Full text: Hessenland (15.1901)

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folger Wezilo versuchte vergeblich, sich bei den 
streng gregorianisch gesinnten Hasunger Bene 
diktinern Anerkennung zu verschaffen. Sie ver 
weigerten ihm den Gehorsam und mußten, um 
Feindseligkeiten aus dem Wege zu gehen, ihr 
Kloster verlassen. Der Abt fand mit seinen 
Mönchen, 50—70 an der Zahl, in seinem Mutter 
kloster Hirsau Zuflucht, wo man im August 
(wahrscheinlich des Jahres 1085) ankam.") In 
Hasungen wurden durch Wezilo andere Benediktiner 
eingesetzt, die dauernd im Besitz des Klosters 
blieben. Unter wechselndem Geschick bestand die 
Abtei mehrere Jahrhunderte hindurch.") Durch 
Kriegsereignisse, Feindseligkeiten der Nachbarn, 
Fenersbrünste und dergl. wurde ihr im Lause 
der Zeiten mancher Schaden zugefügt. Die Ver- 
") Vita Willi, abb. Hirs. in M. G. 83. XII, S. 217 
und Cod. Hirsaug. pag. 22. Der nach Hirsau zurück 
kehrende Hasunger Abt Gisilbert war vermuthlich der Nach 
folger des ersten Abts Lambert. 
") Ich unterlasse es, aus die fernere Klostergeschichte hier 
näher einzugehen. Man vergl. hierüber: „Das Kurfürsten 
thum Hessen u. s. w." S. 219 ff. (1860); ferner Schlereth, 
„Das Kloster Hasungen" in Zeitschr. f. Hess. Gesch. III, 
S. 137 ff. (1843) und Lyncker „Die Wüstung Schützeberg" 
in Zeitschr. f. Hess. Gesch. VI, S. 105 ff. (1850). 
waltung des anfänglich sehr bedeutenden, später 
geringeren Landbesitzes, der nicht nur in der 
näheren Umgebung, sondern zum Theil weit ent 
fernt lag, — selbst in Thüringen hatte das 
Kloster Besitzungen —, war wohl, abgesehen von 
der Befolgung der Ordensregeln, die Haupt 
beschäftigung der Klosterbrüder. Eine sonderliche 
Pflegestätte für die Wissenschaften scheint das 
Hasunger Kloster nicht gewesen zu sein, man 
müßte denn annehmen, daß seine Erzeugnisse auf 
diesem Gebiete verloren gegangen sind, was nur 
von den Hasunger Annalen, deren Spuren wir 
noch in anderen Geschichtswerken finden, feststeht. 
Doch nahm Hasungen unter den Klöstern Nieder 
hessens stets eine hervorragende Stelle ein. Für 
sein Ansehen spricht auch die Sage, wonach der 
Ahnherr des hessischen Fürstenhauses in seiner 
Kindheit eine Zeit lang der Obhut des Klosters 
anvertraut wurde. Die Reformation, welche 
Dank dem Eifer und der Thatkraft Philipp's des 
Großmüthigen in Hessen begeisterte Aufnahme 
fand, führte auch in Hasungen zur Auslösung 
der Abtei. Die Säkularisation erfolgte im 
Jahre 1528. 
(Schluß folgt.) 
Hun fommt’s im Fluge nah und näher, 
Als triebe uns des Winds Gebraus: 
werd' ich's erkennen, werd' ich's sehen, 
Das alte, liebe Heimathhaus? 
Schon sinkt die Nacht, vorn Himmel hängen 
Die grauen Wolken trüb und schwer. 
Die Wälder, längst vom Herbst entblättert, 
Sie liegen schweigsam rings umher. 
Ein grünes Lichblatt weht in's Fenster. 
Ein letzter Rest vom Flitterstaat, 
Mit dem der Frühling jüngst die Erde 
So frisch und schön behängen hat. 
Vorbei — vorbei an Dorf und Weiler — 
Vorbei an Hügel, Schlucht und Thal. 
Ich folg' der grauen Spur der Wege, 
Die ich gegangen tausendmal. 
Ich folg' den Spuren alter Bäume, 
Die meiner Jugend stolz geweht. 
Bin Hessenkind — ein Aind der Treue, 
Und meine Seel' in Heimweh bebt. 
was aber schimmert wie Verheißung 
Im dunklen Thale? Siehst du? Dort! 
Das sind die kleinen Lichteraugen 
Aus meiner Heimath trautem Vrt. 
Ja — die Laternen an der Brücke! 
Noch zuckt ihr Schein und strahlt im Bach I 
Es ragt ob alten Giebelhäusern 
Das hohe, ernste Rathhausdach. 
Gleich lieben, alten Freundesaugen 
Erstrahlt des Städtchens Lichterschein — 
Doch ach! mich schmerzt des Freundes Grüßen, 
wenn seine Liebe nicht mehr mein. 
Nun schrillt des Führers grelle Pfeife, 
Und zwei Minuten hält die Bahn. 
Steht Niemand hier — mich zu begrüßen, 
Rain ich so unerwartet an? 
Doch nein, ich will ja hier nicht rasten. 
Mir scheint es nur, als müßt's so sein! 
Als zögen mich die alten Bande 
wie sonst in diese Stadt hinein. 
Jetzt trifft mein Vhr ein fernes Rufen. 
Bei Gott, das ist des Wächters Horn! 
Er macht die Runde, mahnt zum Beten 
Und warnet vor des Himmels Zorn. 
tD still! Es kommt ein heißer Jammer 
Nach jenem Frieden über mich. 
Ich riefe gern mit lauter Stimme 
O —■ meine todte Heimath, dich! 
Dort, dort, wohin mein Blick nicht dringet, 
Tief, tief im Grunde liegt ein Grab. 
Ich kann nicht bleiben, dran zu beten, 
Dieweil ich and're Pflichten hab'. 
vorbei die Frist! — Der Zug fliegt weiter, 
Als triebe ihn des Winds Gebraus. 
Ls war kein Licht in deinen Fenstern — 
Ich sah dich nicht — mein Heimathhaus! 
Hherese Keiler-Kellner. 
(M. Herbert.)
	        

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