Full text: Hessenland (15.1901)

349 
fragenden Blick zu; aber er wurde nicht erwidert. 
Jiumer toller klang die Musik, immer erregter 
wurden die Gemüther! 
Da kam der Maurerkarl zu der Wittwe und 
setzte sich dicht neben sie. 
„Hin iß hin! — Er iß glücklich, worum solle' 
mir 's net sei?" 
-„Ach jo!" seufzte sie. 
„Wie die Teiwelsjonge' spiele'! Un 's Korlei!" 
Die Frau erbleichte um einen Schatten. 
„Wolle' mer?" 
„Ach, wenn er dos erlebt hätt'!" 
„Hott er früher schon! —Mehr noch." 
Er nahm einen Schluck und reichte ihr das 
Glas. 
„Wolle' mer?" wiederholte er sanfter. 
Sie stand ans, blieb aber, an die Wand gelehnt, 
stehen. 
„'s geht wild!" 
Sie seufzte. 
„Mei' armer Mann!" 
„Guck, wie der Borgermeister die Ann' dort 
schwingt!" 
„Wann ich so denk'!" 
„Komm doch!" 
„Mei' armer! " 
Ihre Augen leuchteten schon lebhafter; aber als 
wolle sie, die sündliche Regung hinnnterspülen, griff 
sie nach dem Glas und nahm einen festen Schluck. 
Der Tanz nahm immer noch kein Ende, und in 
die Rauchwolken, die den grünen Pfeifen entstiegen, 
mischte sich der Staub der engen Stube. 
„Wolle' mer?" 
„Ach mei' " 
Und sie trat einen Schritt vorwärts. 
„Wann 's so 'n langsame' wär!" sagte sie 
endlich mit bittersüßer Miene. 
Da drängte sich der Maurerkarl durch, und 
Hvlleder fiel zum allgemeinen Erstaunen in das 
getragene Tempo eines Walzers. 
„Mei' " 
Die Wittwe tanzte los. 
Sie tanzte auch später wieder und nicht nur 
Walzer und Schottisch, auch den landläufigen 
„Tollen". 
Um zehn Uhr schlich das Trauergesolge nach 
Hanse, befriedigt von dem würdigen Abschluß des 
„Leids". 
Der Gemeinderechner hätte das ja gerade so ge 
macht ! 
Kaum hatte seine Wittwe das Oellicht, welches 
an einem Draht über dem grauen Tisch hing, 
angezündet, als 's Korlei in die Stube trat. 
'„Jetzt bist Du frei! — Jetzt kannst Du mich 
behalte'!" 
„Ich Dich? — Nie!" 
„Du bist mei' Mutter! — Du hast mich der 
alt' Holledern mitgegebe'. wie ich noch kein' Tag 
alt war, um freie' zu könne'. Jetzt bleib ich." 
„Wer hat Dich geschickt?" 
„Ich komme von selbst." 
„So? — Ganz von selbst?" 
„Gewiß und wahrhaftig." 
Die Bäuerin sank auf die Bank. 
„Und Du meinst, jetzt könnt'st Du bleibe'?" 
„Ja!" 
„Es geht net, Korlei. Sicher net. Was soll 
die Gemeind' sage' ?" 
„Oder der Maurerkarl? — He?" 
„Der?" fiel es gedehnt von der Lippe der 
Wittwe, und sie athmete schwer. 
„Meinst, ich hätt' kei' Auge' ?" 
„Geh, Korlei!" 
„Und wann ich wieder komm', bist Du dem 
Maurer sei' Weib!" 
Die Frau wischte sich den Schweiß ab. 
„Was willst Du von mer?" 
„Bei Dir will ich bleiwe, aus Tagloh' gehe'. 
Fort von der Straß' will ich. Meinst am End', 
das wär' ei' Lebe'? Der alt' Holleder, der ecklige 
Kerl und der Wiedmann! — Schlecht genug habe' 
sie mich gemacht. Mutier!" 
Sie schrie das letzte Wort förmlich. 
„Und arbeite' willst Du? — Kannst Du 
arbeite'?" 
„Kei Mensch giebt's, der das net lerne' könnt'!" 
„Dich nimmt niemand." 
„Net?" 
Wie trostlos das klang! 
„Nie!" 
„Sie habe' mich aber doch gern?" 
„Wann Du springst und spielst und—" 
„Aber ich bleib!" Das Mädchen lachte auf 
einmal. 
„So? — Da will ich doch 'mal mit dem Alte' 
spreche'!" 
„Thu' das net!" hob das Mädchen an zu 
jammern und entblößte ihre Arme und Schultern. 
„Guck, Mutter, wie mich die Kerle behandle." 
Aber die Bäuerin sah nicht nach den blut 
unterlaufenen Malen, den kaum geheilten Wunden ... 
„Ich will net!" 
„Wer iß denn mei' Vater? — Sag' mer das 
doch!" 
„Der' Vater? — Ha! — Dei Vater iß todt. — 
Es war dem Borgermeister sei' Bruder, der im 
Stei'bruch abgestürzt- iß." 
„Warum habt ihr euch net gefreit? — Warum 
habt ihr mich allei' gelasse' ?" 
Wieder jammerte und heulte das Harfeumädchen.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.