Findet sich bereits in dem verdienst 
vollen Werk von Künzel-Soldan „Das Großherzogthum 
Hessen" *). (Gießen 1893, Verlag von Emil Roth) eine 
Menge volkskundlichen Materials aus Oberhessen, Starken 
burg und Rheinhessen niedergelegt, so hat sich 1899 noch eine 
besondere Abtheilung des „Oberhessischen Geschichtsvereins" 
gebildet (die sich neuerdings ganz davon abgezweigt hat) 
und ein zwanglos erscheinendes Organ „Blätter für 
hessische Volkskunde" unter Redaktion von Prof. vr. 
Strack in Gießen in's Leben gerufen, um das aus 
Grund systematisch ausgearbeiteter Fragebogen einlaufende 
Material zu verarbeiten und für die Wissenschaft nutzbar 
zu machen. 
Ein weiteres, großangelegtes Werk, speziell für die 
Provinz Starkenburg und die angrenzenden Gebietstheile, 
ist das uns vorliegende „Der Odenwald und seine Nachbar 
gebiete". Das prachtvoll ausgestattete, mit zahlreichen 
Illustrationen und zwei Karten versehene Buch behandelt 
in vier Theilen: die natürliche Beschaffenheit des Landes, 
die Bewohner, die Geschichte des Landes und seiner Be 
wohner, die Erwerbsverhältnisse. Für den ersten Theil 
*) Vgl. darüber „Hessenland" 1896, S. 43.
	        

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